Aufgespiesst: Que sera, sera

Werbewoche-Redaktorin Simone Fankhauser über die gefährliche «Prognostitis».

Es ist wieder so weit: Die Regale verschwinden unter Christbaumkugeln, Lametta und allerlei schön verziertem Schnickschnack. Die Schaufenster leuchten in allen Farben und aus den Lautsprechern säuselt Bing Crosbys Stimme. Doch hört, da mischt sich unheilvolles Getöse unter die fröhlichen Klänge: «Krise unter dem Weihnachtsbaum.» Eine Konsumentenumfrage von Ernst & Young sagt dem Detailhandel bereits grosse Verluste voraus. Nur gerade 258 Franken wollen Herr und Frau Schweizer dieses Jahr für Geschenke ausgeben. Das sind laut dem Beratungsunternehmen exakt 43 Franken oder 14 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Das Weihnachtsgeschäft lässt erst den Motor warm laufen und schon orakelt man, dass das Benzin nicht bis ans Ziel reicht. Ein Schicksal, mit dem der Schweizer Detailhandel nicht allein steht. Forschungsinstitute und Experten geben Wahlprognosen ab. Zukunftsforscher wissen schon heute, was morgen in ist. Hellseher Ivan und seine Branchenkolleginnen und -kollegen inserieren zahlreich im Annabelle-Pinboard. Keine Frage, das Geschäft mit der Zukunft floriert.

Aber was bringt er uns, der Blick in die Karten des Schicksals? Reisen wir zurück zu unseren haarigen Anfängen. Aus evolutionstechnischer Sicht kann es durchaus als Vorteil gewertet werden, wenn man damals im Voraus wusste, wo der Säbelzahntiger lauert. Die Tatsache, dass unsere Spezies noch heute den Planeten (über-)bevölkert, lässt zwei Vermutungen zu: Ein behaarter Mike Shiva half bereits unseren Vorfahren, den richtigen Weg zu finden – für den Preis von drei Mammutfellen versteht sich. Oder der Mensch hat sich schneller vermehrt als die Population seines animalischen Feindes. Angesichts des siebenmilliardsten Erdenbürgers, den wir unlängst in unserer Mitte empfangen mussten, tippe ich auf Letzteres. Also versagt die Evolutionstheorie in Bezug auf die Prognosen der Gegenwart. Welchen Nutzen hat also der Souverän davon, wenn er zwei Monate vor den Nationalratswahlen liest, dass die SVP voraussichtlich als Siegerin hervorgehen wird? Oder was nützt den restlichen 7 700'500 Einwohnern der Schweiz die Information, dass 500 andere für ihre Weihnachtsgeschenke «nur» 258 Franken hinblättern wollen? Sind wir etwa Teil einer riesigen Verschwörung? Es ist hinlänglich bekannt, welchen Einfluss Wahrsager nehmen können. Was im Kleinen funktioniert, könnte auch im Grossen System haben: Wenn man uns Wählern prognostiziert, dass die SVP gewinnt, dann sagen wir: «Pha, nicht mit uns», und wählen grünliberal und BDP. Letztere haben also den Forschungsinstituten und Experten eine nette Summe überwiesen – kein Wunder, waren sie in Zeitungen und an Plakatwänden weniger präsent als die SVP. Dieser Theorie folgend wird schnell klar: Auch die «Ernst & Young»-Prognose ist gekauft! Und zwar vom Detailhandel. «Pha», soll sich der Schweizer Konsument sagen, «ich lass mich von der allgemeinen Krisenstimmung nicht beeinflussen und investiere antizyklisch.» Wieso sonst werden solche Umfrageergebnisse und Prognosen durch alle Medien geschleift?

Ich zähle mich eigentlich nicht zu den Verschwörungstheoretikern. Um das aktuelle Weihnachtsgeschäft mache ich mir trotzdem keine Sorgen. Denn was ist, wenn das Budget schon aufgebraucht ist, aber genau dieser süsse Teddy noch in der Sammlung meiner Tochter fehlt? Oder mich beim Schalkauf für meinen Mann ausgerechnet dieser tolle Hut anlacht? Eben, man gönnt sich ja sonst nichts. Ich bin gespannt auf die harten Zahlen des Weihnachtsgeschäfts. What will be, will be …
 

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