Zur Sache: lohnende Quälerei

Qualität kommt von quälen. Und es ist zur Quälerei geworden, Medien zu konsumieren.

Auf kaum eine Tageszeitung, einen Fernseh- oder Radiosender kann man sich noch blind verlassen, wenn es um Auswahl, Stichhaltigkeit und kompetente Aufbereitung von Informationen geht. Nicht automatisch ist das, was in die Öffentlichkeit getragen wird, wahr und gut geprüft. Das Jahrbuch 2014 «Qualität der Medien» bestätigt das Grounding von Informationstiefe und -kompetenz des Schweizer Journalismus: Die Schweizer Medien würden immer schlechter, von den SRGSendern über die Abonnementszeitungen und das Privatfernsehen bis zu den Onlineportalen. Es mangele an relevanten Themen, Einordnung Fehlanzeige. Breaking News statt Hintergrundberichterstattung, Unterhaltung statt Information.

Bedauerlicherweise haben die Verfasser der Studie recht. Wer sich fundiert informieren möchte, muss sehr genau hinschauen und hinhören, kann sich auf keine Aussage einfach verlassen, muss wachsam bleiben, zum Biss bereit. Die Gefahr ist gross, einer Fehlinformation auf den Leim zu gehen – nicht nur als Leser, sondern insbesondere als Journalist. Dass eine falsche, fehlerhafte oder irreführende Meldung zur Quelle avanciert, passiert wahrscheinlich regelmässig. Nur sind nicht alle Schlampereien so gravierend wie jüngst der WDR-Panzerbild-GAU.

Schuld an diesem Qualitätsdebakel sind natürlich die bösen Journalisten, die – pfuiiiii! – ihren Job nicht mehr richtig machen. Gern hebt die Zunft selbst zur Schelte über ihre Kollegen an. Journalisten haben überhaupt kein Verständnis für derartige Schlampereien. Bis es sie selbst erwischt.

Was niemand bedenkt: Es ist auch zur Quälerei geworden, Medien zu produzieren. Zwar schreien alle nach Qualität, doch niemand will sie bezahlen. Zuallerletzt die Leser und die Werbeauftraggeber. Die einen lesen, die anderen inserieren lieber in einer Gratiszeitung als in einem der grossen Flaggschiffe des Schweizer Journalismus. Beinahe jeder dritte Franken, der für Werbung in den 45 grössten Schweizer Zeitungen ausgegeben wird, landet bei einer der vier Gratiszeitungen. Ergo: Wer billig ist, gewinnt. Woher also soll der Antrieb kommen, hochwertig zu schreiben? Der Pulitzer-Preis ist nur mit sauberer Handarbeit nicht zu erringen. Ein höheres Gehalt auch nicht.

Wie geht es weiter, wenn sich Qualität nicht mehr lohnt? Wenn das vielbeschworene Umdenken bei Verlagen, Werbeauftraggebern und Abonnenten nicht einsetzt? Wenn hart erarbeitete Fakten im Handumdrehen umsonst zu lesen sind, ohne Quellenangabe versteht sich, und obendrein verkehrt zitiert? Bleiben wir stur. Wenn es keinen hochwertigen Journalismus mehr gibt, lässt sich die Nachfrage danach auch nicht wieder ankurbeln.

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin

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