Text Akademie Podcast #45: Marc Holitscher, Microsoft: «Lebenslanges Lernen war noch nie so wichtig wie heute»
Marc Holitscher, National Technology Officer von Microsoft Schweiz, erklärt im Videopodcast «AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt», warum die Schweiz bei der KI-Adoption international weit vorne mitspielt, weshalb viele Führungskräfte noch dabei sind, klare Strategien für den Einsatz von KI zu entwickeln – und warum sein 91-jähriger Vater zur Schlüsselfigur seiner Argumentation geworden ist.
Wenn Marc Holitscher den Wendepunkt seiner zwanzigjährigen Microsoft-Karriere benennen soll, zögert er nicht: November 2022, die öffentliche Verfügbarkeit von ChatGPT. Nicht weil damals die Technologie erfunden worden wäre, sondern weil sie plötzlich über das natürlichste aller Interfaces erreichbar war – die menschliche Sprache. «Das hat einer viel grösseren Breite an Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit gegeben, sehr persönlich, sehr direkt Technologie zu erleben», sagt der promovierte Politikwissenschaftler im Gespräch mit Moderator Christoph Soltmannowski.
Zur Illustration greift Holitscher zu einem Beispiel, das er gerne erzählt: sein 91-jähriger Vater, der nie einen Computer benutzt habe – und plötzlich mit einer Maschine spreche, die ihm antworte. Ein rhetorisch effektives Bild, das gleichzeitig die zentrale These des National Technology Officer transportiert: Künstliche Intelligenz demokratisiert den Zugang zu Wissen und Technologie.
Soltmannowski hält dagegen. Microsoft, OpenAI, Apple – seien diese Konzerne nicht eher Ausdruck einer Machtkonzentration als einer Demokratisierung? Holitscher kontert mit einer Perspektivverschiebung: Nicht die Entwicklungsseite sei entscheidend, sondern die Adoption. Und genau hier sieht er die Schweiz im Vorteil. Mehr als ein Drittel der KMU nutze KI bereits produktiv, mehr als ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung setze sich regelmässig mit den Anwendungen auseinander. «Diese Breite der Adoption und dieser Nutzungsfähigkeit ist in der Schweiz einzigartig.»
Die 70-Prozent-Frage
Doch die Zahlen erzählen auch eine andere Geschichte. 70 Prozent der Schweizer Führungskräfte, so eine regelmässige Microsoft-Umfrage, halten KI für entscheidend – gleichzeitig sind rund die Hälfte unsicher, ob ihre Organisation bereits über eine klare Vision und konkrete Umsetzungspläne verfügt. Woran liegt das? Holitschers Antwort verlässt das technische Terrain. Es gehe nicht darum, «einfach überall etwas künstliche Intelligenz darüber zu streuen», sondern um Change Management, um Kultur, um Führung. Geschäftsleitungen müssten vorleben, wie die Instrumente eingesetzt werden – und gleichzeitig den Mitarbeitenden Raum für eigene Experimente lassen.
Für ein KMU mit fünf Mitarbeitenden lautet seine konkrete Empfehlung: ein Werkzeug zur Verfügung stellen – «ob das jetzt Copilot oder ein anderes ist» –, Erfahrungen sammeln lassen, aber strukturiert begleitet durch interne «Champions», die den Austausch über Erfolge und Misserfolge organisieren. Holitscher unterscheidet dabei drei Adoptionstypen: Taker, die auf Standardlösungen setzen. Shaper, die diese auf eigene Bedürfnisse konfigurieren. Und Maker, die von Grund auf eigene Sprachmodelle entwickeln. Der Übergang vom Taker zum Shaper sei heute durch Low-Code- und No-Code-Werkzeuge so niederschwellig wie nie.
