Refluenced skaliert und sieht Influencer-Marketing an einem Wendepunkt

Refluenced hat in nur 18 Monaten den Sprung vom Schweizer Startup zur DACH-Plattform für datengetriebenes Influencer-Marketing geschafft. Quirin Hasler und Jonas Holzer waren auf der Creator Economy Live in Las Vegas und sprechen über neue Markttrends, die Rolle von KI und warum die Creator Economy nachhaltiger ist als je zuvor.

Quirin Hasler (links) und Jonas Holzer von Refluenced an der «Creator Economy Live» in Las Vegas

m&k: Als wir vor 18 Monaten das erste Mal über Refluenced gesprochen haben, wart ihr noch ein junges Startup mit einer klaren Vision. Was hat sich seither verändert?

Der Markt hat sich rasant weiterentwickelt – und wir mit ihm. Die Creator Economy ist längst keine Nische mehr, sondern ein fester Bestandteil moderner Marketingstrategien. Wir haben nicht nur unser Geschäftsmodell geschärft, sondern auch unsere Plattform weiterentwickelt, um Marken und Creator noch effizienter zusammenzubringen. Besonders spannend: Die Skalierung nach Deutschland hat uns gezeigt, wie unterschiedlich Märkte funktionieren und welche Hebel nötig sind, um international zu wachsen.

Und wir haben gelernt, dass der Aufbau eines nachhaltigen und dominierenden Unternehmens kein Sprint, sondern ein Marathon ist – geprägt von Durchhaltevermögen und ständiger Anpassung. Unser langfristiges Ziel ist es, die Creator Economy zu revolutionieren und einen Markt zu schaffen, der vergleichbar mit der Transformation der Musikindustrie durch Spotify, dem Wandel im Transportsektor durch Uber oder der Neugestaltung der Content-Erstellung durch Canva ist.

 

Inzwischen habt ihr über 1 Million CHF an Produktwert an Influencer vermittelt. Was bedeutet dieser Meilenstein für euch – und wie verändert das eure Position im Markt? 

Wir haben 1,7 Mio. CHF an Produktwert vermittelt und über 230.000 CHF in Bar an unsere Nano- und Mikro-Influencer ausbezahlt – in Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Insgesamt konnten wir mehr als 10.000 Influencer mit Unternehmen vernetzen. Dieser Erfolg zeigt, dass wir sowohl auf Seiten der Influencer als auch der Unternehmen ein dringendes Bedürfnis bedienen und aktiv zur positiven Entwicklung der noch jungen Creator Economy beitragen.

 

Ihr habt eure Mehrheit im Verwaltungsrat bewusst abgegeben und externe Experten in den Verwaltungsrat geholt. Was hat euch zu diesem Schritt bewogen? Gab es Momente, in denen ihr dachtet: «Hätten wir das lieber nicht gemacht»?

Für uns war es essentiell, erfahrene Experten an Bord zu holen, die uns mit ihrem Know-how weiterbringen. Der Verwaltungsrat bietet uns genau diese Möglichkeit, unser Wachstum zu beschleunigen und wertvolle Impulse zu erhalten. Es gab keinen Moment, in dem wir diesen Schritt bereut hätten – unser Verwaltungsrat berät uns umfassend und gibt uns dabei viel Freiraum, ohne unsere strategischen Entscheidungen vorzudefinieren.

 

Ihr wart auf der Creator Economy Live in Las Vegas – was war die überraschendste Erkenntnis, die ihr mitgenommen habt?

Wir haben festgestellt, dass sich der Social-Media-Markt zukünftig nicht um einen dominierenden Anbieter drehen wird. Vielmehr wird es eine Vielzahl spezialisierter Apps geben, die unterschiedliche Bedürfnisse und Nischen bedienen. Nutzer werden künftig mehrere Plattformen nutzen – je nachdem, welche Inhalte oder Funktionen sie suchen. Ein Beispiel ist LTK, eine aufstrebende Shopping-App, über die Influencer ihre Lieblingsprodukte präsentieren und verkaufen. Das Unternehmen hat 300 Millionen Investment im Jahr 2021 erhalten.

 

Der US-Markt gilt als Vorreiter. Wo seht ihr den grössten Unterschied zu Europa – insbesondere im Hinblick auf Performance-Metriken und Budgeteinsätze?

In den USA werden deutlich höhere Budgets eingesetzt – bedingt durch die grössere Marktkapazität und die höhere Wertschätzung sowie die höheren Kosten der Werbung. Auch wenn die Kampagnenziele variieren, steht überall der Impact im Vordergrund: Wenn schnelle Ergebnisse ausbleiben, wird umgestellt.

