ZFF: «’cause life is better with movies»
Mehmet Inan, Managing Director der Spoundation Motion Picture AG, im Gespräch über die letzten Tage vor dem Start, neue Partnerschaften und die Zukunft des Zurich Film Festivals.

Noch ein paar Tage bis zum Start des Zurich Film Festival: Managing Director Mehmet Inan steckt mitten in den Vorbereitungen. Im Gespräch erzählt er, was dieses Jahr neu ist, wie KI im Hintergrund mitarbeitet, warum das ZFF seiner Meinung nach längst nicht mehr nur elf Tage dauert – und was er lieber nicht verrät.
m&k Noch ein paar Tage bis zum Start des Zurich Film Festival. Wo steht ihr?
Mehmet Inan: Wir stehen gut da, wir sind in den Startlöchern. Das Programm wurde bereits veröffentlicht, am 14. September geht der Verkauf los. Wir machen dieses Jahr eine Kampagne mit dem Kino Corso – das Kino ist eine Schweizer Institution, und das wollen wir würdigen. Es gibt es T-Shirts, Becher, Stifte und Feuerzeuge mit «We love Corso». Wir sind eben aus der Schweiz in die Welt hinaus unterwegs und haben starke Partnerschaften mit vielen Schweizer Brands, genauso wie mit internationalen – etwa TikTok.
Ist es stressig, so kurz vor dem Start?
Die letzte Woche war «the week from hell» – crazy. Man bekommt das Programm rein, muss gleichzeitig die Gäste managen, hat die Kunden-Events und läuft parallel auf mehreren Spuren gleichzeitig.
Was wird dieses Jahr neu, was ändert sich?
Wir haben natürlich die neuen Partner: Sunrise, den wir sehr aktiv bespielen, und auch Mercedes mit neuen Geschichten, vor allem an der Award Night. Dazu kommt der neue Partner Gisada – man sieht das zum Beispiel an den Trams in Zürich: Zwei haben wir selbst organisiert, ein drittes hat Gisada zusätzlich gemacht. Genau da fängt für mich Marketing an: wenn der Partner mitzieht und man Geschichten gemeinsam viel intensiver bespielt. Wir haben Nespresso als Kaffeepartner, San Pellegrino als Wasserpartner – und auf der anderen Seite eben auch Partner wie Gisada, ein Parfümhersteller aus Winterthur.
Ihr seid international, zieht aber vieles im Lokalen zusammen – kann man das so sagen?
Das kann man so sagen. Wichtig ist: Wir sind für Zürich, für die Schweiz, für die Welt.
Das Line-up
Wer kommt dieses Jahr alles?
Willem Dafoe, Naomi Watts, Julianne Moore – das sind natürlich grosse Namen. Dazu kommt der albanische Superstar und Musiker Noizy, der im Film «Blood Money» mitspielt, einer Geschichte, die seiner eigenen nicht unähnlich ist: Er war Street Fighter, ist nach dem Krieg nach England ausgewandert und musste sich durchkämpfen. «Blood Money» ist eine deutsche Produktion und feiert bei uns Weltpremiere.
Wer von den Stars braucht am meisten Betreuung?
Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich glaube, die brauchen vor allem Zeit für sich – das ist wichtig. Das ist ja das Gute an Zürich: Man kann anonym sein. Kate Winslet war zum Beispiel im Baur au Lac und ist am nächsten Tag einfach in den See gesprungen. Das kann sie so kaum irgendwo anders machen.
Mehmets eigene Geschichte
Erzähl mir deine Geschichte.
Ich bin in der Schweiz geboren, aber das war vor vielen Jahren eine grosse Herausforderung als Kind einer türkischen Familie. Ich bin hier geboren, aber man ist trotzdem immer der Ausländer und muss sich durchbeissen. Das war eine schwierige Situation. Ähnliches erlebten viele, die etwa aus dem Balkankonflikt in die Schweiz kamen – wie Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka. Deshalb ist mir der Film «Blood Money» auch persönlich wichtig.
Zahlen, Wettbewerb und Auswahl
Wie viele Filme werden insgesamt gezeigt?
Wir zeigen 133 Filme – manche davon mit ein oder zwei Wiederholungen, sodass wir insgesamt bei 390 Vorführungen landen. Dazu kommt der Wettbewerb, sowie die Galas und Premieren – etwa mit Julianne Moore oder Naomi Watts. Diese Filme laufen ausserhalb des Wettbewerbs; die Auszeichnung dort ist ein Ehrenpreis, nicht der Wettbewerbspreis.
Wer entscheidet, welche Filme gezeigt werden, und wann beginnt die Auswahl?
