Zur Sache: Von Unwissen und Unwörtern

Es war ein Knaller zum Jahresende, über den in Schweizer Publikationen kaum berichtet wurde: Fast jeder zweite Deutsche misstraut den Medien, nur 40 Prozent der deutschen Bevölkerung halten die Presse für objektiv.

Das fand das Kölner Forschungsinstitut YouGov im Auftrag von Zeit online heraus. Ende Dezember 2014 gaben 1043 Personen ihre Meinung über die Medien ab. 47 Prozent der Befragten unterstützten die Aussage, dass die Medien einseitig berichten und von der Politik gelenkt werden. Nur 40 Prozent glaubten an eine objektive und unabhängige Berichterstattung. Je höher der Bildungsabschluss und das Monatseinkommen der Befragten, desto stärker das Misstrauen gegen die Medien.

Harter Tobak. Doch nicht, weil diese gestreckte Linke wirklich eine Aussage über die Qualität der Medien zuliesse, sondern ob der Undifferenziertheit solcher Aussagen. Klar, Journalisten und Medienleute gehören traditionell zu den unbeliebtesten Berufsgattungen. Sie gelten als unmoralische Schmeissfliegen, die auf der Suche nach der geilsten Story gnadenlos vorgehen, wenn es sein muss über Leichen. Darum sind «repräsentative» Umfragen, die dieses Bild erhärten, beliebt. Ausserdem gehören Skepsis und Misstrauen bei Bildungsbürgern zum guten Ton. Denn der Clevere lässt sich nichts vormachen. Aber ist immer schlau, wer Skepsis zelebriert?

Von innen jedenfalls sehen Medien anders aus: Manch ein Medienvertreter – #jesuischarlie – lässt sein Leben, um anderen vor Augen zu führen, wie es in der Welt zugeht. Und die meisten Medienmacher, die ich kenne, investieren viel Zeit und nehmen ein paar graue Haare in Kauf, bevor sie ihren Lesern, Hörern oder Zuschauern ein Thema anbieten. Medien helfen Menschen, sich eine Meinung zu bilden. Dafür müssen die Rezipienten nicht die gleiche haben wie der Journalist, der sie äussert.

Darum erscheinen mir die 13 Prozent der Umfrageteilnehmer, die auf die Frage, ob die Medien in Deutsch-land einseitig berichten, «weiss nicht» geantwortet haben, die ehrlichsten zu sein. Was ist das überhaupt für eine Fragestellung? Wer sind «die Medien»? In Deutschland gibt es 361 Tages- und Sonntagszeitungen, 20 Wochenzeitungen, 842 Publikumszeitschriften, 1137 Fachzeitschriften, etwa 60 Fernsehsender und unzählige Onlineportale. Wer also könnte mit «die Medien» gemeint sein? Und welches der Medien ist es, das einseitig berichtet und sich von Politikern beeinflussen lässt?

Erstaunlich, dass sich in Deutschland niemand über diese Umfrage aufregt. Aber warum auch: Sie bestätigt ja den Common Sense. Umso dankbarer bin ich der Unwort-des-Jahres-Jury, die für 2014 das Wort «Lügenpresse» kürte. Die Begründung: Eine solche pauschale Verurteilung verhindere fundierte Medienkritik und leiste somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit. Deren akute Bedrohung durch Extremismus sei gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden. Exakt.

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin
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