«Nicht gerade ein Feuerwerk»

Die NZZ am Sonntag überzeugte optisch, inhaltlich blieben aber viele Erwartungen unerfüllt

Die NZZ am Sonntag überzeugte optisch, inhaltlich blieben aber viele Erwartungen unerfülltForm und Inhalt der NZZ am Sonntag erhalten höchst unterschiedliche Noten. Praktisch unisono lobende Bemerkungen erntet der optische Auftritt. Dieser rücke auch die Anzeigen besonders gut in Szene. Weit weniger enthusiastisch sind hingegen die Urteile zum Inhalt. Vermisst werden das Überraschungsmoment und der unverwechselbare Charakter.Jost Wirz: Die NZZ am Sonntag gefällt mir ausgesprochen, weil sie weniger aufgeregt daherkommt, die Proportionen wahrt, eine kritische Distanz erkennen lässt, ein ausgewogenes Welt- und Menschenbild wiedergibt und von der gängigen Sado-Maso-Haltung im Journalismus Abstand nimmt. All dies führt dazu, dass mir – dank der NZZ am Sonntag – die frühere Sonntagsdepression erspart bleibt.
Dominique von Matt: Die NZZ am Sonntag begibt sich auf eine Gratwanderung: Wie macht man ein Produkt, bei dem man den genetischen Code der Marke NZZ klar verinnerlicht und doch einem fundamental anderen Lesebedürfnis entgegenkommt? Die Aufgabe an die Markenführung ist etwa so komplex wie die Einführung der C-Klasse von Mercedes in den Achtzigerjahren. Und die NZZ, die ich am Sonntag in den Händen hatte, schafft den Spagat elegant und deutet an, dass das Produkt auf Erfolgskurs gehen wird. Einziger Wermutstropfen: Der Popularitätsbeweis mit einer Simon-Ammann-Geschichte war gar nicht nötig. Und ich hatte mich so auf einen Sonntag ohne ihn gefreut.
Frank Bodin: Endlich hat man montags was zu erzählen.
Edi Andrist: Schön ist sie, wie ein gediegener Sonntag, aber auch ähnlich langweilig. Neoklassik im Design – beinahe ein «contemporary Lifestyle-Produkt». Gut waren die Bünde Wirtschaft, Geld und die Hintergrundberichte. Die Zeitungsarchitektur setzt die Anzeigen hervorragend in Szene. Als Werber sagt man gerne Danke schön. Mehr Inspiration durch frisches Denken wäre jedoch wünschenswert. Aber mir scheint, dass man an der Mühlebachstrasse etwas zu sehr auf die Positionierung schaute und dabei das journalistische Produkt und die Prinzipien, die die anderen Produkte aus demselben Hause so überzeugend machen («form follows thinking») etwas vernachlässigte.
Das beste Lesevergnügen bot mir die SonntagsZeitung. Für mich war sie die Überraschung schlechthin, war die kreativste der drei Zeitungen am Sonntag. Den besten Text des Wochenendes las ich in Das Magazin. Er stammte aus der Feder von Roger de Weck, und es waren Gedanken über Ariel Sharon.
Ich glaube absolut daran, dass sich qualitativer Journalismus auch am Sonntag erfolgreich durchsetzt. Der NZZ am Sonntag stünde es also gut an, etwas echter und überraschender zu sein. Und der SonntagsZeitung empfehle ich, ihr gutes journalistisches Schaffen durch ein Redesign attraktiver in Szene zu setzen. Dies auch deshalb, damit sich nicht einfach nur der lachende Dritte freuen kann. Als Leser geht es mir übrigens wie meinem Nachbarn Markus: Wir werden in Zukunft genüsslich alle drei Zeitungen kaufen.
Petra Kreussler: «Mit Verstand zu geniessen» – da habe ich mich aber gefreut. Sonntag, die Aussicht auf viel Lesestoff und auch noch schönes Wetter. Aber die NZZ am Sonntag fand nicht zu mir, auch nicht in den Agentur-Briefkasten. Und am Nachmittag war auch am Kiosk nichts mehr zu wollen. Der Think Tank wurde aktiviert, stimmt. Und was ich auch weiss: dass ich den nächsten Sonntag mit Verstand geniesse.
