ZFF-CEO Christian Jungen: «Wir sind weniger im Kinogeschäft als im Live-Entertainment»

Seit Sommer 2025 gehört das Zurich Film Festival seinem CEO Christian Jungen und vier Partnern. Im Podcast «Soltis Studiocast» erzählt er, warum er sein Erspartes ins Festival gesteckt hat, weshalb er Sponsoring einen «Schneemann an der Sonne» nennt und wie das ZFF zur Ganzjahresmarke werden soll.

 

Christian Jungen hat 1991 an der Kinokasse in Winterthur angefangen. Danach war er Filmkritiker, Kulturchef der «NZZ am Sonntag», leitete das Filmmagazin «Frame» und schrieb die Biografie des Festivalmachers Moritz de Hadeln. Seit 2020 führt er das Zurich Film Festival. Als die NZZ das ZFF nach zehn Jahren im Besitz abgeben wollte, stand er vor der Entscheidung seines Berufslebens. «Ganz viele Leute sind an mich herangetreten und haben gesagt: Das ist jetzt deine Chance. Irgendwann habe ich mir gesagt: Wenn das mir alle zutrauen, dann sollte ich es mir auch zutrauen.»

Skin in the Game

Jungen ist 53. Sein Geld hat er im Journalismus verdient, «da wird man bekanntlich nicht Millionär». Er hat trotzdem investiert, was er angespart hatte. «Ich habe keinen Sugardaddy im Hintergrund, der ein paar Millionen vorgestreckt hat. Also muss das funktionieren.» Den Druck sieht er als Vorteil: «Man überlegt viel präziser: Braucht es das jetzt wirklich, oder ist das nice to have?» Geprägt hat ihn das Buch «Skin in the Game» von Nassim Taleb, eine Lobrede auf Leute, die mit eigenem Geld im Risiko stehen und deshalb besser entscheiden.

Auf dem Platz Zürich hat sich der Schritt ausgezahlt. Der Gönnerverein Golden Eye Circle ist seit der Verselbständigung stark gewachsen. «Man schätzt Leute, die sich ein Herz fassen. Man will denen auch eher helfen.» Samih Sawiris ist Mitglied geworden, Georges Kern und Carolina Müller-Möhl gehören ebenfalls dazu. Die Mitgliedschaft kostet 5500 Franken in Bronze, 10’000 in Silber und 33’000 in Gold. Dafür gibt es Tickets vor dem Vorverkauf, einen Concierge-Service und Anlässe übers Jahr wie eine gemeinsame Oscar-Nacht. «Da hat sich ein richtiges Clubleben entwickelt», sagt Jungen. «Nebst dem Finanziellen ist das auch eine moralische Ermutigung.»

Die Verbindung zu Sawiris entstand in den Ferien in El Gouna, wo gerade dessen Filmfestival begann. Jungen ging zur Eröffnung, gab Feedback, und aus den Gesprächen wurde eine Partnerschaft. «Sie sind das jüngere Festival und möchten mehr Hollywood-Stars. Wir haben die Kontakte. Sawiris hat wahnsinnig gute Kontakte in der Wirtschaft. Und wenn man zu zweit ist, kriegt man vielleicht auch einen besseren Deal.» Filme, die in Zürich Weltpremiere feiern, können zwei Wochen später in El Gouna laufen.

Champions League

Weltweit gibt es rund 40’000 Filmfestivals. Der «Guardian» setzte das ZFF in Europa auf Platz zehn. «Wenn man von Fussball sprechen würde, reden wir von Champions League», sagt Jungen. «Wir gehören zur Gruppe der Besten, nicht an die Spitze, wo Cannes, Venedig und Berlin sind, aber auch nicht im Nirvana.» Das hat für ihn mit der Stadt zu tun, mit dem Flughafen, der Fünf-Sterne-Hotellerie und dem Datum am Anfang der Oscar-Saison, wenn die Studios ihre Filme mit Prestige aufladen müssen. «Toronto findet in einem Multiplex mit Rolltreppen statt. Wir sind im Herzen der Stadt, im Hintergrund das beleuchtete Opernhaus.»

