Bitte stören!
Standard regt keine Konversation an. Hotels tun gut daran, ihren Gästen etwas Abnormität zuzumuten. Ein Aufruf zu charmanter Irritation.

Für gewöhnlich sind die Türanhänger in Hotels so unspektakulär, dass man sie nur eines flüchtigen Blickes würdigt. Zumeist rotgrün, plastifiziert – «Bitte nicht stören» halt. Lediglich ein weiteres Requisit in einem standardisierten Schema, durch das die Besucher in Hotel(ketten) gleiten.
Das Spiel beginnt beim Griff in die in der Lobby platzierten Bonbon-Schüssel, geht weiter über die als «Liftmusik» bekannte Beschallung auf dem Weg zum Zimmer, über die schmucklose Keycard, mit der man die Türe öffnet, über die Toilettenartikel im Miniformat, dank derer viele Hotelgäste auch noch gleich riechen, wenn sie morgens das Frühstücksbuffet stürmen. Die Hotelatmosphäre ist normiert und vorhersehbar. Gut ist, was nicht auffällt, was keine Aufmerksamkeit erregt, keine Reklamation hervorruft.
Zweckmässig ist das vielleicht und auch angenehm, doch bestimmt langweilig – und keinesfalls der Rede wert. Der Standard wird mit der Garantie geliefert, dass der auf seine letzte Reise angesprochene Gast von so manchem erzählen wird – ganz gewiss jedoch nicht vom Hotel. Ein freundlicher Empfang? Klar, aber damit will man niemanden langweilen. Das Zimmer sauber geputzt? Wen interessiert das schon? Aus Marketingsicht eine vergebene Chance, stützt man sich doch, gerade wenn es um die Wahl des Hotels geht, gerne auf die Empfehlung eines Bekannten.
Um die Kommunikationsmaschinerie in Bewegung zu bringen, bräuchte es auf Gastgeberseite allerdings mehr Mut, mehr Kreativität. Etwas, was den Gast zum Staunen bringt, was ihn überrascht. Etwa wild bemalte Wände, ein Kissen, das den Gast einlädt, «die Nacht mit ihm zu verbringen», ein «Schlaffant», der anstelle eines zweifelhaften Überwurfs auf dem Bett liegt und kuscheln will. Wieso nicht?
Anstatt «Bitte nicht stören» oder «Bitte aufräumen » ein Ringbuch, mit dem der Gast je nach Lust und Laune den Service vorwarnt, dass ein Monster hinter der Tür wartet («There’s a monster behind this door»), sich rechtfertigt («I’m normally a clean person») oder zugibt, dass er ohne Service aufgeschmissen wäre («No clue what I would do without you»). Wieso auch nicht?
Alles Kleinigkeiten gewiss, die der gestresste Besucher ignoriert. Dinge, die nicht beachtet werden müssen – aber können. Und wenn sie die Aufmerksamkeit des Gastes gewonnen haben, ihm ein Schmunzeln entlocken, ein Kopfschütteln auslösen oder gar Bedenken wecken, die holde Schönheit oberhalb des Bettes (suchen Sie sich eine unten aus) möge sich nachts loslösen und die Schlafende in den Träumen heimsuchen.

Zutaten, die den Aufenthalt aus dem Einheitsbrei katapultieren. Details, die in Erinnerung bleiben, die man weiter erzählt, die man vielleicht sogar fotografiert und verbreitet. Startpunkte für Kommunikation. Etwas, das vielen Hotels – selbst wenn sie alles richtig machen zur Zufriedenstellung des Gastes – zumeist nicht gelingt.
Bitte mehr davon.
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