Hanspeter Lebrument: Eine erste Ausgabe einer Zeitung ist immer ein Ereignis. Meist ist es aber so, dass eine erste Ausgabe der Beginn zu einem längeren Reifeprozess ist. Die erste Ausgabe der NZZ hat das gebracht, was eine gute Sonntagszeitung bringt. Sie hat aber noch zu wenig eigenen, unverwechselbaren Charakter. SonntagsZeitung und NZZ am Sonntag werden sich im Laufe der Zeit noch stärker trennen müssen. Man darf aber sagen, dass der Auftakt gut gelungen ist.
Peter Döbeli: Selbstverständlich habe ich mich sehr darauf gefreut, dass der Sonntag ab dem 17. März endlich auch seine intelligenten Seiten hat. NZZ sei Dank! So gesehen war die Erwartungshaltung extrem hoch. Schliesslich stellt sich die Frage, wie ich es bisher ohne NZZ am Sonntag ausgehalten habe. In der Realität ist der Sonntag um eine wirklich elegante Zeitung reicher. Das Layout finde ich sehr gelungen – im Speziellen die verwendeten Schriften sind extrem schön. Auch an der inhaltlichen Qualität gibt es nichts zu rütteln – das wäre ja auch verwunderlich gewesen. Einen kritischen Punkt möchte ich dennoch anbringen: Der Gipfel der Intelligenz wäre für mich eine Zeitung in NZZ-Qualität, aber konzentrierter. Das heisst weniger Themen, Konzentration auf das Wesentlichste, dafür noch etwas lustvoller. Es stellt sich bei aller Qualität die Frage, ob diese Informationsmenge wirklich sonntagskonform ist. Bei aller Sympathie und Lesefreude, aber man kann trotzdem nicht den ganzen Tag nur lesen.
Andy Lehmann: Die Fakten: 3 Sonntagszeitungen = 1830 Gramm Papier, 320 Seiten Umfang, 150 Minuten Zeitinvestment. Das Resultat: primär ernüchternd. Ich fühle mich eher schlechter informiert. Das breitere Titelangebot führt nicht zu einer Erweiterung der Themen. Die Optik mag unterschiedlich sein – Mehrwissen wird aber nicht geschaffen. Als reale Messlatte bietet sich die Familienmeinung Ehefrau, Tochter (18), Sohn (22) an: Die NZZ am Sonntag gefällt optisch sehr. Teilweise bricht sogar so etwas wie Begeisterung durch («Die Inserate strahlen richtig!»). Die Titelstory ist enttäuschend. Ist das nicht genau die Art «dünne» Geschichte, welche die NZZ nie wollte? Die Zeit wird zum Problem. «Präservative gegen die Korruption» benötigt 3 Leseminuten. Macht 6 Minuten pro Seite, 36 Minuten für den Hintergrund-Bund… usw. Der SonntagsBlick bietet endlich Entspannung. Gewohnt, sicher – einfach gute Sonntagslektüre. Im Sport schlicht die Messlatte. Die SonntagsZeitung wirkt plötzlich unruhig, hektischer, aber oft auch wohltuend exklusiv (Cartoons, Interview, Online). Es ist spürbar, dass NZZ am Sonntag wie SonntagsZeitung mit den vielen Bünden kämpfen. Auch wir sind am Schluss abgekämpft – und freuen uns trotzdem auf den nächsten Sonntag. Entschieden ist noch nichts.
Albert P. Stäheli: In der Form ist die NZZ am Sonntag gut gelungen, im Inhalt aber nicht gerade ein Feuerwerk. Vielleicht lags an der langweiligen Nachrichtenlage.
Peter Wanner: Das Layout ist ein Wurf: klar, einfach, übersichtlich. Man wünscht sich die NZZ am Werktag eigentlich auch so. Die grosse Schwäche der NZZ am Sonntag ist das Druckverfahren (Hochdruck anstatt Offset). Obwohl die Drucker Erstaunliches leisten, hat man nach Lektüre und Durchblättern schwarze Hände. Nicht gerade edel für ein Produkt aus dem Hause NZZ. Vielleicht liefert der Verlag bis im Herbst ein Kleenex-Tüchlein mit. Inhaltlich ist die NZZ am Sonntag beachtlich und eine Bereicherung, doch in Bezug auf Primeurs und gute Geschichten muss die Redaktion noch einen Zacken zulegen. Noch hat die frontal angegriffene SonntagsZeitung die Nase leicht vorn. Und sie hat ein Highlight, das die NZZ am Sonntag nicht hat: Roger de Weck. Umfrage: Daniel Schifferle

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