Zwei Jahrzehnte Revolution

Seit zwanzig Jahren arbeitet Charlie Thannhäuser an einer Technologie, die beinahe jede Sorte von Abfall in sauberen Wasserstoff umzuwandeln vermag. Nach erfolgreichen Pilotprojekten in den USA, Japan und Indien scheint ihm nun auch in Europa der Durchbruch zu gelingen.

(Illustration: Silvan Borer)

Lapis philosophorum – zu Deutsch: der «Stein der Weisen» – beschreibt nicht (anders, als es ein populäres Jugendbuch suggeriert) «bloss» eine mineralische Substanz, die dem Besitzer Heilung und damit ewiges Leben gewährt. Der Begriff weist vor allem auf das in der Alchemie während mehrerer Jahrhunderte erforschte, freilich nie erreichte Ziel der Transmutation: Aus einem unedlen Material wird durch ein spezielles Verfahren ein edles Metall – aus Geröll wird Gold.

Gewiss ist die Zeit der Alchemisten lange vorbei, und das Gold der Gegenwart ist «saubere» Energie, die ja bekanntlich weder aus Kohlekraftwerken (wegen der Emissionen), noch aus Atomkraftwerken (wegen der Brennstablagerung), noch aus russischen Pipelines (aus mannigfaltigen Gründen) generiert werden kann. Was also tun? Nun: Es scheint, als habe ein deutsch-amerikanischer Unternehmer den modernen «Stein der Weisen» gefunden – und als beginne man auch in Europa endlich, ihn ernst zu nehmen.

Abfall wird Wasserstoff

Charlie Thannhäuser ist natürlich weder Alchemist, noch stecken Wunder oder Zauberei hinter seinem Unternehmen «Concord Blue». In mehr als zwei Jahrzehnten der Forschung und mit einem enormen Einsatz persönlicher Ressourcen ist es Thannhäuser und seinem Team gelungen, eine Technologie zu entwickeln, mit der fast jede Sorte von Abfall zu «grünem» Wasserstoff recycelt werden kann. Das Einzige, was dabei neben dem chemisch als «H2» beschriebenen Element noch zurückbleibt, sind ein paar Gramm feine, ungiftige Asche.

Der gewonnene Wasserstoff selbst kann beispielsweise unmittelbar genutzt werden, um Fahrzeuge anzutreiben – oder mittelbar, um in entsprechenden Kraftwerken Strom herzustellen. Der Rüstungs- und Technologiekonzern Lockheed Martin in den USA hat bereits 2016 das Potenzial der Methode erkannt, in Japan sind ebenfalls mehrere «Concord Blue»-Kraftwerke am Netz. Nur im von einem Regularien-Korsett eingezwängten (und lange durch billiges Gas «verwöhnten») Europa schien das kaum jemanden zu interessieren. Bis jetzt.

Denn auf einmal wird auch grössten Bürokrat:innen und vorsichtigsten Investor:innen klar: Setzt sich die Methode von «Concord Blue» durch, dann wären gleich mehrere globale Probleme auf einen Schlag gelöst. Immer häufiger werden deshalb zwei Fragen laut: Klingt das alles nicht doch zu gut, um wahr zu sein? Und: Wer ist der Unternehmer, der seit mehr als zwei Jahrzehnten an (s)einer Revolution bastelt?

Visionen, Kapital und Ausdauer

Zunächst zur Person: Charlie Thannhäuser, der sich via Zoom zum Gespräch mit m&k meldet, ist sowohl optisch als auch in seinem Duktus das genaue Gegenteil eines «zerstreuten Professors». Die Haut ist von der kalifornischen Sonne gebräunt – das Hauptquartier der Firma befindet sich mittlerweile in Los Angeles – und immer wieder mischen sich englische Begriffe in das ansonsten akzentfreie Hochdeutsch des Entrepreneurs. Der subjektive Eindruck des Journalisten: Thannhäuser sieht nicht aus wie jemand, der beinahe pausen- und atemlos um die Welt reist, um Keynotes zu halten, Lobby-Interessen zu mitigieren oder Partnerschaften aufzugleisen. Dennoch: Genau das sei sein Leben, wie er berichtet.

Dabei müsste er all das nicht tun, denn er hat schon einmal Karriere gemacht. Als Programmierer mit eigener Firma, deren Kerngeschäft er zur besten Zeit des Digital-Booms verkaufte. Eigentlich könnte er im Cabrio den Wilshire Boulevard, die zentrale Verbindungsachse zwischen Santa Monica und Beverly Hills, hinauf- und hinunter-fahren, bis ans Ende seiner Tage; unterbrochen vielleicht von einer gelegentlichen Runde Golf oder Tennis. Stattdessen hat er sich entschieden, den Wilshire Boulevard bloss zu nutzen, um ins Büro zu gelangen. Das Leben als Privatier, so sagt Thannhäuser, sei nie eine Option gewesen; einen Grossteil von dem, was er dazumal mit dem Verkauf seines Kerngeschäfts verdiente, habe er in seine Wasserstoff-Vision investiert.

Vom Unternehmer zum Missionar?