Souveränität, Datenschutz, Wahlfreiheit
Die Diskussion um digitale Souveränität gehört zu den heikleren Passagen des Gesprächs. Soltmannowski adressiert das Argument direkt: Schweizer Anbieter würden warnen, man dürfe sensible Daten nicht den amerikanischen Hyperscalern anvertrauen. Holitschers Antwort ist routiniert und differenziert. Entscheidend sei die Wahlfreiheit der Kundinnen und Kunden. Microsoft betreibe seit 2016 Rechenzentren in der Schweiz mit dediziertem lokalen Personal und biete einen «Cocktail an Möglichkeiten technischer oder vertraglicher Art», um Datenschutz und Verfügbarkeit sicherzustellen. Diese erlauben Kundinnen und Kunden maximalen Schutz und Verfügbarkeit ihrer Daten in der Schweiz.
Bemerkenswert ist die Selbstpositionierung der Schweiz, die Holitscher in diesem Zusammenhang vornimmt. Es sei in Ordnung, nicht der erste Anwender zu sein – «aber der zweite, der es dann richtig macht, ist auch nicht so falsch».
Vom Tool zur Kompetenz
Microsoft will bis 2027 eine Million Schweizerinnen und Schweizer KI-kompetent machen. Was «kompetent» konkret bedeutet, definiert Holitscher bewusst weit: Nicht alle sollen zu Expertinnen und Experten werden, sondern eine «grundlegende Beurteilungsfähigkeit» entwickeln. Dazu gehöre weniger der technische Skill als kritisches Denken, Kontextverständnis und das Einordnen von Resultaten.
Hier fällt ein Satz, der das Zentrum von Holitschers Argumentation markiert: «Im Bereich der künstlichen Intelligenz haben wir es mit sehr leistungsfähigen Prognosemaschinen zu tun. Das darf man nie vergessen.» Eine gesunde kritische Distanz zu den Antworten der Maschine sei keine optionale Tugend, sondern Grundvoraussetzung verantwortungsvoller Nutzung.
Auch das Thema Arbeitsplatzverlust adressiert Holitscher – mit einem Argument, das auf ein selten zitiertes demografisches Szenario verweist. Eine aktuelle Studie der Zürcher Wirtschaftsforschung rechne wegen der Pensionierungswelle mit hunderttausenden fehlenden Arbeitskräften im Kanton Zürich. Als zweitwichtigste Massnahme gegen diesen Mangel führe sie den verantwortungsvollen Einsatz von KI auf. «Das hat mich insofern bestärkt, dass auch auf politischer Ebene gesehen wird, dass Technologie hier ganz konkret einen Beitrag leisten kann.»
Was bleibt
Bei der Schlussfrage, was man heute besser machen sollte, unterstreicht Holitscher sein Credo: KI könne ihre Wirkungskraft nur entfalten, wenn das Zusammenspiel mit dem Menschen funktioniere. «Die Technologie alleine für sich wird das nicht bewerkstelligen.»
Der Podcast auf Spotify
Mountain Summit Laax: KI trifft auf Alpenkulisse
Am 28. Mai 2026 findet in LAAX erstmals der AI Mountain Summit statt – ein Anlass, an dem Marc Holitscher als Referent auftritt. Das neue Format bringt Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Technologie und Gesellschaft auf über 2’000 Metern zusammen. Im Zentrum steht die Frage «KI, Führung und Zukunft»: Wie verändert Künstliche Intelligenz Unternehmen, welche Rolle spielt Leadership in dieser Transformation und welche Entscheidungen sind heute nötig, um morgen wettbewerbsfähig zu bleiben? Holitschers These: KI ist eine Basistechnologie, die unabhängig von Industrie und Unternehmensgrösse wirkt. Gerade für kleine Unternehmen in den Regionen sei sie relevant, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben und der Abwanderung junger Fachkräfte in die Zentren entgegenzuwirken.
«AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt» ist ein Videopodcast der Stiftung Schweizerische Text Akademie und der Swiss Prompt Engineering Academy in Zusammenarbeit mit Science City Davos und Lab42 Davos. Moderation: Christoph Soltmannowski. Verfügbar auf YouTube, Spotify und allen weiteren gängigen Podcast-Plattformen: tinyurl.com/5t4fyfex
