Denken im Instant-Modus
An der Hochschule Luzern startete «AIristoteles 4.0» mit vollem Haus: Stephan Klapproth eröffnete philosophisch und pointiert, Miriam Meckel und Léa Steinacker diskutierten KI zwischen Aufbruch, Skepsis und menschlicher Reibung. Am Ende ging es weniger um Tools als um Urteilskraft.
«Watson, du Idiot, jemand hat unser Zelt gestohlen!» Mit diesem Sherlock-Holmes-Witz eröffnete Stephan Klapproth an der HSLU Hochschule Luzern einen Abend, der eigentlich von künstlicher Intelligenz handelte – und sehr schnell bei einer viel älteren Frage landete: Was bleibt vom Menschen, wenn alles schneller, glatter und sofort verfügbar wird?
Über 150 Gäste waren zur Veranstaltung «Aristoteles 4.0 – Leben im Instant-Modus: Was bleibt auf der Strecke?» gekommen. Gastgeber waren Matthes Fleck, Leiter Institut für Kommunikation und Marketing der HSLU, und Patricia Feubli, Head Competence Center Communication and Marketing Technologies. Im Zentrum stand der Talk mit Dr. Miriam Meckel und Dr. Léa Steinacker, moderiert von Stephan Klapproth. Im begleitenden m&k-Video kommen Meckel, Steinacker, Klapproth und HSLU-Direktor Fleck bei Hürlimann zu Wort – mit Blick auf einen Abend, der zeigte: KI ist längst mehr als Technologie. Sie ist ein Kulturthema.
Wenn KI auf menschliche Weisheit trifft
Patricia Feubli brachte den Anspruch der neuen Eventreihe früh auf den Punkt. Am Institut für Kommunikation und Marketing werde KI nicht nur beobachtet, sondern in konkreten Projekten erforscht und angewendet: von erklärbarer künstlicher Intelligenz im Gesundheitsbereich über KI in der Kandidatenauswahl bis zu Informationssystemen für Abstimmungen oder Modellen zum Konsumentenverhalten.
Gerade deshalb wolle die HSLU verstehen, was KI mit Menschen, Gesellschaft und Menschlichkeit mache. Der Titel der Reihe – «AI meets Human Wisdom» – war also nicht Dekoration, sondern Programm. Es ging nicht um die nächste Prompt-Show, sondern um die Frage, wie technologische Beschleunigung mit Verantwortung, Bildung und Urteilskraft zusammengeht.
Matthes Fleck erzählte dazu auch eine persönliche Vorgeschichte. Vor rund 20 Jahren habe Miriam Meckel ihm in Berlin sinngemäss gesagt: «Das in St. Gallen, das klappt.» Aus Forschung zu Web 2.0, später KI, wurde ein akademischer Weg, der nun an der HSLU in diese Veranstaltungsreihe mündete. Dass Flecks Familie ihm später ausgerechnet das Buch «Alles überall auf einmal» von Miriam Meckel und Léa Steinacker schenkte, passte als kleine Pointe wunderbar zu einem Abend, an dem Bücher gewissermassen lebendig wurden.
Klapproth als philosophischer Zünder
Stephan Klapproth, früherer «10vor10»-Moderator, Journalist und neuer Dozent an der HSLU, übernahm den Abend nicht mit einer klassischen Anmoderation, sondern mit einem ausführlichen, funkelnden Einführungsvortrag. Sein Titelgedanke: «So intelligent waren die Idioten noch nie.»
Klapproth spannte einen weiten Bogen von Sherlock Holmes über René Descartes, Henri Bergson, Albert Einstein und Alan Turing bis zu Aristoteles. Das war intellektuelles Warm-up, Kabarett, Medienkritik und philosophische Risikoanalyse in einem. Seine Grundthese: Die KI-Revolution könnte uns nicht nur Arbeit abnehmen, sondern auch etwas rauben, das tiefer liegt – den «Élan vital», die Lebendigkeit, das eigene Ich, die Reibung des Denkens.
Besonders stark war Klapproth dort, wo er die glänzende Oberfläche der digitalen Alltagswelt mit der Verarmung realer Begegnung kontrastierte. Wir seien morgens um sieben mit der ganzen Welt verbunden, sagte er sinngemäss, doch wer um halb acht in der S-Bahn sein Gegenüber grüsse, wirke bereits wie ein verhaltensauffälliger Exot.
