Beben und Kannibalen

Kolumne Die Schweiz bleibt auf absehbare Zeit ein Experimentierlabor für Medien, das man auch in den Nachbarländern aufmerksam beobachtet.

Kolumne Die Schweiz bleibt auf absehbare Zeit ein Experimentierlabor für Medien, das man auch in den Nachbarländern aufmerksam beobachtet.Die helvetische Medienlandschaft ist so sehr in Bewegung, dass der Verleger der Basler Zeitung, Matthias Hagemann, ein «Erdbeben der Stärke 12» diagnostiziert: Die Tamedia hat Ende Mai die Espace-Gruppe übernommen – und damit die beiden Hauptstadtblätter Berner Zeitung und Bund. Kurz darauf hat Ringier seine TV-Zeitschriften an Springer und Bauer verkauft. Vor dem Deal mobilisierte pikanterweise das hauseigene Boulevardblatt Blick noch in einer regelrechten Kampagne Schweizer Urängste vor deutscher Überfremdung – und nicht zuletzt an solchen Besorgnissen war vermutlich bereits zu einem früheren Zeitpunkt die Verschmelzung von Ringier mit Springer gescheitert.  
Kürzlich drang mit dem Spiegel ein weiteres deutsches Mediengrossunternehmen auf den kleinen, aber offenbar lukrativen hiesigen Printmarkt vor – wenn auch nur mit einer Beilage über die angebliche «Weltmacht Schweiz», die ihre Zielgruppe verfehlt haben dürfte: Sie hat eher Lesern in Hamburg als in Zürich einen «neuen» Blick auf die Schweiz eröffnet. Immerhin: Der Zeitpunkt war günstig: Mit Facts und Cash wurden wenige Tage zuvor die beiden unmittelbarsten Konkurrenten für die norddeutschen Invasoren eingestellt.
 
Im Grossraum Zürich führen darüber hinaus die beiden örtlichen Rivalen, die Verlagshäuser der Neuen Zürcher Zeitung und die Tamedia, eine erbitterte Schlacht um die letzten noch konzernunabhängigen Lokalblätter, die sie eins ums andere ihren Imperien einverleiben oder mit eigenen Regionalausgaben bekriegen.
 
Analytisch betrachtet, sind zwei sich überlagernde Trends zu beobachten: Zum einen wird die Schweiz von einem überfälligen Konzentrationsschub heimgesucht, bei dem eben auch ausländische Investoren ihre Schnäppchen machen: Während es beispielsweise schon als einzigartige Zeitungsvielfalt gewertet wird, dass in Berlin für 3,4 Millionen Menschen weiterhin neun Tageszeitungen erscheinen, werden für knapp 4,8 Millionen Deutschschweizer noch täglich Dutzende Titel gedruckt.
 
Zum anderen sinkt offenbar die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für Zeitungen und Zeitschriften. Im überbesetzten Segment qualitativ hochwertiger Print-Produkte ist deshalb ein mörderischer Überlebenskampf im Gange. Cash und Facts sind die ersten Opfer, aber auch bei anderen Qualitätsblättern und bei vielen Regionalzeitungen bröckeln die Auflagen und wandert ein Teil des Anzeigengeschäfts auf Nimmerwiedersehen ins Internet ab.
 
Geradezu kometenhaft ist dagegen das Gratisblatt 20 Minuten zur am weitesten verbreiteten Zeitung im Lande aufgestiegen. Soeben wurden 550 000 Exemplare verteilt – der bisherige Rekord. In diesem untersten Marktsegment wird viel Geld verdient; allein in der Deutschschweiz werden dort rund 120 Millionen Franken an Werbegeldern umgesetzt. Deshalb sind längst Nachahmer am Werk, weitere Gratis-Projekte sind in der Ausreifungsphase. Dabei besteht die Gefahr, dass die grossen Verlage ihre eigenen höherwertigen Printmedien kannibalisieren. Ein erstes Beispiel dafür könnte bereits das Wochenblatt Cash gewesen sein – was Ringier-Verlagsmanager Christoph Bauer, der für den Launch des Gratistitels Cash daily verantwortlich ist, allerdings vehement bestreitet.
 
Nur auf den ersten Blick überrascht, dass ausgerechnet ein Land wie die Schweiz, das auch im Bereich der Medien eher für solide Hochpreisprodukte steht, zum Vorreiter von Gratiszeitungen wurde. Die Erklärung hierfür ist einfach: Während in Deutschland ein Abwehrkartell der grossen Verlage Gratisblätter abgeblockt hat, hat sich Tamedia, der aggressivste Player auf dem Deutschschweizer Markt, die erste Schweizer Gratiszeitung einverleibt, das Marktsegment selbst besetzt und in atemberaubendem Tempo ausgebaut.
 
Es sieht so aus, als würde die Schweiz auf absehbare Zeit ein Experimentierlabor der Medienindustrie bleiben, das man auch in den Nachbarländern aufmerksam beobachten wird. Als nächstes, so empfahl soeben der Medienexperte und Ex-Tamedia-Manager Kurt W. Zimmermann, lasse sich wohl mit einer Gratis-Sonntagszeitung viel Geld verdienen. Auch deren gibt es bereits seit langem zwei: Il Mattino und Il Caffè erscheinen auf der Alpensüdseite in italienischer Sprache. Die beiden Früchte des Tessiner «Zitronenmarkts» (vgl. Werbewoche Nr. 24/2006) werden allerdings nördlich des Alpenhauptkamms noch nicht so richtig als Erfolgsmodelle wahrgenommen.
 
Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl leitet das Europäische Journalismus-Observatorium der Universität Lugano.

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