 

Influencer-Preise, Sales Performance, Unternehmenskennzahlen – der Ruf nach Transparenz wird lauter. Was heisst das konkret für Plattformen wie eure?

Der Markt ist nach wie vor fragmentiert – fast wie im Wilden Westen. Für uns als Plattform bietet dies jedoch eine grosse Chance, da wir über umfangreiche Daten verfügen, mit denen wir Influencer und Unternehmen transparent auf einem Marktplatz zusammenbringen und unterstützen können.

 

Viele Marken setzen auf KI-gestützte Tools für Matching, Kommunikation und Reporting. Wird das menschliche Gespür für die richtige Creator-Brand-Fit irgendwann überflüssig?

KI kann weitaus mehr Daten verarbeiten als ein Mensch – daher sehen wir grosses Potenzial in ihrem Einsatz. Dennoch gibt es Situationen, die sich nicht allein aus Daten prognostizieren lassen; hier bleibt das menschliche Gespür unverzichtbar. KI wird uns in vielen Fällen eine wertvolle Unterstützung bieten und fundierte Entscheidungen ermöglichen, aber bei besonders wichtigen Entscheidungen ist der menschliche Input weiterhin entscheidend.

 

Ihr sprecht oft über den Trend von Makro zu Mikro – welche Vorteile haben kleinere Creator gegenüber den grossen Stars?

Das Stichwort lautet «Authentizität». Kleinere Creator haben den Vorteil, dass sie ihren Followern oft näher stehen – so entsteht ein digitaler Mund-zu-Mund-Effekt. Ausserdem bilden sie den Großteil der aktiven Nutzer und können daher einen enormen Einfluss entfalten. Es gibt auch noch viele weitere Vorteile von den kleineren Influencern.

 

Falls TikTok Marktanteile verliert, welche Plattform profitiert am meisten?

Sollte TikTok in den USA gebannt werden, sehen wir Instagram als den Hauptgewinner, gefolgt von YouTube Shorts und zuletzt Snapchat – wenngleich hier unterschiedliche Meinungen existieren.

 

Creator Economy ist ein Milliardenmarkt, aber es gibt keine dominierende Plattform. Warum konnte sich bisher kein globaler Standard durchsetzen?

Unseres Erachtens liegt es daran, dass Social-Media-Plattformen oft nicht direkt mit den spezialisierten Influencer-Tools zusammenarbeiten. Zudem wurde der Markt lange Zeit von grossen Influencern dominiert, während zusätzliche Managementstrukturen zu Ineffizienzen geführt haben. Nicht zuletzt sind die Anforderungen von Unternehmen und Influencern so vielfältig, dass eine einheitliche Lösung schwer realisierbar war – KI wird dafür eine grosse Chance sein. 

 

Der Customer Lifetime Value (CLV) wird im Influencer-Marketing immer wichtiger. Wie stellt ihr sicher, dass Marken mit den richtigen Influencern zusammenarbeiten, die langfristig Wirkung erzielen?

Die entscheidende Frage lautet: Was macht den richtigen Influencer aus? Ist es hochwertiger Content, die Erreichung einer lokalen Zielgruppe, maximale Reichweite oder der direkte Sales-Effekt? Wir nutzen Algorithmen, die auf umfangreichen Daten von Influencern und Unternehmen basieren, um ein Scoring-System zu entwickeln, das die optimale Passung ermittelt. Dabei setzen wir auch auf KI, um langfristige Kooperationen zu fördern und ein starkes Ambassador-Netzwerk aufzubauen. Diese Funktionen wollen wir demnächst ausrollen.

Hasler und Holzer vor dem Caesars Palace: Ob sie beim Sightseeing auch eine Runde im Casino eingelegt haben, bleibt in diesem Interview offen.

 

Bei eurer Zusammenarbeit mit Milano Vice habt ihr die Cost per Purchase um 47 Prozent gesenkt. Was waren die wichtigsten Erfolgsfaktoren dieser Kampagne?

Der Schlüssel zum Erfolg der Milano Vice Kampagne lag in der Kooperation mit einer größeren Anzahl kleinerer Creatorn, die eine Vielzahl an Content erstellt haben. Dieser Content wurde durch gezielte Partnership Ads verstärkt, die im Namen des Creators ausgespielt wurden. Durch diese native Art der Werbung wirkte die Kampagne viel authentischer und weniger aufdringlich, was zu einer signifikanten Senkung der Cost per Purchase um 47 Prozent führte.

 

Ihr versteht euch nicht nur als Influencer-Plattform, sondern auch als Content-Management-Tool. Wo seht ihr euch im Vergleich zu klassischen Social-Media-Tools?

