Bitte nicht stören!

Kolumne Wir alle sind global, kommunizieren rund um die Welt. Doch mit der Kommunikation auf Kurzdistanz scheint es neuerdings mächtig zu hapern.

Kolumne Wir alle sind global, kommunizieren rund um die Welt. Doch mit der Kommunikation auf Kurzdistanz scheint es neuerdings mächtig zu hapern.Ihrem Partner haben Sie nichts mehr zu sagen? Die Kinder nerven und der Chef sowieso? Früher hätte man das Gespräch gesucht. Heute ziehen sich die Leute immer mehr zurück, verweigern jegliche Direktkommunikation und flüchten sich in ein anderes Leben. Eine ideale Plattform scheint «Second Life» zu sein. In diesem Online-Spiel konstruieren sich Menschen eine neue Welt – mit traumhaften Inseln, attraktiven Sexpartnern und der Möglichkeit, haufenweise Geld zu verdienen. Man ist nicht länger «Werni von der IT-Abteilung», sondern plötzlich ein kecker Gigolo mit Privatbesitztümern, von denen manche auf Erden nur träumen. Doch was ist eigentlich passiert mit uns? Der direkte Kontakt zu Menschen scheint – auch im Berufsalltag – immer schwieriger zu werden. Beispiel: automatische Telefonbeantworter. Im Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Zürich meldet sich keine nette Dame mehr, sondern die Stimme vom Computer. «Suchen Sie die Abteilung X, wählen Sie die 1» usw. Was tun, wenn ich nicht weiss, wo die gesuchte Person arbeitet? Ich bin total aufgeschmissen! Denn keiner will mit dem Anrufenden reden. Diese Bandansagen nerven nicht nur kolossal, sie signalisieren zugleich Abwehr, zu viel Arbeit, zu viel Stress. Bitte nicht stören, bedeutet das für mich.
Mir scheint, als ob viele Menschen den direkten Kontakt nicht mehr ertragen. Lieber mailen und sich quasi unsichtbar machen. Da mailen wir also um die halbe Welt, «sprechen» mit Amerika, Japan und Russland. Doch am Abend, beim Nachtessen am Familientisch bleibt so mancher Mann stumm. Auch er signalisiert «bitte nicht stören». Die Ehefrau scheint nicht mehr an ihn heranzukommen. Die Kinder möchten Aufmerksamkeit, er interpretiert dies als Nerverei. «Warum bin ich nicht James Bond?», fragt sich so mancher. Ein geiler Typ mit einem geilen Body und einem noch geileren Sportwagen. Flüchten, einfach weg aus diesem Leben. Ist immer noch einfacher, als sich mit sich selbst zu konfrontieren. Also suchen viele Menschen ihr Heil in Parallelwelten. Dieses Phänomen scheint verbreitet zu sein und der Irrglaube, auf leichte Weise zum richtigen Leben zu kommen, ebenso.
Es ist eine Geschichte über Nähe und Distanz. Wir ertragen die Nähe nicht mehr. Es ist einfacher mit Natascha aus Moskau zu mailen als mit Trudi im Wohnzimmer nebenan ein vernünftiges Gespräch zu führen. «Mit Trudi kann man sich auch nicht unterhalten», geht Ihnen jetzt durch den Kopf? Ja aber hallo? Warum unternehmen Sie dann schon nicht längst etwas? «Weil es so bequem ist», höre ich Sie sagen. Lebensängste und eine latente Überforderung im Alltag treiben uns in die Ferne. Als Plattform scheinen Internetwelten die Retter für diese Not. Dabei würde es sich lohnen, einfach mal über Burnout nachzudenken. Definitionen dazu liefert www.swissburnout.ch. Dort finden Sie übrigens auch einen kurzen Selbsttest, der Ihnen zeigt, wie nah Sie bereits am Abgrund stehen.
Und wem es einfach nur ums Spielen geht, dem empfehle ich die Neuauflage des guten alten Monopoly. Auch dort können Sie Liegenschaften kaufen – neuerdings sogar mit Kreditkarte. Oder wie wäre es mit einem guten Glas Rotwein am Kamin und einem Gespräch unter Freunden? Liebe Leserinnen und Leser, EIN Leben muss reichen.
 
Karin Müller ist Kommunikationsberaterin in Zürich

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