The Next Normal

Seit einem Jahr beherrscht Corona das Leben. Können wir bald wieder ohne Sorgen Freunde treffen, auswärts essen, in die Ferien fliegen und uns umarmen? Trendforscherin Karin Frick über das nächste Normal.

Die eigene Wohnung wurde in der Corona-Krise zum 24/7-Lebensmittelpunkt.

Normal ist, was selbstverständlich ist, worüber man nicht nachdenken muss, was alle tun und nicht auffällt. Was als normal gilt, hängt auch vom Kontext ab. Mit dem Flugzeug in die Ferien zu fliegen war vor 60 Jahren ein exklusives Erlebnis, heute ist es für die Bürger von reichen Ländern selbstverständlich. Bis Anfang der Neunzigerjahre durfte man im Flugzeug rauchen, heute undenkbar.

Gewohnheiten ändern sich nur sehr langsam, man hält sich gerne an das, was man schon immer so gemacht hat. Es dauert meistens eine Generation oder länger, bis sich neue Verhaltensweisen in der Gesellschaft etablieren – zum Beispiel die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Ehen. Doch im Notfall sind Menschen anpassungsfähig und stellen ihr Verhalten schneller um.

Die Corona-Pandemie ist die grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie hat normales Leben und Arbeiten auf der ganzen Welt fast über Nacht unmöglich gemacht und uns gezwungen, unser Verhalten fundamental zu ändern. Wie wirkt sich das auf den Alltag nach der Pandemie aus? Welche sozialen Verschiebungen finden statt? Es gibt keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen.
Wir haben untersucht, welche gesellschaftlichen Tendenzen die Pandemie verstärkt und welche eher schwächt. Die folgenden Gegenüberstellungen zeigen, wie sich die Kräfteverhältnisse verändern, welche Entwicklungen profitieren und welche verlieren.

Nähe – Distanz

In den letzten Jahren standen die Zeichen auf Verdichtung, Hochhäuser statt Einfamilienhäuser, Stadtmitte statt Agglomeration, Microliving statt Penthouse. Ökologische und ökonomische Vernunft verlangen, dass mehr Menschen auf kleinerem Raum zusammenleben.

Doch die Pandemie machte physische Nähe zum Risiko und das Virus zwingt uns zum Abstandhalten. Damit verschieben sich die Präferenzen: Statt Kontakte zu suchen, versucht man, sie zu vermeiden, und wählt vermehrt Wohn-, Arbeits- und Einkaufsorte, die in weniger dicht besiedelten Gebieten abseits von Ballungszentren liegen.

Öffentlicher Raum – privater Raum

Wenn der Zugang zum öffentlichen Raum erschwert ist, verschiebt sich das soziale Leben in private Räume, wo man hauptsächlich seinesgleichen trifft. Die Chancen, Menschen aus anderen Gesellschaftsgruppen zu begegnen, nehmen dadurch ab und die Polarisierung zwischen verschiedenen Gruppierungen nimmt zu. Wer zu welchen Räumen Zugang hat, hängt zum einen von Beziehungen ab und zum anderen immer öfter auch vom individuellen Gesundheitszustand – kein Zutritt ohne Impfung.

Outdoor – indoor

Die eigene Wohnung wurde in der Corona-Krise zum Lebensmittelpunkt, zu einem Ort, an dem man sich 24 Stunden rund um die Uhr fast ohne Unterbruch aufhält. Arbeiten, Lernen, Einkaufen und Trainieren finden jetzt vermehrt in den eigenen vier Wänden statt, wo man sich sicher und wohl fühlt. Eine wachsende Zahl von Lieferdiensten und neue digitale Dienstleistungen sorgen dafür, dass es einem an nichts fehlt und man die Wohnung kaum mehr verlassen muss. Wir entwickeln uns zu einer Indoor-Spezies, die immer weniger Zeit im Freien verbringt und den direkten Kontakt mit der Aussenwelt minimiert. Wenn man weniger ausgeht und Zeit ausser Haus verbringt, wird alles, was indoor passiert, wichtiger und es wird daher mehr Zeit, Aufmerksamkeit und Geld in grössere Wohnungen, Indoor-Aktivitäten, Home-Entertainment und Einrichtung investiert.

Öffentlicher Verkehr – Privatfahrzeug

In den letzten Jahren haben die meisten Mobilitätsanbieter ihren strategischen Schwerpunkt vom Transportmittel hin zu smarten Services verschoben. «Nutzen statt besitzen» lautete die Devise. Nun hat die Pandemie die Begeisterung fürs Teilen und Tauschen gedämpft. Wer sich vor Ansteckungen schützen will, zieht das eigene Auto dem öffentlichen Verkehr vor, und wer aus der Stadt aufs Land flieht und weiterhin uneingeschränkt mobil sein will, hat oft keine andere Wahl.

Im Nahverkehr ist das Fahrrad – mit oder ohne Elektromotor – der Gewinner der Krise, weil es für eine umweltfreundliche, ansteckungssichere und gesunde Fortbewegung steht.

