«Wir erleben die radikalste Entwicklung der Menschheit»
DIGITALISIERUNG Christoph Oggenfuss* spricht mit Silicon-Valley-Experte Herman Gyr über den digitalen Transformationsprozess und dessen Konsequenzen für unsere Gesellschaft.

Hermann Gyr ist Gründer der Enterprise Development Group, Palo Alto/USAIch treffe Herman Gyr stilgerecht in der Holzgarage in einem lauschigen Quartier in Palo Alto. Die Erwartung an einen technokratischen Bürokomplex hat sich schnell zerschlagen, dafür verbreitet die unkonventionelle Umgebung und die offene und warmherzige Art meines Gesprächspartners sehr schnell eine unverkrampfte und inspirierende Ambiente.

Als Erstes will ich wissen, ob Herman hinter den Dossier-Titel «Transform or Die» ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen setzt. Ohne inne zu halten ist seine Antwort: «Ausrufezeichen». Mit einem kurzen historischen Exkurs macht Gyr deutlich, dass sich Menschen immer an neue Bedingungen anpassen mussten und so auch ihr Leben auf eine neue Ebene bringen konnten.Was aber frühere Transformationen fundamental von der aktuellen Veränderung unterscheidet ist die Tatsache, dass Innovationen wie der Ottomotor sich über die Zeit zwar linear weiterentwickelt haben, aber im Wesen noch das Gleiche sind. Nicht so beim Mikroprozessor, der sich gemäss Moore’s Law exponentiell weiterentwickelt hat und weiterentwickeln wird. Der Chip als Treiber entwickelt somit exponentielle Sprengkraft – damit wird meine Einstiegsfrage geradezu rhetorisch. Die heue extrem tiefen Chip-Kosten sind damit auch eine günstige Voraussetzung für das Internet der Dinge.Clevere Datenauswertung gefragtAls nächstes die Frage, wer von der Transformation am stärksten betroffen sein wird. Wenn ich nun eine Nennung einzelner Branchen erwartet habe, sehe ich mich enttäuscht. Hermans Antwort ist viel grundsätzlicher Natur und zielt in eine andere Richtung. Zuerst kommentiert er das veränderte Kundenverhalten von in der Vergangenheit passiv konsumierend hin zu immer aktiver involvierenden Ansprüchen. Die Anpassung von Unternehmen bedeutet, dass deren analoge Prozesse digitalisiert werden müssen.Dieser Schritt stellt aber erst die Phase 1 der Veränderung dar; in der Phase 2 muss auch die Kundeninteraktion einer veränderten Kommunikations-Architektur folgen, und gerade hier ist Innovation für die Alleinstellung des Angebotes sehr wichtig. Am Beispiel des diesjährigen NFL-Superbowl-Anlasses in San Francisco, wo die Spieler erstmals mit Körpersensoren ausgerüstet waren, wird deutlich, wie während dem Spiel Daten generiert werden, um das ganze Sporterlebnis noch interaktiver, aber auch personenbezogener zu machen. Dieses praktische und aktuelle Beispiel macht deutlich, wie wichtig Datengenerierung und clevere Datenauswertung für ein «content-reiches» Kundenerlebnis sind.Drei GrundfragenDann interessiert mich, wie Gyr als Berater den Transformationsprozess bei seinen Kunden in Gang setzt. Der strategischen Bedeutung des Themas Digitalisierung entsprechend, wird zu Beginn die Geschäftsleitung involviert. Die Auslösung des Veränderungsprozess basiert auf drei Grundfragen:- Wohin geht die Welt und was kommt dadurch auf uns zu? In diesem Zusammenhang ist es wichtig, relevante Signale zu erkennen und richtig zu interpretieren. Die Auswirkungen der Sensorik oder des selbstfahrenden Autos können branchenunabhängig als Beispiele dienen.- Wer werden wir in dieser radikal veränderten Welt sein? In der gleichen Absolutheit muss das Unternehmen Stellung beziehen.