Der wichtigste Punkt: Wir zeigen Filme, die mindestens eine Schweizer Premiere feiern. Dann beginnt es relativ schnell – über Sundance und viele weitere Festivals. Festival Director Reta Guetg und ihr Team sichten die Filme, ebenso Christian Jungen. Insgesamt hat das Programmteam rund 4000 Filme geschaut in diesem Jahr. Wir zeigen in diesem Jahr 46 Filme, die Welt- oder Europapremiere bei uns feiern.
Das Motto «Dream Big»
Wer überlegt sich eigentlich das Jahresmotto?
Eigentlich das ganze Team, aber meistens kommt es aus der Geschäftsleitung. Christian ist da sehr innovativ, er hat durch seine journalistische Sicht ein feines Gespür dafür. Wir diskutieren viel und nehmen Themen auseinander, bis wir zum nächsten Schritt kommen. «Dream Big» passt gut zu unserem Eröffnungsfilm TENZING über die Erstbesteigung des Everest und auch zum Film I PLAY ROCKY wo es darum geht, dass man Träume auch wirklich zu realisieren versucht. Für einen Partner wie Sunrise passt das natürlich ebenfalls sehr gut.
KI im Einsatz
Welche Rolle spielt KI bei euch – nicht in den Filmen, sondern im Tagesgeschäft?
Wir haben uns schon relativ früh mit KI beschäftigt, um effizienter zu werden – vor allem, um mehr Daten zu sammeln und zu verstehen. Mit meinem Team haben wir ein eigenes Dashboard komplett mit KI gebaut: Wir sehen genau, wer wann wie kauft, welche Aktionen wie funktionieren, wo Leute im Kaufprozess abspringen. Ein Beispiel: Wir verkaufen rund 45 Prozent der Tickets am ersten Verkaufstag. Die Frage ist, wie wir das mit KI weiter optimieren können – auch bei der Frage, wann wir mit der Bewerbung starten sollten. Auch in der Kundenarbeit nutzen wir KI stark: Ich baue heute keine Präsentationen mehr klassisch mit PowerPoint, sondern erstelle mit KI Visuals, die zeigen, wie eine Aktivierung etwa in der Frauenbadi oder im Corso aussehen könnte – das erklärt sich dem Kunden fast von selbst. Klar ist aber auch: Die Kreation, die Beziehungen, die Menschen – das bleibt bei uns.
Übernimmt KI damit auch Aufgaben, die früher an Agenturen ausgelagert wurden?
Das ist eine gute Frage, und es sind eigentlich zwei Geschichten. Die klassische Werbe- und Media-Agenturwelt hat viel mit Zahlen zu tun, aber Kreation basiert im Hintergrund ebenfalls zunehmend auf Daten. Ich glaube, man braucht Agenturen weiterhin, aber der Druck auf sie wächst, auch preislich. Gleichzeitig glaube ich: Gewisse Dinge muss man zunehmend selbst kontrollieren können. Bei uns ist das etwas einfacher, weil ich das Mediengeschäft gut kenne. Für die Kreativarbeit sind wir nach wie vor mit Publicis unterwegs, die Auslieferung machen wir zunehmend selbst. Der Druck auf Agenturen wächst – aber es braucht von ihrer Seite auch mehr Innovation und Kreativität.
Was das ZFF besonders macht
Was unterscheidet das ZFF von anderen Festivals?
Im Vergleich zu vielen anderen grossen Festivals wie Cannes, Berlin oder Venedig, die stark B2B-geprägt sind, sind wir ein gesellschaftliches, öffentliches Festival. Man kann einfach vorbeikommen und Filme schauen. Dazu kommt: Die Stars kommen gerne nach Zürich, und unser Programmteam – allen voran Reta und Christian – hat ein sehr gutes Gespür für die richtigen Filme, wie letztes Jahr bei «The Secret Agent», der später den Goldenen Preis in Cannes gewann und bei uns schon breit gezeigt wurde. Ausserdem sind wir unternehmerisch geführt – Christian Jungen ist Hauptaktionär mit weiteren Mitbesitzern. Das macht vieles einfacher und schneller: Wir müssen keine langen politischen Abstimmungsprozesse durchlaufen, sondern nehmen die Filme, an die wir glauben.
Der «Guardian» hat einmal geschrieben, das ZFF sei so etwas wie der Nachwuchsstar unter den grossen Festivals …
Genau, das war ein Ranking unter den ersten zehn, und die Headline war sinngemäss, dass Venedig oder Cannes die «Grossmutter» der Festivals ist und Zürich der Teenager. Ich finde, das ist ein schönes Bild.
Ein Geheimnis
Gibt es etwas, das kaum jemand über das ZFF weiss?
Das erste Festival hiess gar nicht Zurich Film Festival. Erst ein Jahr nach der Gründung wurde es umbenannt in Zurich Film Festival.
Boomender Kinomarkt und TikTok
Wie läuft es aktuell im Schweizer Kino generell?