High-Touch – berührungsfrei

Die sinnliche Erfahrung galt bislang als der entscheidende Vorteil des stationären Handels, doch in Zeiten der Pandemie will man nichts anfassen, was andere schon berührt haben könnten: keine Hände, keine Türfallen, keine Druckknöpfe, kein Bargeld, keine Touchscreens. Dadurch wächst das Interesse an neuen Technologien, mit denen man berührungsfrei interagieren kann. Beispiel: kontaktloses Bezahlen, Roboter, die Waren ausliefern, Türen, die Bewoh- ner durch Gesichtserkennung identifizieren, smarte Sprachassistenten wie Alexa von Amazon. Während wir uns in sozialer Distanz üben, wird die Beziehung zu den Maschinen intimer, da sie uns nun auch sehen und hören und unsere Gefühle besser entschlüsseln können.

Doch auch wenn Maschinen empathischer werden, wird das Bedürfnis nach Umarmungen bleiben. Wir werden wieder Hände schütteln, kuscheln und küssen wollen, wenn die Pandemie vorbei ist, werden dabei jedoch vorsichtiger sein und uns besser schützen. Viele reagieren empfindlicher auf Berührung, Hypersensitivität und Unverträglichkeiten nehmen zu.

«Die Armen und Schwachen leiden stärker unter gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise.»

Das Unverständnis zwischen Gewinnern und Verlierer nimmt zu, und damit auch soziale Spannungen. (Symbolbild: Unsplash.com)

Just in time – Notvorrat

Die Konsumenten haben sich daran gewöhnt, dass sie alles, was sie wünschen, jederzeit, überall und sofort bekommen können. Dann hat die Pandemie die globalen Lieferketten durchbrochen, Waren wurden knapp, die Gestelle leer und die Versorgung unsicher. Unter diesen Umständen wollen sich viele Konsumenten und Produzenten nicht mehr darauf verlassen, dass der globale Warenaustausch bald wieder reibungslos und in Echtzeit funktioniert, und fangen an, wieder Lager zu halten und lokale Produzenten zu suchen. Wenn das Vertrauen in die globalen Lieferketten sinkt, gewinnen Lagerhaltung und lokale Wertschöpfungsnetze wieder an Bedeutung. Konsumpatriotismus nimmt zu, wer die Wahl hat, will eher einheimische Produkte und ist auch bereit, dafür mehr zu bezahlen.

Erlebnis – Versorgung

In den letzten Jahren gaben wir relativ immer weniger Geld für physische Güter aus und mehr für Erlebnisse – Unterhaltung, Reisen, Kunst und Wellness. Während der Pandemie rückte die Grundversorgung plötzlich wieder in den Vordergrund: Grundnahrungs- und Reinigungsmittel, Hygieneartikel, Schutzeinrichtungen. Waren für den täglichen Gebrauch, bequeme Kleider fürs Homeoffice statt modische Outfits für die nächste Party. Das temporäre Konsum fasten hat Spuren hinterlassen, viele haben gemerkt, dass man auch mit weniger – Schuhen, Handtaschen, Designerkleidung – glücklich sein kann. Viele haben sich vorgenommen, auch in Zukunft weniger und bewusster zu konsumieren. Doch es gibt auch andere, die das Verpasste nachholen und sich «jetzt erst recht» all den Luxus leisten wollen, auf den sie während der Pandemie verzichten mussten.

«Wenn Optimismus fehlt, sinkt auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen und unternehmerisch zu handeln, Sicherheit rückt in den Vordergrund.»

Freiheit – Sicherheit

Die Pandemie hat das Vertrauen in den Fortschritt erschüttert und den Glauben daran, dass Wirtschaft und Politik bald einen Ausweg aus der Krise finden. Auch wenn es gelingt, mit der Impfung die Pandemie zu beenden, bleibt die Unsicherheit hoch. Verlustangst, Misstrauen, Verschwörungstheorien, soziale Fragmentierung, Verteilkämpfe und Generationenkonflikte drücken auf die kollektive Stimmung. Und wenn Optimismus fehlt, sinkt auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen und unternehmerisch zu handeln. Sicherheit rückt in den Vordergrund, die Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt, wer reisen will, Zutritt zu Veranstaltungen oder in den Fitness-Club will, wird immer öfter einen Gesundheitspass brauchen.

Umgekehrt haben wir auch neue Freiheiten gewonnen. Wer einen Computer mit Internetanschluss hat, kann von überall aus arbeiten, studieren und einkaufen, unabhängig vom Wohnort. Ohne Arbeitsweg bleibt mehr Zeit für anderes, Familie, Freunde, Sport, Gartenarbeit, alles, was wir gerne tun oder bisher zu kurz kam. Die physische Welt wurde enger, doch die Möglichkeiten im digitalen Raum haben sich erweitert, er wurde reichhaltiger, vielfältiger und wird laufend noch besser. So gut, dass künftige Generationen kaum mehr zwischen physischer und virtueller Realität unterscheiden werden. Sie werden sich selbst- verständlich in mehreren Realitäten bewegen.

Wie die nächste Normalität aussieht, hängt nicht nur vom Erfolg der Impfung ab, sondern vor allem vom sozioökonomischen Status. Die Armen und Schwachen leiden stärker unter gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise und brauchen mehr Zeit, um sich zu erholen. Die Unterschiede und das Unverständnis zwischen Gewinnern und Verlierern nehmen zu, und damit auch soziale Spannungen. Das schürt Angst und verstärkt das Gefühl des Bedrohtseins, das die neue Normalität von Arm und Reich gleichermassen prägt.


Karin Frick ist Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon. Die Ökonomin analysiert Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum und referiert zu diesen Themen regelmässig auf Tagungen und Kongressen.

 

Dieser Text wurde zuerst im SWA-Jahresbericht veröffentlicht.

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