Zur Sache: Scheinheiligkeit

Der Entscheid der Swisscom, das Budget der Privatkundenkampagne der deutschen Kreativagentur Heimat zu übergeben, hat zu zum Teil heftigen Reaktionen geführt.

Entrüstung machte sich breit. Es gehe doch nicht an, dass ein Quasi-Staatsbetrieb seine Werbung in die Hände einer deutschen Agentur geben würde. Viele der vermeintlich so weltoffenen Werber zeigten in Onlinekommentaren plötzlich Anwandlungen xenophober Heimatschützer. «Ehret das heimische Schaffen» ist ja schon recht, aber ein Artenschutz für Schweizer Agenturen geht zu weit. Vor allem, weil es einige Punkte zu bedenken gibt.

So eindeutig ist das heimische Schaffen dann nämlich auch wieder nicht: Von den 15 grössten Schweizer Werbeagenturen gehören immerhin mehr als die Hälfte zu ausländischen Agenturnetzwerken. Und zwar nicht nur im Sinne einer Kooperation, sondern mit handfester Beteiligung. Und dass bei denen via Management-Abgaben kein Geld ins Ausland abwandern würde, glaubt auch nur noch ein Dödel.

Aber auch reine Schweizer Agenturen drehen für Schweizer Kunden Filme im Ausland und fotografieren mit ausländischen Fotografen in ausländischen Studios. Und nur der Unbedarfte glaubt, dass dies nur wegen der Wettersicherheit oder der Top-Kreativen so ist, pekuniäre Motive spielen oft auch eine grosse Rolle. Geld sparen wollen auch diejenigen Kunden, die ihre Druckaufträge ins Ausland vergeben. Auch dieses Verhalten passt nicht ganz zur Kampagne des Gewerbeverbandes gegen den Einkaufstourismus der Konsumenten. Aber eben: Das Hemd ist einem näher als der Rock. Die Empörung über die Etatvergabe der Swisscom nach Deutschland ist also reine Hypokrisie. Denn auch ein Grossteil der Mediaausgaben im Fernsehen fliesst ins Ausland.

Die aufgeregte Empörung passt aber gut zur aktuellen Situation der Schweiz: SVP-Nationalrätin Natalie Rickli hat es zu viele Deutsche im Gesundheitswesen und im Gastgewerbe, Problembär M13 kam aus Tirol zu uns und jetzt ängstigt erst noch ein Schwarzer Panther (wahrscheinlich aus Deutschland abgehauen!) die Solothurner Bevölkerung. Und es kann noch schlimmer kommen: Wenn man den Medien glauben darf, dann steht die Westschweiz vor einer Invasion von steuerflüchtigen reichen Franzosen, die ihrem neuen Präsidenten ausweichen wollen. Wo bleibt denn da die Heimat? In Berlin oder bald als Ableger in Zürich mit aufrechten Schweizer Werbern?

Pierre C. Meier, Chefredaktor
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