- Wie kommen wir dorthin? Welche Angebote, welche Fähigkeiten, Prozesse und Strukturen, welche Kommunikation sind vonnöten? Und mit wie gearteter Führung wird uns das gelingen?Bezüglich Anpassung zukunftsorientierten Führungsverhaltens flicht Herman folgendes ein: In der alten Welt ging es um «mastering of the known» – in der neuen Welt um «mastery of the unknown». Als erfolgreiches Praxisbeispiel erwähnt mein Gesprächspartner eine Zusammenarbeit mit der Führung der Postauto-Betriebe im Dezember 2013, bei dem die damals sichtbare Signale um Autonome Mobilität und deren möglicher Effekt auf den PostAuto-Betrieb besprochen wurden. Im Jahr 2016 nun startet PostAuto den Pilotbetrieb mit den selbstfahrenden Bussen in Sitten!Alle Menschen können Innovation leistenUnd welches sind die ersten und wichtigsten Transformationsobjekte, die zu adressieren sind? Auch dazu schickt Gyr etwas Grundsätzliches voraus – er ist sich sicher, dass alle Menschen Innovation leisten können. Indessen stellt sich dabei die Frage, wie Menschen inspiriert werden können, an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten. Im Silicon Valley geht man davon aus, dass Pitching und das Erstellen von Value Propositions fundamental für das Innovationsmanagement sind. Diese Fähigkeiten können und müssen gezielt entwickelt werden.Methodik für IdeenentwicklungSein Beratungsunternehmen EDG hat auf Grund jahrzehntelanger Beobachtungen der Praktiken im Silicon Valley die leicht verständliche CO-STAR-Methodik für Ideenentwicklung geschaffen (siehe unten), die sich seit Jahren in vielen Unternehmen bewährt hat. Der Vorteil einer derart griffigen Methodik besteht darin, dass im Unternehmen eine gemeinsame Sprache für Innovation entsteht und dabei auch die für effektive Innovation so notwendige Kollaboration begünstigt. Ziel muss es sein, dieses strukturierte Innovationsdenken zu einer Art DNA zu machen.Zusammenfassend nennt Herman die drei wichtigsten Elemente für Innovation: Neugier fürs Neue und Andere; aktive Unterstützung kreativen Denkens; und Interaktion zwischen Menschen, die sich verpflichten gemeinsam ihre Ideen zu verbessern.«Führungskultur muss sich ändern»Worin sieht der Innovations-Experte die grösste Herausforderung der digitalen Transformation? «Die Führungskultur muss sich massiv verändern.» Dazu knüpft mein Gesprächspartner bei seiner früheren Aussage an, die neu ausgerichtete Führung müsse «the un-known» meistern, also kreativ und konstruktiv mit Unsicherheit umgehen können.Mit folgendem Gleichnis illustriert Gyr seine Aussage: Wenn du in der digitalen Welt als Führungsperson unsicher bist, ob du der Wolf im Revier bist, dann bist du leider das Schaf. Die Aufgabe einer Führung, welche das Unbekannte meistern will, ist es also, konstant Signale im Markt oder zu technischen Entwicklungen zu erkennen, welche das bestehende Revier verändern könnten. Dann aktiv das Revier neu definieren, damit der Erfolg der Firma auch im zukünftigen Umfeld bewahrt werden kann.Zum Schluss unseres Gespräches frage ich Herman Gyr, was ihm zum Thema Digitale Transformation noch speziell wichtig sei, worauf er meint: «Was wir derzeit erleben, ist die absolut radikalste Entwicklung in der Geschichte der Menschheit». Gyr erläutert, dass mit Chips Intelligenz in Maschinen und Dinge reingebracht wird, die in Verbindung mit der Vernetzung zu einem gewaltigen Entwicklungs- und Veränderungsschub führt – im Unterschied zu früher läuft das nun aber exponentiell ab. Und Moore’s Law führt dazu, dass die nicht-menschliche Intelligenz in absehbarer Zeit die menschliche Intelligenz übertreffen wird.Auf meiner Autofahrt zurück nach San Francisco ertappe ich mich beim Gedanken, ob ich bei meinem nächsten Besuch bei Herman Gyr noch selbst am Steuer sitzen oder mit Chips und Sensoren sicher ins Silicon Valley gelenkt werde.
Die CO-STAR-Methodik

Beitragsserie «Digital – Transform or Die»Im Rahmen der Digital-Serie in Marketing & Kommunikation von Christoph Oggenfuss (markITing ag) standen die ersten drei Staffeln unter den Titeln «Digital – nicht trivial», «Digital – from Talk to Walk» und «Digital – walk before you run». In der vierten Staffel «Digital – Transform or Die» geht es um die Frage wie ultimativ die fundamentale Veränderung zu werten ist.