User Generated Content gewinnt zunehmend an Bedeutung. Unsere Plattform ermöglicht es Unternehmen, hochwertigen Content direkt von Creatorn zu beziehen und diesen nahtlos über ihre eigenen Kanäle zu verbreiten. Diese Methode ist nicht nur äußerst kosteneffizient, sondern sorgt auch dafür, dass stets aktueller, trendiger Content im Einsatz ist.

 

Stichwort Paid Media & Performance-Boosts: Wie kombiniert ihr organischen Content mit gezielter Bewerbung?

Wir haben eine Funktion direkt in unsere Plattform integriert, die es ermöglicht, den organisch erstellten Influencer-Content gezielt über Paid Media zu verbreiten mit sogenannten Partnership Ad Codes. Mithilfe dieser Funktion entfällt eine zusätzliche Interaktion mit dem Creatorn und garantiert dem Unternehmen maximale Flexibilität. Dabei wird der Content im Namen des jeweiligen Creators ausgespielt – wie im obigen Beispiel mit Milano Vice aufgezeigt. 

 

Welche Plattform ist für eure Kunden aktuell die spannendste für Influencer-Marketing: Instagram, TikTok, Pinterest oder LinkedIn?

Aus monetärer Sicht dominiert Instagram, doch wir sehen auch enormes Potenzial bei TikTok. In naher Zukunft planen wir, YouTube Shorts anzubieten – eventuell auch Snapchat Spotlight, sofern der Bedarf entsprechend steigt.

 

Ihr setzt stark auf Nano- und Mikro-Influencer – ist das ein langfristiger Trend oder werden irgendwann wieder grosse Namen gefragt sein?

Wir sind überzeugt, dass der Trend zu Nano- und Mikro-Influencern langfristig Bestand haben wird und sich mit den grossen Influencern ergänzt. Während früher oft nur die grossen Namen im Fokus standen, erkennen Unternehmen mittlerweile auch den Mehrwert kleinerer Creator – ein Trend, der sich nachhaltig fortsetzen wird.

 

In eurem Business gibt es einen besonderen Twist: Influencer werden nicht mit Geld, sondern mit Produkten vergütet. Warum funktioniert das so gut?

Anfangs vergüteten wir Influencer vorwiegend mit Produkten. Mittlerweile bieten wir auch Cash-Vergütungen an und haben unseren Creators bereits über 230.000 CHF ausgezahlt – ein Trend, der weiter zunimmt. Unser Ziel ist es, Creators den Weg in eine eigenständige Content-Karriere zu ebnen, und auf Refluenced wachsen zu können. 

 

Viele Startups erleben Phasen, in denen der Kontostand bedrohlich nahe an Null rückt. Wie habt ihr die kritische Finanzierungsrunde überstanden?

Als Startup streben wir schnelles Wachstum an und tätigen hohe Investitionen, was den Kontostand erheblich belastet. Wenn unerwartete Kosten auftreten oder das hochgesteckte Umsatzziel nicht erreicht wird, können schnell mal Liquiditätsengpässe entstehen. Auch grosse Scale-Ups erleben immer wieder Phasen, in denen die steigenden Fixkosten zu einer finanziellen Herausforderung werden – man lebt quasi stets am Limit.

 

Ein Punkt, den ihr oft betont: Erfahrung ist nicht entscheidend, Einstellung schon. Warum ist das so?

Die Bedeutung von Erfahrung variiert je nach Entwicklungsphase eines Startups. In der Frühphase zählen vor allem Einstellung und Drive, während mit fortschreitender Professionalisierung auch die Erfahrung immer wichtiger wird – so haben wir es erlebt.

 

Ihr habt viel über das Netzwerken gesprochen und wie es euch vorangebracht hat. Gibt es eine Begegnung, die für Refluenced alles verändert hat?

Die entscheidenden Impulse kamen oft durch einzelne Kontakte – sei es bei der Gewinnung von Investoren, der Expansion nach Deutschland oder der Rekrutierung entscheidender Teammitglieder. Diese Erfahrungen zeigen: Als Startup muss man aktiv das Netzwerk pflegen und sich nicht ausschliesslich im Keller auf die Produktentwicklung konzentrieren.

 

Ihr seid kein klassisches Startup mehr – ab wann ist ein Startup eigentlich kein Startup mehr?

Wir sehen uns nach wie vor als Startup – denn wir basieren auf Technologie, bauen ein hochskalierbares Produkt und haben das Potenzial, den Markt nachhaltig zu verändern. In den letzten 18 Monaten haben wir drei entscheidende Schritte unternommen: die Aufnahme von Fremdkapital, die Expansion nach Deutschland mit der Eröffnung eines Büros in Berlin sowie die gezielte Einstellung neuer Mitarbeiter. Bisher haben sich diese mutigen Entscheidungen voll und ganz ausgezahlt.

 

 

 

 

 

 

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