Taten statt Worte


WW: Wer bewirbt sich?Nievergelt:
Das sind einerseits erfahrene Medienschaffende, die aus den
unterschiedlichsten Gründen ihren Job verloren haben. Andererseits
melden sich immer mehr Arbeitslose, die mit einem Einstieg in den
Journalismus liebäugeln. Ihnen müssen wir klar machen, dass wir wohl
Weiterbildung anbieten können, aber keine Ausbildung. Man wird nun mal
nicht im Handumdrehen Journalist.
WW:
Nach welchen Kriterien werden denn die Bewerber ausgewählt?Nievergelt:
Wir, das heisst Programmleiter André Häring und ich, führen mit den
Bewerbern eigentliche Assessments durch. Dabei ist für uns
entscheidend, die Betroffenen in ihrer Suche nach einer beruflichen
Perspektive zu unterstützen. Das kann, muss aber nicht in Richtung
Journalismus gehen. Ist das Potenzial nicht vorhanden, weisen wir die
Bewerber ab, suchen aber gemeinsam nach Alternativen.
WW:
Gibt es auch Bewerber aus der Ecke der Werbung?Nievergelt:
Ja. Es melden sich PR-Fachleute, die es einmal mit Journalismus
versuchen wollen – und in der Regel um wertvolle Erfahrungen reicher in
den angestammten Beruf zurückkehren. Vor allem aber haben wir es immer
häufiger mit arbeitslosen Abgängern von Fachhochschulen zu tun, die
sich dort zu Kommunikationsprofis ausbilden liessen und nun feststellen
müssen, dass niemand auf sie gewartet hat, weil sie über zu wenig
Profil verfügen.
WW:
Das heisst, es werden heute zu viele Kommunikationsfachleute ausgebildet?Nievergelt:
Zu viele Kommunikationsfachleute, aber zu wenig gute Journalisten. Wir
sind oft erstaunt, wie wenig diese Leute nach erfolgreichem
Studienabschluss vom Metier wissen.
WW:
Das Projekt hat auch abseits der ursprünglichen Idee Potenzial in einer
Zeit des sich wandelnden Arbeitsmarktes. Gibt es Ausbaupläne?Nievergelt:
Ich bin überzeugt, dass ein informatives und viel Nutzwert
generierendes Monatsmagazin über Arbeit, Beschäftigung und Ausbildung
auch hier zu Lande kommerziell erfolgreich sein könnte, nicht zuletzt
deshalb, weil sich die etablierten Wirtschaftsblätter mit Vorliebe den
Aktiengewinnern und dem Luxus widmen. Aber wir sind nun mal nicht auf
dem freien Markt.
WW:
Was sind Ihre persönlichen Ziele mit dem Arbeitsmarkt?Nievergelt:
Wir haben kein Geld für Werbung, aber ein gutes Produkt. Wenn es uns
gelingt, dieses noch bekannter zu machen, bin ich zufrieden.
Interview: Andreas Panzeri
Hort für stellenlose Medienschaffende
Der Arbeitsmarkt ist die Schweizer Fachzeitschrift für Arbeit und
Beschäftigung und zugleich ein vom Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco) getragenes nationales Programm zur vorübergehenden Beschäftigung
stellenloser Medienschaffender. Die beim Zürcher Verlag jobindex media
AG produzierte Zeitschrift erscheint zehn Mal jährlich in deutscher und
französischer Sprache. Die erste Ausgabe erschien vor exakt zehn
Jahren, die Gesamtauflage beträgt heute 2900 Exemplare bei rund 1500
Abonnenten.
Der Redaktionsleiter Gery Nievergelt begann seine journalistische
Karriere im Bieler Pressebüro Cortesi. Er war u. a. Redaktor bei der
Schweizer Illustrierten, Ressortleiter bei der SonntagsZeitung und
Textchef bei der Annabelle. Er schreibt Kolumnen und arbeitete am MAZ.
Seit 2004 ist er Redaktionsleiter beim
Arbeitsmarkt.