Das war nicht immer so. 2005 bat das Kulturbüro von Stadtpräsident Elmar Ledergerber die Gründer, Zürich aus dem Namen zu nehmen. Ein «Möchtegern-Bling-Bling-Anlass» könnte dem Image schaden. «Wir hatten von Anfang an ein affirmatives Verhältnis zu Hollywood», sagt Jungen. «Heute wollen alle Festivals Stars, auch Locarno.»

Das Kunsthaus zählt gut eine halbe Million Eintritte pro Jahr, das Opernhaus 230’000, das ZFF zwischen 135’000 und 140’000. «Wir machen unsere Eintritte in elf Tagen, die anderen sind Ganzjahresbetriebe.» Die Wertschöpfungsstudie der NZZ kam auf 37 Millionen Franken, gerechnet mit rund 100’000 Besuchern. Eine neue Berechnung läuft. Jedes Jahr helfen 600 Freiwillige mit, jedes Jahr andere. «Es gibt in Zürich neben dem Zoo nichts, was so gut in der Bevölkerung verwurzelt ist wie das ZFF.» Das interne Motto: Von Zürich für Zürich und die Welt.

Ein Büro in Hollywood

Drei Monate pro Jahr ist Jungen im Ausland, oft in Los Angeles. Er sitzt im Board of Directors der Golden Globes und ist dort für die Memberships zuständig. Die Woche der Verleihung nutzt er für Meetings: «Vor den Oscars und den Golden Globes sind alle da. Tagsüber Meetings im Büro, abends Empfänge.» Sein Take-away aus der Biografie über Moritz de Hadeln: «Das Festival-Business ist ein People’s Business. Man muss reisen, man muss mit den Leuten sprechen, nicht nur auf Zoom.» Oft geht es um Filme, die noch nicht einmal gedreht sind.

Mittelfristig will das ZFF eine Dependance in Los Angeles. Geschäftspartner Max Lung, ein Zürcher, lebt bereits im Stadtteil Hollywood. Präsident Martin Moszkowicz, lange CEO von Constantin Film, pendelt zwischen München und Los Angeles. «Es ist wichtig, drüben präsent zu sein, damit die Leute an Zürich denken, wenn sie einen neuen Film haben.» Das Netzwerk trägt: Casey Affleck meldete sich über einen gemeinsamen Freund und stellt dieses Jahr seinen Film persönlich vor.

Strategie 2030

Bis 2030 soll das ZFF der wichtigste Kultur- und Gesellschaftsevent der Schweiz werden. Jungen fragte ChatGPT nach dem Konkurrenzumfeld und bekam eine Rangliste: Art Basel, Montreux Jazz, ZFF, Lucerne Festival, Locarno. Sawiris stellte dieselbe Frage und bekam Lucerne auf Platz zwei und das ZFF auf Platz vier. Auf Nachfrage erklärte ChatGPT, für Sawiris sei klassische Musik wichtig. «Anyway, wir sind nicht auf Platz eins. Da wollen wir hin.»

Der Weg dorthin führt über die Stars. «Wir sind eigentlich weniger im Kinogeschäft als im Live-Entertainment. Der Grund, warum die Tickets so schnell weggehen, ist nicht der Film. Es ist Julianne Moore oder John Turturro oder Casey Affleck.» Der erste ausverkaufte Film im Programm war «Diamond» von und mit Andy Garcia.

