Zur Sache: was lange währt …

Bis heute Mittwoch, den 19. Juni 2013 sind es 170 Kalendertage her, dass keine Daten zum Fernsehverhalten der Schweizer verfügbar waren. Präziser: Die Daten waren zwar vorhanden, aber erst wollte man sie zweimal nicht veröffentlichen, dann durfte man sie nicht mehr veröffentlichen. Nun scheint einer Veröffentlichung aber nichts mehr im Wege zu stehen.

So heisst es wenigstens in der neuesten Mitteilung der Mediapulse. An meiner Formulierung merkt man meine leichten Zweifel, denn was in diesen 170 Tagen hinter und vor den Kulissen passierte, ist unglaublich und eigentlich unvorstellbar. In den Augen ausländischer Betrachter ist die Schweiz mittlerweile zur Lachnummer in der TV-Forschung mutiert. Dies nach vielen Jahren erfolgreicher und zukunftsweisender Fernsehforschung. 

Wie konnte das passieren? Es geht hier nicht darum, die Forschungsdetails zu analysieren, um eventuelle methodische Ungereimtheiten oder Fehler zu entdecken. Diese Aufarbeitung muss erfolgen. Aber das müssen unsere Medienforscher – auch mit Einbezug ausländischer Experten – selbst an die Hand nehmen. Mir geht es vielmehr darum, die ganze Geschichte grundsätzlich zu hinterfragen, um herauszufinden, warum es überhaupt zu diesem Debakel kommen konnte. Für mich sind es vier Punkte, die zum Chaos führten.

Erstens ist es der gut schweizerische Drang zur Perfektion, der uns immer wieder daran hindert, griffige und pragmatische Lösungen zu finden. Wir wollen immer alles und alles auf einmal. Und dann sollte es natürlich auch noch perfekt sein. Das aber ist oft ein Ding der Unmöglichkeit. Weniger wäre oft mehr, denn die Eier legende Wollmilchsau gibt es definitiv nicht, auch wenn wir oft hoffen, dass diese Spezies irgendwo doch noch entdeckt wird.

Zweitens zeigen sich die Grenzen eines Joint Industry Committee, eines Gebildes, in dem alle relevanten Marktpartner (Medien, Mittler und Kunden) mit eingebettet sind. Das geht meistens so lange gut, wie alles gut läuft. Wenn es mal harzt, sind die Grenzen einer solchen Struktur erreicht – zu unterschiedlich sind die Partikularinteressen.

Ein Mangel an Experten. Eine solche Riesenkiste müsste von einem hochstehenden Fachausschuss von ausgewiesenen und unbeteiligten (!) Experten begleitet werden. Und wenn es die in der Schweiz nicht gibt, muss man diese halt im Ausland suchen. Eine noch so optimal zusammengesetzte Usercommission kann eine solche Aufgabe nicht erfüllen. Deren wohlverstanden wichtige Rolle ist eine andere. Sie muss dafür sorgen, dass man mit den Ergebnissen und den dazu nötigen Tools einfach und praxisgerecht arbeiten kann.

Viertens sind es zwei fehlende Ks: Kontrolle und Kommunikation. Diese beiden hängen entscheidend zusammen. Das Uvek respektive das Bakom haben ihre Aufsichtspflicht scheinbar erst sehr spät wahrgenommen. Es ist aber gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass sie schon früher aktiv waren, nur wusste das niemand. So, wie man auch vieles sonst nicht wusste. Kommunikation heisst Informationen proaktiv zu verbreiten und nicht, diese passiv zu verwalten wie ein Bundesamt.

Pierre C. Meier, Chefredaktor [email protected]
 

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