Begehren vs. Ordnung
Kolumne Aufmüpfige Ideen werden nicht in der Teppichetage geboren. Dort fragen sich die Manager höchstens nach der Wirtschaftlichkeit ihrer Strategie.
Kolumne Aufmüpfige Ideen werden nicht in der Teppichetage geboren. Dort fragen sich die Manager höchstens nach der Wirtschaftlichkeit ihrer Strategie.Es war im Jahr, als der Ringier-Konzern zusammenbrach. Chiara haute ab, um am Nordpol Eisbären vor dem Ertrinken zu retten. Tabak gab es nur noch auf dem Schwarzmarkt. Honorare wurden nach Body-Mass-Index bezahlt – zu meinem Nachteil. 2012, erinnere ich mich recht. Zwar wateten die Pendler auf den Bahnhöfen noch immer knietief in bedrucktem Papier. Transporthubschrauber bewarfen das Land flächendeckend mit der Weltwoche, dem Leib- und Magenblatt der antidemokratischen Rechten – und mit Konterfeis des Präsidenten Blocher. Kaum einer bückte sich.
Längst hatten sich Hedgefonds auch der Tamedia bemächtigt. Fernsehen guckte keiner mehr. Roger Schawinksi lehrte an der ETH experimentelle Philosophie. Jene Kioske, die überlebten, hielten Aspirin, Socken und Nippes feil. Skandierend zogen Medienökologen um die Ecken. Kurzum: Ein schönes Brodeln lag in der Luft.
In Winterthur soll es begonnen haben. Elf entlassene Journalisten richteten ein Atelier ein. Sie hingen einer neuen Medienökonomie an. Sie recherchierten und publizierten, machten eine Internet-Zeitung, gaben eine Tageszeitung, eine Wochenzeitung, einen voluminösen Newsletter heraus. Bald waren sie 32, betrieben ein Internet-Radio, dozierten Public Storytelling & Narration, und dies alles wäre Schaum des Tages geblieben, hätten sie nicht mit allem gebrochen, was das Metier für professionell und notwendig hielt.
Minimal-Art ihre Blätter: kaum Layout, alles für den Inhalt. Redaktionen waren passé, es ging um Produktion von Wissen, öffentlichem Diskurs. Jede Veröffentlichung zielte multimedial. Statt mit Reizen wucherten sie mit Substanz, wo Fast Think, Shakiras Höschen und «Redaktionsmanagement» gewütet hatten, dienten die Atelieristas der Höflichkeit von Relevanz, Aufklärung, Sinnlichkeit. Merkwürdig: Sie fanden Leser, Seher, Hörer. BBC kam, um das Unbegreifliche zu dokumentieren. Die Briten entdeckten eine weitläufige Community, die rege an den Produktionen des Ateliers teilnahm. Da schwante diesem und jenem Manager in den Medienkonzernen, zwischen der sinkenden Qualität ihrer «Produkte», ihrem lauten Auftritt und der Abneigung des Publikums möchte ein Zusammenhang wirken. War ihre Strategie ökonomisch obsolet? Klar, dass derlei widerborstiges Denken in den Teppichetagen nicht gedeihen konnte.
Das Begehren rebellierte gegen die Ordnung. Zur Jahreswende zählten die Forscher des IPMZ landesweit 16 Denkfabriken, 14 neue Tageszeitungen, unzählige Internet-Publikationen, 19 Wochenzeitungen und eine grassierende Szene. Weiter: Gänzlich neue Vertriebsformen. Eine medienökologische Partei. Und, in Biel, ein Institut für Journalismus, das die Ausbildung der Berufsleute endlich vom Kopf auf die Füsse stellte.
