Aufgespiesst: Wie Werbung wirkt – und wie nicht
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Fische und romantisches Geblubber.
Sie haben Recht. Der Spot läuft schon seit November 2011. Trotzdem muss ich da jetzt noch mal ran. Es geht um den Fisch-Film: Sie wissen schon, der Spot mit dem Fisch und dem Ring, der beim Heiratsantrag auf einem Steg ins Wasser plumpst und dann beim Candlelight Dinner im Magen des Schuppentieres und im Maul der Braut wieder auftaucht – die den Klunker ablutscht, an ihren Finger steckt und so «ja» sagt. Unter Tränen natürlich. Ich fand den Spot witzig. Gut, ich gebe zu, dass ich mir gewünscht habe, auch mal so einen romantischen Glücksfall zu erleben. Ich fand den Spot also Oberklasse. Dann habe ich das Werbefilmchen eine Weile nicht gesehen und es ins hinterste Tiefkühl- regal meines Gehirns verdrängt. Das Leben ist schliesslich schon romantisch genug, wer braucht da Solitäre und Fisch bei Kerzenschein? Oder glückliche Zufälle?
Ein Klavier, ein Klavier
Nun läuft derzeit im Radio oft ein Lied, das mir sehr gut gefällt: «Me, myself and my piano» von der Augsburger Band Nova International featuring Lauren Talbot. Manche Leute sortieren den Song in die Schublade Mainstream-Mauerblümchen-Pop. Das stört mich nicht. Mir gefällt das Gedudel. Und man kann sich prima danach die Wimpern pimpern. Neulich sah ich dann mal wieder fern und hörte «mein» Lied von dem Mädchen, das sich weit weg von daheim an sich selbst und sein Klavier klammert (stellen Sie sich das ruhig mal bildlich vor). Der Song unterlegte diese Werbe-Nummer am Teich, bei der der Dubbel den Solitär ins Wasser fallen lässt und dann – das Glück ist mit den geistig Armen – den Fisch kauft, der seinen Liebes-Blingbling gefressen hat.
Zusammenfassend: Mir gefiel der Spot mal sehr gut, und ich mag das Lied sehr. Sie passen aber nicht zusammen: Was hat ein Fisch mit einem Piano zu tun? Dass das Liebeslied romantische Gefühle schürt, kann nicht genügen, um für einen Werbefilm, der sich um ein Liebespaar dreht, zu passen, oder?! Dass der Song extra für den Spot geschrieben wurde, macht es nur noch schlimmer. Wie wohl das Briefing aussah? «Schreib mal einen Song zu einem Spot mit einem Ring und einem Fisch. Es kann auch ein Klavier drin vorkommen.» Wer, um Himmels Willen, ist auf das Piano gekommen? Und was war zuerst da, Fisch oder Klavier, Spot oder Song? Wenigstens hätten sie einen Steinway irgendwo in den Film einbauen können, damit ein Zusammenhang zwischen Bild und Ton entsteht. Ja, klar ist das platt. Aber will ein Fernsehabend-gebeuteltes Hirn Herausforderungen oder totale Harmonie und Entspannung?
Das Morgen-Desaster
Die Konsequenz aus der leichtfertigen Kombination von Bild und Ton ist, dass ich immer, wenn «Me, myself and my piano» im Radio läuft (und das tut es derzeit fast jeden Morgen), an Fisch denken muss. Morgens um halb acht, an Fisch, beim Stylen. Eine Zumutung! Ausserdem total unromantisch, verdirbt mir die Laune. Und wem habe ich das zu verdanken? Eben. Wem eigentlich?
Wofür der Spot wirbt, kam mir auch bei scharfem Hindenken nicht in den Sinn. Dabei habe ich ihn x Mal gesehen. Erst seit ich es für diese Kolumne genauer wissen musste, ist mir bewusst, dass der Fisch-Film ein Werbespot für Coop ist. Ach, darum graben die das Teil nach zwei Jahren wieder aus. Ein schlichtes Ablenkungsmanöver: Wer wird bei einem Fisch und einem Piano noch an Pferdefleisch denken? Da lachen ja die Hühner!