Auch die schreibende Zunft bekam ihr Fett weg. Ausgerechnet Journalistinnen und Journalisten, deren grösste Freude das Schreiben sein müsste, gäben die Arbeit heute mit erstaunlicher Begeisterung an den «Elektrosklaven» ab. Das sass. Gerade in einem Saal voller Kommunikationsleute.
Die orange Abrissbirne und der Rest der Welt
Klapproth sparte nicht an Seitenhieben auf Silicon Valley, Tech-Milliardäre und Donald Trump. Die «orange markierte Abrissbirne im Oval Office» wurde zum Symbol für eine gefährliche Allianz von Macht, Kapital und Technologie. Das war pointiert, manchmal lustvoll zugespitzt – und gehörte an diesem Abend fast zum rhetorischen Pflichtprogramm.

Mit einem Augenzwinkern darf man allerdings ergänzen: Sollte Trump als Bösewicht der Gegenwart herhalten, ist er sicher nicht der letzte im globalen Sortiment. Und die amerikanische Demokratie hat historisch doch ein paar Belastungstests mehr hinter sich als manche andere. Aber die Pointe erfüllte ihren Zweck: Klapproth wollte zeigen, dass KI nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern in Machtverhältnissen, Eigentumsstrukturen und Geschäftsmodellen.
Damit war der Rahmen gesetzt. Die Maschine mag rechnen. Aber Menschen entscheiden, wofür sie eingesetzt wird.
Meckel und Steinacker: aufgeschlossen, aber nicht naiv
Dann kamen Miriam Meckel und Léa Steinacker auf die Bühne – zwei der profiliertesten Stimmen im deutschsprachigen KI-Diskurs. Meckel ist Co-Founder und Executive Chairwoman von ada sowie Professorin an der Universität St. Gallen. Steinacker ist Social Scientist, CEO der GaiaLogic AG, Verwaltungsrätin der Weleda AG und Lecturer für Technology & Social Science an der HSG.
Gemeinsam bilden sie ein einflussreiches Duo in der deutschen Wirtschafts- und Technologielandschaft. Ihr Buch «Alles überall auf einmal» wurde 2024 zum Spiegel-Bestseller. Darin analysieren sie, wie KI Gesellschaft, Wirtschaft und Politik verändert. Zudem diskutieren sie im Podcast der ada Learning Community regelmässig technologische Trends.
Was in Luzern auffiel: Meckel und Steinacker sind keine Kulturpessimistinnen. Sie nutzen KI intensiv, sie sehen ihr kreatives und produktives Potenzial, sie argumentieren mit grosser Offenheit. Aber sie sind weit entfernt von jener billigen Euphorie, die jede neue Technologie automatisch für Fortschritt hält.
Der vielleicht wichtigste Satz des Abends kam deshalb nicht als Warnung gegen KI, sondern als Warnung gegen Bequemlichkeit: Man müsse wissen, wann KI unterstützt – und wann sie das Denken ersetzt.
Der «shitty first draft» muss vom Menschen kommen
Klapproth brachte die alte Schreibregel ins Spiel: «The shitty first draft.» Der erste Entwurf darf schlecht sein, aber er muss von einem selbst kommen. Meckel und Steinacker bestätigten genau diesen Punkt.
Wenn man ein neues Kapitel beginne, so Meckel, stehe man vor dem weissen Dokument und müsse die Mühe aushalten, einen Gedanken überhaupt erst zu entwickeln. Diese Mühe sei nicht angenehm, aber entscheidend. Denn wer den Prozess an die KI abgebe, verliere nicht nur einen Arbeitsschritt, sondern einen Teil des Denkens.
Steinacker formulierte das Problem noch grundsätzlicher: Wenn eine KI einen Artikel schreibt und eine andere KI ihn auf drei Sätze zusammenfasst, reden am Ende Bots mit Bots. Der menschliche Prozess verschwindet auf beiden Seiten – beim Schreiben und beim Lesen.
Das war einer der stärksten Momente des Abends. Denn hier wurde KI nicht moralisch verdammt, sondern präzise eingeordnet. Die Gefahr liegt nicht darin, dass Maschinen Texte produzieren können. Die Gefahr liegt darin, dass Menschen den Weg zum Gedanken nicht mehr gehen wollen.