Aufregend. Nur: Das essentielle Problem freilich hatte die neue Szene nicht gelöst. Eine Menge neuer Stimmen machte erst einmal nur Kakophonie, prachtvolle Kakophonie zwar – aber lange noch keine Öffentlichkeit. Man raufte sich zum Disput zusammen. Zehn wilde Tage im Jura. Wir kennen das Resultat: Seither gibt es in allen grösseren Ortschaften des Landes eine Polis, einen Ort der Debatte. Ateliers unterschiedlichster Couleur vertreiben ihre Produktion gemeinsam, links und rechts im Kombiabo. Zu wichtigen Themen halten sie überall im Land Generalstände ab. Blocher soll …
Chiara? Ich kenne noch keine Chiara. «Kurze Nacht, was?» sagt die Bedienung. Der Kaffee ist lieblich, die Frau am Tresen schwarz und stark. Alles, wie es sein sollte. Und die Zukunft wird noch viel besser.
Oliver Fahrni, Publizist und Medienökologe
Längst hatten sich Hedgefonds auch der Tamedia bemächtigt. Fernsehen guckte keiner mehr. Roger Schawinksi lehrte an der ETH experimentelle Philosophie. Jene Kioske, die überlebten, hielten Aspirin, Socken und Nippes feil. Skandierend zogen Medienökologen um die Ecken. Kurzum: Ein schönes Brodeln lag in der Luft.
In Winterthur soll es begonnen haben. Elf entlassene Journalisten richteten ein Atelier ein. Sie hingen einer neuen Medienökonomie an. Sie recherchierten und publizierten, machten eine Internet-Zeitung, gaben eine Tageszeitung, eine Wochenzeitung, einen voluminösen Newsletter heraus. Bald waren sie 32, betrieben ein Internet-Radio, dozierten Public Storytelling & Narration, und dies alles wäre Schaum des Tages geblieben, hätten sie nicht mit allem gebrochen, was das Metier für professionell und notwendig hielt.
Minimal-Art ihre Blätter: kaum Layout, alles für den Inhalt. Redaktionen waren passé, es ging um Produktion von Wissen, öffentlichem Diskurs. Jede Veröffentlichung zielte multimedial. Statt mit Reizen wucherten sie mit Substanz, wo Fast Think, Shakiras Höschen und «Redaktionsmanagement» gewütet hatten, dienten die Atelieristas der Höflichkeit von Relevanz, Aufklärung, Sinnlichkeit. Merkwürdig: Sie fanden Leser, Seher, Hörer. BBC kam, um das Unbegreifliche zu dokumentieren. Die Briten entdeckten eine weitläufige Community, die rege an den Produktionen des Ateliers teilnahm. Da schwante diesem und jenem Manager in den Medienkonzernen, zwischen der sinkenden Qualität ihrer «Produkte», ihrem lauten Auftritt und der Abneigung des Publikums möchte ein Zusammenhang wirken. War ihre Strategie ökonomisch obsolet? Klar, dass derlei widerborstiges Denken in den Teppichetagen nicht gedeihen konnte.
Das Begehren rebellierte gegen die Ordnung. Zur Jahreswende zählten die Forscher des IPMZ landesweit 16 Denkfabriken, 14 neue Tageszeitungen, unzählige Internet-Publikationen, 19 Wochenzeitungen und eine grassierende Szene. Weiter: Gänzlich neue Vertriebsformen. Eine medienökologische Partei. Und, in Biel, ein Institut für Journalismus, das die Ausbildung der Berufsleute endlich vom Kopf auf die Füsse stellte.
Aufregend. Nur: Das essentielle Problem freilich hatte die neue Szene nicht gelöst. Eine Menge neuer Stimmen machte erst einmal nur Kakophonie, prachtvolle Kakophonie zwar – aber lange noch keine Öffentlichkeit. Man raufte sich zum Disput zusammen. Zehn wilde Tage im Jura. Wir kennen das Resultat: Seither gibt es in allen grösseren Ortschaften des Landes eine Polis, einen Ort der Debatte. Ateliers unterschiedlichster Couleur vertreiben ihre Produktion gemeinsam, links und rechts im Kombiabo. Zu wichtigen Themen halten sie überall im Land Generalstände ab. Blocher soll …
Chiara? Ich kenne noch keine Chiara. «Kurze Nacht, was?» sagt die Bedienung. Der Kaffee ist lieblich, die Frau am Tresen schwarz und stark. Alles, wie es sein sollte. Und die Zukunft wird noch viel besser.
Oliver Fahrni, Publizist und Medienökologe
