Aus gegebenem Anlass: Signalement des idealen Chefredaktors
Gleich zwei Chefredaktoren vertraut der Tamedia-Verwaltungsrat die Führung des Tages-Anzeigers an. Die Doppelspitze hat sich noch selten bewährt. In diesem Fall aber könnte sie funktionieren. Gastkommentar von Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor.
Frage an Radio Eriwan: Was ist der Unterschied zwischen einem Chefredaktor und einem Atomreaktor? Antwort: Im Prinzip gibt es keinen! Bei beiden ist das Problem der Endlagerung nicht gelöst.
Für ehemalige Chefredaktoren ist das «Leben danach» – aus welchen Gründen auch immer sie «ehemalig» geworden sein mögen – schwierig. Die Funktion des Chefredaktors ist eindeutig mit zu viel Sozialprestige beladen, als dass man sie locker fahren lassen und gegen eine journalistische Beschäftigung ohne Führungsverantwortung eintauschen könnte. Wer einmal ChefredaktorIn gewesen ist und es aus anderen denn aus Altersgründen nicht mehr ist oder nicht mehr sein mag, hat Erklärungsbedarf. Die Position wird nicht nur von den Betroffenen, sondern auch von der Umwelt zu stark gewichtet.
Was macht eigentlich ein Chefredaktor? Nur Romantiker unter den Journalisten glauben noch, dass er die edelste der Federn führe und deshalb von früh bis spät mit Inhalten zugange sei. (Und nur Romantiker unter den Verlegern küren deshalb den oder die, der/die am schönsten schreiben kann, zum/zur ChefredaktorIn.) Chefredaktoren sind Manager mit intellektuellem Hintergrund. Sie haben vier Kernkompetenzen: Sie üben – erstens – die Budgethoheit aus: Sie entscheiden über die Zuteilung der Ressourcen an die einzelnen Ressorts und Funktionen. Zweitens sind sie Personalchefs, besetzen also die Positionen in der Redaktion, kümmern sich um Personalentwicklung, um Aus- und Weiterbildung, um den Nachwuchs und manchmal auch um die Moral der kämpfenden Truppe. Also sind zwingend Führungs- und Sozialkompetenz gefordert. Und sie kümmern sich – was mit Punkt zwei, Personalwesen, in engem Zusammenhang steht – um die Inhalte, entscheiden mithin über das, was ins Blatt kommt – weniger als täglich aktive Blattmacher, sondern eher arbiträr, nämlich als Mediatoren in Konfliktsituationen. Vor allem aber geht es darum, redaktionelle Werthaltungen in den Alltag zu implementieren und inhaltliche Leitplanken abzustecken. Und richtig: Schreiben tun sie auch, die ChefredaktorInnen, und manche tun es gern und gut. Aber so, wie die Dinge heute liegen (und so lange, wie die Sitzungen heute zu dauern pflegen), tun sie es vor allem in ihrer Freizeit oder wenn normale Menschen schlafen.
Nein, ein «normaler Mensch», ein «normaler Manager» ist der Chefredaktor in keiner Weise. Er schöpft das ganze Alphabet der Berufswelt aus. Er ist Anreger, Beweger, Botschafter, Budgetspezialist, Coach, Dealmaker, Dompteur, Dozent, Händchenhalter, Kommentator, Marketingmensch, Mediator, Personalchef, Psychologe, Stratege, Taktiker – und ob dieser Fülle der Aufgaben und mit fortschreitender Desillusionierung läuft er immer stärker Gefahr, als Zyniker zu enden. In Zeiten des Sparzwangs und der gesättigten Märkte werden zusätzlich noch akrobatische Künste verlangt, denn der Spagat zwischen Wollen und Können wird immer schwieriger. Mit anderen Worten: Gefragt ist einmal mehr die Eier legende Wollmilchsau, flugfähig, sich selbst ernährend und Dioxin-resistent …
So gesehen ist der Entscheid des Tamedia-Verwaltungsrates von vergangener Woche über die Besetzung der Spitze des Tages-Anzeigers durchaus nachvollziehbar, obwohl er auch als taktisches Kalkül (divide et impera) verstanden werden kann. Bedenken weckt, dass sich die Doppelspitze auf dem Journalistenmarkt, der ja voll ist von starken, aber leicht kränkbaren Egos, bisher nur sehr selten bewährt hat.
Zum Glück sind die beiden Kollegen, die es getroffen hat, so verschieden, dass sie eine faire Chance haben, gut miteinander zu funktionieren, gerade wenn es darum geht, den Tages-Anzeiger als kompaktere, in der Herstellung günstigere Zeitung ein Stück weit neu zu erfinden. Res Strehle ist der beste Redaktor, den ich je erlebt habe: ein Anreger, Förderer und Beweger, der aus einem riesigen Fundus von Wissen und Belesenheit schöpft und der die Gabe besitzt, eine Produktion oder ein Team zu begleiten, ohne als Aufpasser oder Besserwisser aufzutreten. Markus Eisenhut hat den Ruf, ein organisierter, durchsetzungsstarker redaktioneller Manager zu sein, ein robuster Wegputzer von der pragmatischen Sorte und ausgestattet mit ökonomischem Sachverstand wie Strehle übrigens auch. Wenn sich die beiden nicht in die Haare geraten, können sie einen Teil der vorgegebenen Ziele erreichen.