Kreativität zwischen Promptographie und Gänsehaut
Besonders spannend wurde es beim Thema Kreativität. Meckel verteidigte die sogenannte «Promptographie» am Beispiel des deutschen Künstlers Boris Eldagsen. Sein KI-generiertes Bild hatte beim Sony World Photography Award 2023 für Diskussionen gesorgt. Eldagsen wollte den Preis nicht behalten, sondern die Debatte anstossen: Was ist Kreativität, wenn Mensch und Maschine gemeinsam ein Werk hervorbringen?
Meckel beschrieb den Prozess als hybride Kunstform. Nicht klassische Fotografie, nicht reine Maschinenproduktion, sondern ein dritter Raum: menschliche Idee, maschinelle Variation, iterative Zusammenarbeit.

Steinacker öffnete die Debatte noch weiter. Sie erzählte von einem Gespräch mit Björn Ulvaeus von ABBA. Auf die Frage, ob «The Winner Takes It All» noch Kunst wäre, wenn der Song von einer KI geschrieben worden wäre, habe Ulvaeus geantwortet: Für ihn ja – weil Kunst das sei, was sie bei Menschen auslöse.
Damit stand die Kernfrage im Raum: Zählt der Schaffensprozess oder die Wirkung beim Publikum? Klapproth blieb skeptisch. Er verwies auf KI-Sängerinnen, die gut klingen, aber keinen Menschen hinter der Stimme haben. Steinacker brachte ein starkes Gegenbeispiel aus der Comedy: Eine Comedienne, die mit Körper, Stimme und Präsenz Menschen imitiert, berühre gerade deshalb, weil ein Mensch das könne. Eine Maschine könne 74 Sprachen simulieren. Aber sie könne nicht staunen lassen, dass ein einzelner Mensch das alles in sich trägt.
Der Satz des Abends dazu kam von Klapproth: Menschen interessieren sich für Menschen. Das ist nicht nur ein journalistisches Grundaxiom. Es ist vielleicht auch ein Kommunikationsgesetz für die KI-Zeit.
KI ist kein Technologieproblem, sondern ein Kulturproblem
Meckel und Steinacker machten deutlich, dass die Einführung von KI in Unternehmen oft falsch verstanden wird. Ein Copilot-Zugang für alle Mitarbeitenden sei noch keine Transformation. Es sei im Grunde nur der Moment, in dem die eigentliche Arbeit beginne.
Steinacker erzählte von Unternehmen, die glaubten, sie seien digitalisiert, weil alle einen Laptop hätten. Heute gebe es eine ähnliche Fehleinschätzung: Alle haben Zugang zu KI, also ist das KI-Problem gelöst. Genau darin liege der Irrtum. Technologie-Transformation sei kein Technologieproblem, sondern ein Führungs- und Kulturproblem.
Es brauche Führungskräfte, die den Umgang mit KI vorleben. Es brauche Räume zum Experimentieren. Es brauche Regeln, Reflexion und gemeinsame Lernprozesse. Und es brauche die Bereitschaft, nicht jede Reibung sofort zu eliminieren.
Denn Reibung ist nicht nur ineffizient. Sie ist produktiv. Sie zwingt Menschen dazu, Positionen zu klären, Widersprüche auszuhalten und Urteilskraft zu entwickeln.
Dummer Kapitalismus oder bessere Arbeit?
Ein besonders konkretes Feld war der Arbeitsmarkt. Klapproth brachte das Beispiel Klarna ins Spiel: Ein KI-Bot übernahm Millionen Kundenchats, verkürzte Bearbeitungszeiten massiv und sparte hohe Kosten. Für Menschen klingt das schnell nach Rationalisierung im Hochglanzformat.
Meckel widersprach nicht, differenzierte aber. Klarna habe inzwischen selbst erkannt, dass Effizienz allein nicht genügt. In bestimmten Situationen erwarteten Kundinnen und Kunden weiterhin einen Menschen. Der menschliche Kontakt werde damit zum «VIP-Treatment».
Noch positiver sei das Beispiel IKEA. Dort habe der Chatbot «Billy» viele Standardinteraktionen übernommen. Statt Mitarbeitende zu entlassen, wurden Tausende zu Designberaterinnen und Designberatern weitergebildet. Daraus sei ein neuer Umsatzkanal entstanden.
Die Pointe: KI kann Arbeit vernichten, wenn sie in einem kurzfristigen, dummen Kapitalismus eingesetzt wird. Sie kann aber auch bessere Arbeit ermöglichen, wenn Unternehmen sie nutzen, um Menschen von Routinen zu entlasten und für höherwertige Aufgaben zu qualifizieren.
