Zur Sache: Stratosflügel
Für einmal muss ich einem PR-Strategen ein grosses Lob aussprechen. Der Weltraumsprung von Felix Baumgartner «Red Bull Stratos» war in den letzten Wochen DAS Thema in den Medien. Die gesamte Presse berichtete darüber, die meisten Fernsehstationen – und beileibe nicht nur die privaten – waren zum Teil live dabei. Die Onlinejournalisten tickerten sich die Finger wund und auch die Radiostationen machten am Hype mit. Der You- Tube-Kanal zu «Red Bull Stratos» wurde mehr als unglaubliche 366 Millionen Mal abgerufen. Das Weltrekordprojekt wurde zur weltweiten Masseneuphorie. Natürlich auch in der Schweiz.
Die ganze Sache war perfekt orchestriert. Der Start wurde dreimal verschoben und erst am Sonntag um 20.15 Uhr – zur besten Sendezeit also – landete der waghalsige Extremsportler in der Wüste von Nevada. Der Spannung hat die Verschiebung sicher nicht geschadet. Ein Schelm, der sich dabei was Böses denkt. Mehr als 200 Sendestationen weltweit sollen das Spektakel live übertragen haben. Die Bilder dazu lieferte das hauseigene Red Bull Team. Die Journalisten, die im Vorfeld über den Weltrekord berichteten, waren «embedded» und somit Teil einer gigantischen PR-Maschinerie. Wer jetzt meinen würde, dass ein Sturm der Empörung in den Medien losgebraust wäre, der irrt gewaltig. Es gab zwar vereinzelte negative Stimmen, aber die waren wirklich sehr vereinzelt und sehr verhalten. Nur gerade die NZZ am Sonntag brachte einen grösseren kritischen Artikel. Sogar angesehene Pressetitel stimmten euphorisch in den Jubel ein. Die FAZ titelte «Ein Fall für die Ewigkeit» und auch die NZZ konnte ihre Begeisterung nicht verbergen: «Ein Gladiator der Neuzeit» war hier der Titel. Andere Beispiele: «Sprung aus Stratosphäre: Der Sprung der Sprünge wird Tatsache» (20 Minuten), «Er hat uns den Himmel auf die Erde geholt» (SonntagsBlick). Dass die Kronen-Zeitung, das Boulevardblatt aus den Red-Bull-Stammlanden, sogar den «lieben Gott höchstpersönlich» für den windfreien Aufstieg verantwortlich machte, passte zur Massen-Euphorie.
Der österreichische Medienpsychologe Peter Vitouch meinte im Onlineportal Futurezone.at, dass die PR-Abteilung von Red Bull alle Medien mit Lockstoffen in eine Falle geführt habe. Die Lockstoffe waren scheinbar so lecker, dass sich alle noch so gern verführen liessen.
Dietrich Mateschitz, Red-Bull-Eigner und begnadeter Marketing- und PR-Mann, hat einen kleinen Teil seines riesigen Marketing-Budgets von 1,3 Milliarden Euro – diese Zahl gab er in einem Interview mit NZZ-Folio bekannt – in den Rekordversuch von Felix Baumgartner gesteckt. Die 50 Millionen Euro, die der Stunt angeblich kostete, waren wahrlich gut investiertes Geld.
Pierre C. Meier, Chefredaktor