Sehr gut – wir haben letzte Woche kommuniziert, dass die Kinobesucherzahlen um 15 Prozent gestiegen sind, insgesamt das beste Ergebnis seit 2019. Ein Beispiel: Für «Odyssee» standen die Leute acht Tage an, und die Vorstellung im IMAX war ausverkauft.
Welche Rolle spielt eure TikTok-Partnerschaft dabei?
Wir haben mit TikTok eine strategische Partnerschaft, die wir dieses Jahr erstmals richtig bespielen – unter anderem mit Live-TikTokern am grünen Teppich und an der Award Night. Das ist für uns zentral, weil wir jünger und trendiger werden müssen. Man darf nicht vergessen: Auf TikTok sind weltweit über eine Milliarde Menschen unterwegs.
Das ganze Jahr im Blick
Wie siehst du die Zukunft des Festivals – bleibt es bei elf Tagen im Jahr?
Ich glaube, die Zukunft eines Festivals bewegt sich in Richtung 365 Tage. Über soziale Medien und über das Thema Film selbst kann man das ganze Jahr über Touchpoints schaffen, nicht nur während der elf Festivaltage. Ein Beispiel war unsere Zusammenarbeit mit Denner rund um den Film mit Bezug zur Fussball-WM, bei der wir rund um ihren Kurzfilm «The Socceritos» als glaubwürdiger Partner mit an Bord waren, weil Spieler wie Granit Xhaka in ihrem Bereich selbst «Weltstars» sind. Genau solche Touchpoints wollen wir mit unseren Partnern – Mercedes, Sunrise, UBS, NZZ oder dem Glattzentrum – übers ganze Jahr hinweg finden. Wichtig ist auch: Wir bespielen mit dem Festival den für die Werbeindustrie wichtigsten Zeitraum, September bis Oktober, der sich bis Ende Oktober, Anfang November zieht. Das ist der Ansatz, mit dem wir uns als Unternehmen künftig aufstellen müssen: die Geschichte übers ganze Jahr erzählen, nicht nur an elf Tagen.
Was Werbekunden verpassen
Weiss die Zielgruppe von M&K eigentlich, was sie verpasst, wenn sie nicht beim ZFF dabei ist?
Ich glaube, viele kennen uns oberflächlich, aber nicht in der Tiefe – welche Möglichkeiten es gibt, als Main-, Kooperationspartner oder mit Aktivierungen, mit Kundenanlässen oder eigenen Merch-Produkten. Deshalb habe ich dieses Jahr ein neues Format entwickelt: «Meets ZFF», das es künftig jedes Jahr geben wird. Am 2. Oktober ab 11 Uhr zeigen wir im Festivalzentrum der Werbeindustrie die Möglichkeiten und Innovationen rund um das ZFF, Christian ist vor Ort, vielleicht kommt auch ein Star dazu. Zur Grössenordnung: Seit August haben wir über 20 Millionen Views auf unserer Website und knapp 250 000 Interaktionen. Das Engagement liegt bei über 60 Prozent – wer sich für das Festival interessiert, informiert sich vorher, kommt ins Festivalzentrum, bleibt dort, geht erst dann ins Kino. Das ist etwas anderes als ein Film zu Hause auf Netflix zu schauen. Auch die Zielgruppe wird oft unterschätzt: Der Film «Blood Money» mit Noizy zum Beispiel spricht eine sehr junge, extreme Gen-Z-Zielgruppe an – spannend gerade für bestimmte Kunden. Und man muss auch nicht zwingend das grosse Sponsoring-Paket kaufen: Wir bauen für Partner auch massgeschneiderte, kleinere Formate, bis hin zum Private Dinner mit einem Gast. Das kann man nicht einfach von der Stange kaufen – das ist, glaube ich, eine unserer Stärken.
Wie wichtig sind Schweizer Partner und Produkte dabei?
Sehr wichtig. Wir haben etwa San Pellegrino als Schweizer Marke, Vital Protein von Nestlé, das dieses Jahr erstmals bei uns auftritt, und Freitag-Taschen als Partner. Für das Festivalzentrum haben wir zudem einen neuen Möbelpartner sowie – als kleines persönliches Projekt von mir – einen eigens gestalteten Duftraum, der die Atmosphäre zusätzlich prägen soll.
Zurich Film Festival
Das Zurich Film Festival (ZFF) ist das zweitgrösste Filmfestival im deutschsprachigen Raum und präsentiert jeden Herbst während elf Tagen die schönsten Entdeckungen sowie die meist erwarteten Filme des Jahres. Es fördert den Austausch zwischen aufstrebenden Regisseurinnen und Regisseuren, arrivierten Filmschaffenden, der Filmindustrie und dem Publikum.
Die 22. Ausgabe findet vom 24. September – 4. Oktober 2026 statt.
Weitere Informationen: Zurich Film Festival | ZFF Industry