Das ist keine romantische Position. Es ist eine strategische.
Sentio ergo sum
Klapproth hatte Descartes mitgebracht: «Ich denke, also bin ich.» Steinacker wollte den Satz erweitern. Da müsse Fühlen hinein, sagte sie. Wahrnehmung. Körperlichkeit. Erfahrung. «Sentio ergo sum» – ich fühle, also bin ich.
Damit berührte der Abend seinen philosophischen Kern. Wenn KI zunehmend rechnen, schreiben, gestalten, analysieren und simulieren kann, verschiebt sich die Frage nach dem Menschlichen. Es reicht nicht mehr, Intelligenz über Output zu definieren. Der Output ist oft verblüffend. Manchmal besser, schneller, sauberer als menschliche Arbeit.
Aber Menschsein besteht nicht nur im Output. Es besteht im Erleben, im Zweifeln, im Lieben, im Scheitern, im gemeinsamen Aushalten von Missverständnissen. Genau deshalb antworteten Meckel und Steinacker auf eine Publikumsfrage nach der wichtigsten menschlichen Fähigkeit nicht mit «Kreativität», «kritischem Denken» oder «Prompt-Kompetenz». Steinacker sagte: Fühlen. Meckel sagte: Lieben.
Das war nicht kitschig. Es war eine wohltuende Entschleunigung in einem Diskurs, der sonst sehr schnell bei Use Cases, Effizienzgewinnen und Produktivität landet.
Davide Cortese bringt die Praxis zurück
Zum Schluss ordnete Davide Cortese, CEO der Luzerner Digital-Commerce-Agentur Arcmedia und Dozent an der HSLU, den Abend aus Praxissicht ein. Sein Fazit war präzise: Die Herausforderung liege nicht im Tool selbst, sondern in der Gestaltung von Prozessen.
Ein Prompt sei noch kein Prozess. Organisationen müssten bewusst entscheiden, wo KI beschleunigen dürfe und wo weiterhin Reibung, Diskussion, Zweifel und gemeinsames Denken nötig seien.
Cortese warnte davor, KI nur als Output-Maschine zu verstehen: schneller Text, schnellere Analyse, schneller Code, schnellere Präsentation. Das sei nützlich, aber gefährlich, wenn dabei der Weg zum Resultat verschwinde. Denn gerade dieser Weg mache Organisationen lernfähig.
Sein stärkster Satz: Man solle nicht schneller Unsinn produzieren, nur weil die Maschine ihn schöner formuliere.
Damit fand der Abend einen sehr guten Schluss. Nicht gegen KI. Aber gegen Gedankenlosigkeit. Nicht gegen Geschwindigkeit. Aber für Sorgfalt.
Was bleibt auf der Strecke?
Die erste Ausgabe von «Aristoteles 4.0» zeigte, dass die entscheidenden KI-Fragen nicht nur in Rechenzentren, Start-ups oder Tech-Konzernen verhandelt werden. Sie gehören in Hochschulen, Unternehmen, Medienhäuser und Kommunikationsabteilungen.
Klapproth lieferte den philosophischen Zunder. Meckel und Steinacker hielten die Balance zwischen Begeisterung und Skepsis. Fleck und Feubli gaben der HSLU eine Bühne für einen Diskurs, der Forschung, Praxis und Gesellschaft verbindet. Cortese übersetzte den Abend in organisatorische Konsequenzen.
Und vielleicht ist genau das die Aufgabe in der KI-Zeit: nicht langsamer werden um der Langsamkeit willen. Sondern dort langsamer denken, wo Geschwindigkeit allein keinen besseren Gedanken erzeugt.
Im Instant-Modus ist vieles sofort da. Antworten, Bilder, Texte, Folien, Analysen. Was nicht sofort da ist: Urteilskraft. Vertrauen. Resonanz. Eine eigene Haltung.
Dafür braucht es weiterhin Menschen. Und manchmal sogar einen Abend in Luzern, an dem Sherlock Holmes, Descartes, Bergson, Einstein, Aristoteles, Trump, ABBA, IKEA, Klarna, KI-Bots und über 150 Gäste in einen gemeinsamen Denkraum passen.
Alles überall auf einmal – aber zum Glück nicht ohne Reibung.