Das Festival soll ganzjährig präsent werden. Premieren für Dritte sind ein Geschäftsfeld, das ZFF war Teil der «Socceritos»-Premiere mit Granit Xhaka. Dazu kommen Aktivitäten für Partner an den Golden Globes oder in Cannes. Bei der Kundenorientierung kennt Jungen keinen Spass: «Wir müssen uns humorlos an den Kunden ausrichten. Man muss sich immer wieder fragen: Wo sind die Leute? Wenn ich im Tram sitze und alle schauen aufs Handy, dann muss ich vielleicht keine Inserate mehr im Print schalten.» Der Satz kommt von einem, der 25 Jahre für Zeitungen gearbeitet hat und sie heute auf dem iPad liest.

Morddrohungen nach zwei Stunden

Am Zurich Summit, der Branchenkonferenz im Dolder Grand mit 150 Entscheidern, stellte Eline Van der Velden letztes Jahr die KI-Schauspielerin Tilly Norwood vor. Zwei Stunden später hatte sie Morddrohungen. Das Branchenportal «Deadline» verzeichnete in den ersten 36 Stunden danach seine vier meistgelesenen Artikel aller Zeiten. Dieses Jahr kommt Van der Velden zurück, und Tilly Norwood hat ihren ersten grossen Auftritt vor Publikum.

Jungen versteht die Angst der Schauspieler, hält aber nichts von Verteufelung. «Weder hat das Fernsehen das Radio verdrängt, noch hat das Streaming das Kino verdrängt. Es wird KI-Filme geben, so wie es Animationsfilme gibt.» Für ihn ist KI «der grössere Game Changer, als es die Erfindung des Internets war». Im Betrieb ist sie Alltag. Managing Director Mehmet Inan arbeitet auf allen Ebenen damit. «Früher hat eine Grafikerin tagelang Sponsorendossiers gelayoutet. Heute tippt man, was man braucht, in Claude oder ein anderes Programm, und es kommt etwas ziemlich Brauchbares raus.» Sein Argument gegen die Kritiker: «Natürlich ist nicht alles perfekt, aber KI wird jeden Tag besser.» Ganz ohne Vorbehalt ist er nicht. Den Fragenkatalog für den Podcast schickte er dem Gastgeber mit einem Feedback zurück: zu gegliedert, mit KI zusammengewürfelt, mehr Mühe bitte. «Ich merke immer, wenn es so gegliedert ist, dass es von KI kommt.»

Der Schneemann an der Sonne

Das ZFF ist zu 90 Prozent privat finanziert. Von der Stadt Zürich erhält es bislang eine halbe Million Franken. Subventionen wie das Opernhaus mit 80 bis 90 Millionen braucht Jungen nicht, einen stärkeren Sockel schon. «Das Sponsoring ist der Schneemann an der Sonne. Er steht zwar noch, aber er wird immer ein bisschen kleiner. Und jeder, der wegfällt, kann existenziell werden.» Das sei ein Antrieb, nicht faul zu werden. Für die Planungssicherheit und den kulturellen Auftrag wünscht er sich einen grösseren Beitrag der Stadt. Die Gespräche laufen, der Gemeinderat muss zustimmen.

Das Festival läuft vom 24. September bis 4. Oktober mit 133 Filmen, 46 Welt- und Europapremieren und 21 Schweizer Filmen, so viele wie nie. Das erste Motto in 22 Jahren heisst «Dream Big». Eröffnet wird mit «Tenzing», einem Film über die Erstbesteigung des Mount Everest mit Tom Hiddleston und Willem Dafoe. Für keinen Film hat das ZFF mehr Tickets verkauft. «Schweizer und Berge, das ist einfach ein guter Match», sagt Jungen. Sylvester Stallone sagte für «I Play Rocky» ab, weil er eine Serie dreht, versprach aber per Mail, nächstes Jahr zu kommen. Die Mail endete mit zwei Worten, die Jungen ausdrucken und rahmen will: «Keep punching.»

 

Die Podcastfolge auf Spotify


Das ganze Gespräch mit Christian Jungen gibt es in «Soltis Studiocast», dem Podcast von Christoph Soltmannowski, produziert bei Castalavista in Zürich-Glattpark.

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