Es wird ihnen Glück gewünscht. Sie können es brauchen.
Für ehemalige Chefredaktoren ist das «Leben danach» – aus welchen Gründen auch immer sie «ehemalig» geworden sein mögen – schwierig. Die Funktion des Chefredaktors ist eindeutig mit zu viel Sozialprestige beladen, als dass man sie locker fahren lassen und gegen eine journalistische Beschäftigung ohne Führungsverantwortung eintauschen könnte. Wer einmal ChefredaktorIn gewesen ist und es aus anderen denn aus Altersgründen nicht mehr ist oder nicht mehr sein mag, hat Erklärungsbedarf. Die Position wird nicht nur von den Betroffenen, sondern auch von der Umwelt zu stark gewichtet.
Was macht eigentlich ein Chefredaktor? Nur Romantiker unter den Journalisten glauben noch, dass er die edelste der Federn führe und deshalb von früh bis spät mit Inhalten zugange sei. (Und nur Romantiker unter den Verlegern küren deshalb den oder die, der/die am schönsten schreiben kann, zum/zur ChefredaktorIn.) Chefredaktoren sind Manager mit intellektuellem Hintergrund. Sie haben vier Kernkompetenzen: Sie üben – erstens – die Budgethoheit aus: Sie entscheiden über die Zuteilung der Ressourcen an die einzelnen Ressorts und Funktionen. Zweitens sind sie Personalchefs, besetzen also die Positionen in der Redaktion, kümmern sich um Personalentwicklung, um Aus- und Weiterbildung, um den Nachwuchs und manchmal auch um die Moral der kämpfenden Truppe. Also sind zwingend Führungs- und Sozialkompetenz gefordert. Und sie kümmern sich – was mit Punkt zwei, Personalwesen, in engem Zusammenhang steht – um die Inhalte, entscheiden mithin über das, was ins Blatt kommt – weniger als täglich aktive Blattmacher, sondern eher arbiträr, nämlich als Mediatoren in Konfliktsituationen. Vor allem aber geht es darum, redaktionelle Werthaltungen in den Alltag zu implementieren und inhaltliche Leitplanken abzustecken. Und richtig: Schreiben tun sie auch, die ChefredaktorInnen, und manche tun es gern und gut. Aber so, wie die Dinge heute liegen (und so lange, wie die Sitzungen heute zu dauern pflegen), tun sie es vor allem in ihrer Freizeit oder wenn normale Menschen schlafen.
Nein, ein «normaler Mensch», ein «normaler Manager» ist der Chefredaktor in keiner Weise. Er schöpft das ganze Alphabet der Berufswelt aus. Er ist Anreger, Beweger, Botschafter, Budgetspezialist, Coach, Dealmaker, Dompteur, Dozent, Händchenhalter, Kommentator, Marketingmensch, Mediator, Personalchef, Psychologe, Stratege, Taktiker – und ob dieser Fülle der Aufgaben und mit fortschreitender Desillusionierung läuft er immer stärker Gefahr, als Zyniker zu enden. In Zeiten des Sparzwangs und der gesättigten Märkte werden zusätzlich noch akrobatische Künste verlangt, denn der Spagat zwischen Wollen und Können wird immer schwieriger. Mit anderen Worten: Gefragt ist einmal mehr die Eier legende Wollmilchsau, flugfähig, sich selbst ernährend und Dioxin-resistent …
So gesehen ist der Entscheid des Tamedia-Verwaltungsrates von vergangener Woche über die Besetzung der Spitze des Tages-Anzeigers durchaus nachvollziehbar, obwohl er auch als taktisches Kalkül (divide et impera) verstanden werden kann. Bedenken weckt, dass sich die Doppelspitze auf dem Journalistenmarkt, der ja voll ist von starken, aber leicht kränkbaren Egos, bisher nur sehr selten bewährt hat.
Zum Glück sind die beiden Kollegen, die es getroffen hat, so verschieden, dass sie eine faire Chance haben, gut miteinander zu funktionieren, gerade wenn es darum geht, den Tages-Anzeiger als kompaktere, in der Herstellung günstigere Zeitung ein Stück weit neu zu erfinden. Res Strehle ist der beste Redaktor, den ich je erlebt habe: ein Anreger, Förderer und Beweger, der aus einem riesigen Fundus von Wissen und Belesenheit schöpft und der die Gabe besitzt, eine Produktion oder ein Team zu begleiten, ohne als Aufpasser oder Besserwisser aufzutreten. Markus Eisenhut hat den Ruf, ein organisierter, durchsetzungsstarker redaktioneller Manager zu sein, ein robuster Wegputzer von der pragmatischen Sorte und ausgestattet mit ökonomischem Sachverstand wie Strehle übrigens auch. Wenn sich die beiden nicht in die Haare geraten, können sie einen Teil der vorgegebenen Ziele erreichen.
Es wird ihnen Glück gewünscht. Sie können es brauchen.
