Pendler zwischen Welten

Lorenz Brügger, Leiter Migros-Medien, ist ein tougher Verlagsmanager, der sich aber seine menschlichen Seiten bewahrt hat. Und diese machen ihn zu einem mitfühlenden Vater und beliebten Chef, der fordernd ist, aber auch fördert. Und er ist humorvoll. Brügger-Humor nennt seine Frau den schrägen Witz.

Wir schreiben den 11. Februar 2009. Hoch über dem Zürcher Limmatplatz, im so genannten Migros-Medienhaus, sitzt mir Lorenz Brügger gegenüber. Der Mann hat schütteres Haar, strahlt übers ganze Gesicht – eigentlich ist das eher ein verschmitztes Grinsen, als wüsste er etwas, was wir nicht wissen… zumal das irgendwie nicht zu seinem (energischen) Offizierskinn zu passen scheint. Mir gehen Aussagen durch den Kopf, die ihn als harten, geradezu zähen Kommunikator beschreiben, der eine direkte und ehrliche Sprache pflegt. Auch Worte wie schroff und hartnäckig wurden in diesem Zusammenhang genannt. Aber wie mir sein Bruder, Chris Brügger, später anvertrauen wird, hat der 41-Jährige «einen weichen Kern in seiner harten Schale». Zu seinem Bruder Chris hat Lorenz Brügger auch heute noch ein inniges Verhältnis. Nicht zuletzt der schräge Humor verbindet die beiden. Dabei können sie über ein kleinstes Stichwort zusammen losprusten, während das Umfeld nur Bahnhof versteht. Seine Frau Niska hat deshalb den Ausdruck «Brügger-Humor» geprägt.
Nun, wie sich sein weicher Kern äussert, werde ich im Verlauf unseres Gesprächs noch erfahren. Erst mal jedoch sitze ich dem «toughen Verlagsmanager», wie ihn Arbeitskollegen beschreiben, gegenüber.
Brügger erzählt ehrlich und differenziert von seinem Werdegang, von seiner «Pendlersituation», die ihn am Wochenende ins Tessin führt, zu seiner Familie, seiner Frau Niska und seinen beiden Töchtern, Ambra und Giorgia, während er seine Arbeitswoche eben hier in Zürich verbringt.
Der extreme Frühaufsteher scheint mir mehrere Stunden Arbeit voraus zu haben. Ich gestehe, wir Journalisten sind ja nicht bekannt für frühmorgendliche Arbeitswut; Brügger aber wirkt frisch, voller Elan und – was mich, der ich noch ein wenig meiner Mittagspause nachtrauere, etwas unsicher macht – hundertprozentig bereit. Im Ernst: Ist das ein Mensch oder ein Arbeitstier? Ich frage mich, ob Lorenz Brügger auch zu diesen Herren der Chefetage gehört, für die Versagen ein Fremdwort ist– wenigstens bei ihren Untergebenen –, für die es keine Freizeit gibt, nur Arbeit und Erfolg zählen. Zu diesem Zeitpunkt kann ich noch nicht ahnen, dass ich mich gründlich irre.
Um die Atmosphäre ein wenig aufzulockern und mich auf das gleiche Level zu hieven, erkundige ich mich nach seinem Wechsel von der Espacemedia, für welche Brügger während fünfeinhalb Jahren gearbeitet hat, zu den Migros-Medien. Nachdem er die grosse Herausforderung und Chance erwähnt hat, die ihm diese neue Stelle bringen, die er seit knapp einem Jahr bekleidet, betreiben wir ein wenig Small Talk. Kann ja nicht schaden. Aber Lorenz Brügger zeigt mir unmissverständlich, immer noch lächelnd, dass er von Small Talk nicht viel, ja gar nichts hält. Und während mir Worte wie «schroff» durch den Kopf geistern, ändere ich meine Strategie. Vielleicht bin ich aber auch einfach da, wo Lorenz Brügger schon lange vor mir war: mitten im Gespräch. Er ist tatsächlich «zielstrebig, strukturiert und ergebnisorientiert», wie man sich etwa von seinem ehemaligen Kollegen bei der Espacemedia, Dr. Urs Schweizer, sagen lassen kann. Oder wie es sein heutiger Chef, Jean-Pierre Pfister, nennt: «Tough in der Sache, aber mit Ethik».