«Ich will aber ganz ehrlich sein», so der Unternehmer: «Als ich Concord Blue vor zwanzig Jahren gegründet habe, geschah das nicht aus reiner Benevolenz. Ich wusste, dass Öl und Gas finite Ressourcen sind, und ich wollte mit der logischen Konsequenz aus dieser Tatsache auch Geld verdienen.» Da habe er, der damals noch aus der beschaulichen deutschen Stadt Herten operierte, aber zweierlei unterschätzt: Den damaligen Unwillen der Industrie, den Tatsachen in Bezug auf endliche Ressourcen ins Auge zu sehen – und die bremsende Kraft der bundesrepublikanischen Bürokratie. «Niemand sprach 2002 von ‹erneuerbaren Energien›, es wurde immer nur von ‹alternativen Energien› geredet», erinnert sich Charlie Thannhäuser. Und wozu brauchte es ‹Alternativen›, wenn doch günstigere Energieträger in Hülle und Fülle vorhanden schienen? Der geplante Atomausstieg der Deutschen lag in weiter Ferne, die Kohle-Emissionen schienen nur für Öko-Aktivist:innen wirklich eine Rolle zu spielen – und den Energiekrieg mit Russland konnte schon gleich gar niemand antizipieren. Also kämpfte die Mannschaft von «Concord Blue» auf ziemlich einsamem Posten.

Dennoch: Ein Testmeiler für die «Müll-zu-Wasserstoff-Methode» sollte in Herten ans Netz gehen, um Entscheidungträger:innen praktisch im laufenden Betrieb die Vorzüge der Technologie vor Augen zu führen. Das Paradoxon jedoch: «Nach drei Jahren hätten wir den Standort wieder dekonstruieren müssen, weil Pilotprojekte in diesem Bereich damals nur für einen bestimmten Zeitrahmen angelegt werden durften.» Also bemühte sich «Concord Blue» um eine Genehmigung für einen Dauerbetrieb der Anlage, hätte dafür aber akzeptieren müssen, dass die zuständigen Ämter die Technologie mit jener von Verbrennungskraftwerken auf eine regulatorische Stufe stellen. Da entschied sich der Gründer für einen Standortwechsel: «Unsere Art, Wasserstoff zu gewinnen, wird genau darüber definiert, nicht mit Verbrennung zu arbeiten», sagt er – und fügt mit einem Schmunzeln an: «Das war mir dann einfach irgendwann zu innovationsfeindlich.» Gleichzeitig habe bei ihm eine Art gedanklicher Transformation stattgefunden: Das, was ursprünglich vor allem eine clevere Geschäftsidee sein sollte, wurde zur Mission. Und Aufgeben war damit keine Option mehr.

Tour um die Welt – mit Erfolg

In Japan, Indien oder den USA zeigte man sich viel aufgeschlossener für die nachhaltige Gewinnung von Wasserstoff, und so zog Charlie Thannhäuser in Izumo, Mumbai oder Owego Standorte auf. Jedes Mal bewies er: Die Wasserdampfthermolyse, die er hat patentieren lassen, funktioniert exzellent. Die Details des Verfahrens  sind für Laien nicht ganz einfach nachzuvollziehen, die Expert:innen-Community und einschlägige Fachmedien sind sich aber einig: Was hier entwickelt wurde, kommt einem Geniestreich gleich (siehe zu mehr Details den QR-Code im separaten Infokasten).

Wichtig zu betonen ist an dieser Stelle auch noch etwas anderes: «Concord Blue» hat 2022 die deutsche TÜV-Zertifizierung für seine Technologie erhalten und damit eine der wichtigsten Hürden für die «Rückkehr» nach Deutschland, nach Europa genommen. Mehrere Locations, an denen er in der Bundesrepublik und in den Niederlanden künftig Abfall zu Wasserstoff machen will, seien laut Charlie Thannhäuser schon identifiziert. Und, so verrät nicht nur er, sondern so lautet auch die offizielle Nachrichtenlage: Mehrere Hundert Millionen US-Dollar an Investments konnte «Concord Blue» dafür bereits sichern. Um den Restbetrag zu akquirieren, ist der Unternehmer in Gesprächen mit potenziellen Geldgeber:innen. «Ich bin überzeugt», sagt er, «dass wir bald an einem Punkt sind, von dem aus es ganz schnell geht.»

Eine grosse Vision

Und dann werde  sie eintreten, die Vision vom globalen Roll-Out der «Concord Blue»-Technologie. So schwierig das Verfahren zu entwickeln gewesen sei, so robust sei die dafür genutzte Infrastruktur, erklärt der Founder. Egal ob irgendwo auf dem afrikanischen Kontinent, in südamerikanischen Mega-Cities oder in der deutschen Provinz; die Technologie könne problemlos skaliert werden. «Grosse Städte lösen so ihre Müll- und Energieprobleme, aber auch ländliche Dörfer in Entwicklungsländern können nicht nur endlich eine Stromversorgung erhalten, sondern diese ist auch völlig autark», sagt Thannhäuser. Dann hätten sich zwanzig Jahre Arbeit mehr als gelohnt: Der «Impact» würde  die Welt auf Jahrhunderte hin prägen.


Concord Blue verwendet eine patentierte Technologie namens «gestufte Reformierung», um nahezu jedes Abfallmaterial in saubere und erneuerbare Energie umzuwandeln. Im Gegensatz zu anderen w2e–Prozessen basiert diese einzigartige Methode auf Wasserdampfthermolyse statt Verbrennung und erzeugt effizient ein wasserstoffreiches Synthesegas von höchster Qualität. Zu den Rohstoffsorten, mit denen das System umgehen kann, gehören Kunststoffe, Agrar- oder Bioabfälle, Haushaltsabfälle, medizinische Abfälle, Industrie- oder Gewerbeabfälle und Schlämme.

Charlie Thannhäuser ist ein deutsch-amerikanischer Unternehmer. Als CEO und Gründer der Firma «Concord Blue» hat er zusammen mit seinem Team ein Verfahren entwickelt, das via Wasserdampfthermolyse fast jede Art von Abfall in «grünen» Wasserstoff konvertieren kann. Weitere Informationen auf Concordblue.de.

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