Céleste Spahić, Tech-Philosophin: «Die KI stellt Fragen, der Mensch denkt» | Text Akademie Podcast #51
Céleste Spahić baut Technologie und denkt über sie nach. Im Podcast «AI und Gesellschaft» erklärt die Mitautorin des Buches «Unlock your [ai]dentity», warum die Werbelogik der Plattformen auf die Psyche schlägt, was KI Kreativen bringt und weshalb man beim Prompten immer mit einem Mitleser rechnen sollte.
Wer im Meta Ads Manager eine Kampagne aufsetzt, kann Zielgruppen nach Mustang-Fans oder Regierungen in Asien filtern. Wer Hochzeitsplanern folgt, gilt als verlobt. Mit «Advantage+ Audience» braucht der Algorithmus nicht einmal mehr Vorgaben. So beschreibt es das Buch «Unlock your [ai]dentity» von Céleste und Marinko Spahić. Die Rechnung dahinter: Mehr Zeit auf der Plattform bedeutet mehr Werbung, mehr Werbung bedeutet mehr Geld.
Céleste Spahić hat das Start-up «Mindzeit» gegründet, eine App für mentale Gesundheit, wurde 2023 als Female Founder of the Year ausgezeichnet und nennt sich Tech-Philosophin: Sie denkt über Technologie nach und baut selbst welche. In der neuen Folge des Podcasts «AI und Gesellschaft» erklärt sie, warum sie KI trotzdem nicht verteufelt. «Technologie ist nun mal ein Werkzeug, und ein Werkzeug kann verstärken in beide Richtungen.» Zu Kants «Sapere aude» komme heute «Conscius esse aude»: habe den Mut, bewusst zu sein. Also wahrzunehmen, was die Technologie mit einem macht.
Mit KI diskutieren wie mit Philosophen
Den häufigsten Fehler im Umgang mit KI sieht sie darin, das Sprachmodell als Antwortmaschine zu nutzen. Sie spielt es vor: «Schreib mir diese Mail.» «Ja, geschrieben.» «Schick ich raus.» Wer den Output nicht mehr prüft, gibt das Denken ab. Sie versteht die Arbeit mit KI als Schleife: «Es ist ein Dialog. Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen Large Language Model und Mensch.» Im Buch heisst das sokratischer Dialogpartner: Die KI stellt Fragen, der Mensch denkt.
Viele Texter und Kreativschaffende sehen KI als Bedrohung. Spahić trennt zwei Debatten. Die Kreativszene habe reale Probleme, etwa beim Urheberrecht. Davon unabhängig sei die Frage, ob man seine Kreativität auslagert oder verstärkt. «Kreativität ist die Fähigkeit, Dinge zu kombinieren, die man vorher nicht so kombiniert hat.» Der erste Schritt bleibe beim Menschen. Erst dann kommt das Sprachmodell ins Spiel.
«Generation KI – das sind wir alle»
Die Prompts im Buch laden dazu ein, der KI Persönliches anzuvertrauen. Diese Daten landen bei US-Konzernen. Spahićs Rat: «Man sollte sich immer vorstellen: Da könnte jemand sein, der mitliest oder zuhört.» Klarnamen, Adressen und Kontodaten gehören nicht in den Chat. Deshalb wünscht sie sich datensouveräne Lösungen aus Europa, auch aus der Schweiz.
Statt auf Verbote setzt Spahić auf Regulierung und Bildung. Auf der phil.cologne leitete sie ein Panel, in dessen Rahmen mehr als 400 Schülerinnen und Schüler zu ihrer KI-Nutzung befragt wurden. Das Ergebnis: Fast 90 Prozent gaben an, ChatGPT für ihre Hausaufgaben zu nutzen. Umso wichtiger sei es, junge Menschen gezielt auf den Umgang mit KI vorzubereiten. Die sieben Future Skills aus ihrem Buch sollen deshalb fest in der schulischen Bildung verankert werden. «Wir alle sind Generation KI», sagt Spahić.
Die Podcastfolge auf Spotify
Die Episode mit Céleste Spahić ist Teil der Videoreihe «AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt», produziert von der Stiftung Schweizerische Text Akademie, Swiss Prompt Engineering Academy, Science City Davos und Lab42 Davos. Sie ist auf YouTube, Spotify und allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar. Moderiert von Christoph Soltmannowski, produziert von castalavista.com