Je länger wir miteinander reden, desto deutlicher wird, wer mir hier eigentlich gegenüber sitzt. Lorenz Brügger liebt die lebendige Argumentation. Und eben nicht den Small Talk. Während wir über Verlagsstrategien sprechen, schiebt er sein energisches Kinn kämpferisch hervor und symbolisiert: «Widersprechen sinnlos». Mein Standpunkt ist klar. Sein liebenswertes Lächeln unterstreicht seine Aussage mehr als dass es ihr widerspricht. Es scheint fast so, als wären bei Lorenz Brügger knallhartes Business und Menschlichkeit eine perfekte Symbiose eingegangen. Ein sympathisches Miteinander.
Ich frage ihn, woher das kommt. Wie er das schafft, sich diese Menschlichkeit und damit Persönlichkeit zu bewahren, was doch für viel zu viele Manager eine Seltenheit ist. Wieder dieses sympathische Lächeln, während er mir klar und direkt antwortet.
Das Geheimnis liegt im Tessin – oder besser: wohnt. Hier lebt Lorenz Brügger, seit seine Frau Niska und er vor acht Jahren den Entschluss gefasst haben, in die Schweizer Sonnenstube zu ziehen. Wenigstens, was das Privatleben betrifft. Niedergelassen haben sie sich in Niskas Heimatdorf Balerna, die Eltern in unmittelbarer Nähe. Die Töchter Ambra, 12, und Giorgia, 9, gehen in dieselbe Schule, in die bereits Niska ging. Tradition und Familie: Hält das jemanden davon ab, völlig im Business zu ertrinken? Klar ist, Lorenz Brügger kann auf eine starke Frau an seiner Seite zählen. Eine Frau wie Niska, die ihrem «Sunnyboy» nun bereits seit knapp 20 Jahren den Rücken freihält. Hier bei ihr hat sein weicher Kern seine Wurzeln geschlagen. Hier ist der Ruhepol, an den sich Lorenz Brügger am Wochenende zurückzieht, ja zurückziehen muss, um Kraft zu schöpfen für seine beruflichen Herausforderungen. Freilich geht auch hier das eine oder andere Mal der Manager mit ihm durch. Dann wird Lorenz Brügger ungeduldig und sucht im malerischen Sottoceneri dieselben Herausforderungen, denen er sich in Zürich widmet. Niska Maspoli Brügger nennt diese Anwandlungen «Programm diktieren», und sie weiss nur zu gut, wie sie damit umzugehen hat: Ein strafender Blick in die Augen reicht und der Verlagsmanager macht Platz für den verantwortungsbewussten Ehemann und Vater, der er auch ist. Hier ist er wieder, der weiche Kern… Ein Kern, von dem aber nicht nur seine Frau und seine Töchter profitieren. Lorenz Brügger wäre kein «guter Chef, ein Mann mit Klasse», wenn er nicht seine Kollegen, seine Geschäftspartner, schlicht sein Zürcher Umfeld teilhaben liesse an seinem wahren Wesen.
So simpel die Bezeichnung «menschlich» ist, so sehr trifft sie bei Lorenz Brügger ins Schwarze. Wenige Manager sind so klar und offen und dabei immer fair. Egal, wie schwierig die Situation auch sein mag, Lorenz Brügger «ist ein Menschenkenner und verfügt über ein Feingefühl, das man sich bei manch anderen wünschte». Die Arbeitswelt sähe dann vielleicht ein wenig menschlicher aus… snu

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