Blüten & Perlen: Gedankenstrick
Sarah Pally, Linguistin und Partnerin bei der Agentur Partner & Partner, nimmt in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» die (Werbe-)Sprache unter die Lupe. Dieses Mal: eine pointierte Betrachtung darüber, wie der Gedankenstrich plötzlich unter KI-Verdacht gerät – und warum ausgerechnet dieses kleine Zeichen zwischen stilistischer Sicherheit, algorithmischer Vorsicht und menschlicher Ausdruckskraft zur grossen Drama Queen der Interpunktion wird.
Wer zu faul zum Lesen war, konnte bislang oft schon anhand der Interpunktion feststellen, ob ein Profi einen Text verfasst hat oder nicht: Die Möglichkeiten werden von Profis nämlich meist lustvoll ausgeschöpft. Natürlich gibt es aber auch hier Purist:innen, die das (bewusst) nicht machen – also ganz sicher war dieser Test natürlich nie.
Wer heute allerdings zu faul zum Lesen ist und irgendwo einen Gedankenstrich entdeckt, vermutet sofort eine KI dahinter. Für manche ist es sogar ein sicheres Zeichen, dass hier «geschummelt» wurde. Dieser Test ist aber mehr als unsicher.
Generalverdacht
So geraten klar menschlich verfasste Texte plötzlich unter Generalverdacht, der Gedankenstrich wird zum Gedankenstrick.
Warum wird eigentlich gerade der Gedankenstrich von der KI bevorzugt? Oder anders gefragt: Warum sind andere Satzzeichen trotz Training durch professionelle Texte weiterhin untervertreten?
Einerseits kann der Gedankenstrich sehr vielfältig eingesetzt werden. Das heisst, das Risiko, damit inhaltlich etwas falsch zu machen, ist kleiner als bei anderen Satzzeichen, die sehr regelgebunden sind oder logische Beziehungen bedingen. Sogar bei Kommas bleibt die KI konservativ, weil sie auch da semantisch einiges falsch machen könnte. Also setzt sie im Zweifelsfall keines.
Gedankenstriche wirken zudem auflockernd und zugänglich, während andere Satzzeichen, wie das liebe Semikolon, eher merkwürdig und akademisch wirken – KI will (muss) aber gefallen bzw. möglichst wenig riskieren. Sicherheit ist wichtiger als Prägnanz.
Göttliche Drama Queen
Der Gedankenstrichtest funktioniert daher möglicherweise schon, aber nicht so wie gedacht: Nicht das Vorhandensein von Gedankenstrichen ist allenfalls ein Hinweis auf KI-Texte, sondern eher, ob und wie auch andere Satzzeichen eingesetzt werden – oder nicht. Aber hierfür braucht es eben einen genaueren, etwas kenntnisreicheren Blick.
Trotz Generalverdacht verwenden Profis hoffentlich weiterhin dieses göttliche Zeichen. Es liefert nämlich einen besonderen Mehrwert: eine Lücke zu sein. Ein Strich, der einen Gedanken hält oder entwickelt, bevor es weitergeht. Was für eine Drama Queen! Was für eine wunderbare (menschliche) Erfindung! Darum ist die Strichlänge auch so wichtig. Das Zeichen gerät leider hin und wieder zu kurz, als «Minus». Aber es muss, MUSS!, halbgeviert sein, um seine volle Wirkung zu entfalten. Das schafft sogar die KI.
Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» Begriffe mit Branchenbezug und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen in der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.

