Blüten & Perlen: Die Erfindung des Feuers

In ihrer Kolumne nimmt Sarah Pally liebgewonnene Kreativitätsmythen auseinander. Dieses Mal geht es um den Geistesblitz und die Frage, ob gute Ideen tatsächlich aus dem Nichts entstehen – oder doch eher das Ergebnis von Erfahrung, Recherche, Nachdenken und ziemlich viel Arbeit sind.

Wir ideenlosen Sterblichen im kalten, lichtlosen Jammertal des Daseins! Wir warten und lassen das Fenster offen, damit die Muse, die endlich den Weg zu uns finden möge, auch sicher nicht hineinknallt und uns endlich küsse. Ideen zu haben scheint eine Mischung aus frommer Hoffnung, schierem Zufall und reinem Glück zu sein – und irgendwie sehr passiv. Der Begriff Geistesblitz suggeriert es ähnlich: Man spaziert nichtsahnend und nichtswollend seines Weges und plötzlich schlägt die Idee ein. Beeindruckend! Aber auch sehr unwahrscheinlich. Und danach ist man wohl ausgebrannt.

Natürlich gibt es Geistesblitze, ständig. Viele haben sie unter der Dusche oder beim Einschlafen. Aber der Begriff ist missverständlich und nährt den Mythos, dass da was Geniales aus dem Nichts kommt. Ein Geistesblitz ist aber vor allem das Ergebnis von viel Erfahrung, Recherche, Beobachtungen, Nachdenken, Diskussionen sowie verlässlicher Kenntnis über Möglichkeiten und Machbarkeiten – gewissermassen eine optimale Zusammenfügung all dessen. Und ja, ein bisschen Glück und etwas Zeit helfen auch.

Ein Haufen Arbeit

Kurz gesagt: ein Geistesblitz ist das Resultat von viel Arbeit. Die Arbeit der kreativen Leute. Sie schauen dabei mitunter aus dem Fenster statt ins Windows. Und das sieht dann halt nicht unmittelbar nach Arbeit aus. Gleichzeitig läuft die Geistesblitzmaschine einfach weiter, während Windows am EOB heruntergefahren wird.

Doch das ist nur die Hälfte der Geschichte.

Denn: Was schert mich mein Geistesblitz von gestern? Professionelle Kreativität bedeutet vor allem nicht nur, viele Ideen zu generieren, sondern vor allem diese relevant weiterzuentwickeln oder zu verwerfen. Eigentlich wie beim Feuermachen: Nicht der grosse Geistesblitz aus dem Nichts, sondern viele kleine Geistesfünkli sowie die Kombination von Zundermaterial, Pusten und Teamwork bringen das Feuer am Schluss am zuverlässigsten und steuerbarsten zum Brennen – oft braucht es da ein paar Anläufe.

Bei der Kreativität geht es also weniger um die Erfindung des Feuers als um die Fähigkeit, immer wieder eines anzukriegen, und zwar einigermassen zackig. Klar, ein Blitz macht auch Feuer. Aber wer darauf wartet, hockt im lichtlosen, kalten Jammertal wohl noch ein Weilchen rum.


Analysé depuis 2025 Sarah Pally Dans sa rubrique "Blüten und Perlen" (Fleurs et perles), elle commente des termes liés à la branche avec une note personnelle, une perspective linguistique - et un regard précis sur les évolutions de la branche. Pally est associée de l'agence Partner & Partner à Winterthour. Elle travaille depuis 15 ans sur les thèmes du marketing de contenu, du texte/concept et du storytelling dans le domaine de la communication et du marketing.

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