Zur Sache: Lüchi kanns
Bei Zeitschriften hatte Ringier schon immer ein gutes Händchen. Im Zeitungsbereich tat man sich in letzter Zeit eher schwer. Der Blick mit seiner Titel-Familie hat in den letzten Jahren einiges an Strategieänderungen mitmachen müssen.
Man erinnere sich an den emanzipierten Boulevard, mit Kulturteil, dann wurde es magazinig auch im Format, dann zurück ins grosse Format und hin zum teutonischen Titelstil. Seit letztem Herbst will man politisch relevanter werden. Deshalb auch die Wahl von René Lüchinger zum Chefredaktor. Doch, was hiess es in der geschwätzigen Branche: «Der hat ja keine Ahnung von Boulevard.» Weit gefehlt.
Spätestens seit heute ist klar: Lüchi hat es allen gezeigt. Lüchi kann Boulevard. Es geht um die Causa Dillier. Vera Dillier seit Urzeiten Jetset-Exponentin und demzufolge ein sicherer Wert, hat einen herben Schicksalsschlag erlitten und teilt diesen mit dem Blick. Hier die History mit den entsprechenden Titeln und Anrissen: 10.4.: «Vera Dillier bangt um ihren Lebenspartner
Felix Guyer – und erfährt am Krankenbett, dass er eine Affäre hat: Erst geschockt, dann betrogen.» Gleichentags ergänzt mit einer Umfrage: «Soll sich Vera Dillier von Felix Guyer trennen?» Am 11.4. kommt Felix Guyer zu Wort: «Nach 19 Jahren mit seiner Vera. Ich war neugierig auf etwas Neues!» Ebenfalls am 11.4. das Ergebnis der Umfrage und die Leserbriefe zum Thema: Grundtenor: «Sie sollte das SMS vergessen.» Gleichentags auf Blick online: Hunde-Ratgeberin und Playboy-Model Andrea Vetsch erklärt, wie die Tiere der Jet-Set-Lady nun Trost spenden: «Die Tiere helfen Dillier über die Sex- SMS hinweg.»
Am 12.4. dann ein weiterer Experte: Paartherapeut Klaus Heer erklärt «Der Hormonrausch ist hinreissend». 14.4.: «Er ist immer nackt! Vera Dillier hat einen Neuen» (Es geht um einen mexikanischen Nackthund). Am 16.4 dann die Klimax: «Ich weine lieber in meiner goldenen Badewanne in St. Moritz als in einem Hinterhofzimmer in Oerlikon.» Und «Meine geile Welt», die neue Kolumne von Dillier. Die Formulierungen in der ersten Kolumne sind dann ganz grosses Kino: «Die Sonne strahlt über den verschneiten Bergen, doch in meinem Herzen ist noch alles recht bewölkt», «Die Gucci-Socken von Felix, die noch neben dem Bett lagen, fliegen in hohem Bogen in den Abfallsack. Da hafteten noch zu viel Geruch und Erinnerungen von ihm dran!», «Ich liege in meiner goldenen Badewanne und lecke im wohlriechenden Wasser meine Wunden».
Das Schöne bei Ringier ist, dass echter Boulevard Platz hat neben Ernsthaftem wie Cicero oder in Zukunft auch Le Temps.
Pierre C. Meier, Chefredaktor
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