TV-Sender fordern Spul-Verbot für Werbung
Was sich beim Zuschauer und den Netzbetreibern grösster Beliebtheit erfreut, ärgert die TV-Sender: Replay. Nun soll es der grenzenlosen Freiheit an den Kragen gehen.
Das sogenannte Catchup-TV wird in der Schweiz seit fünf Jahren angeboten und hat sich bei allen Netzbetreibern – also Swisscom, UPC und Co. – etabliert. Zuschauer können im Archiv bis zu sieben Tage lang jede Sendung rückwirkend schauen, ohne Aufnahmen tätigen zu müssen. Live-Fernsehen verliert dadurch an Attraktivität – und Werbeblöcke an Relevanz, denn die werden kurzerhand überspult.
Wenig Freude an den neuen Sehgewohnheiten haben die privaten TV-Sender, deren überlebenswichtige Werbeplätze an Attraktivität verlieren. 15 Prozent der heutigen TV-Nutzung findet zeitversetzt statt, jeder zweite Werbeblock wird überspult – 2014 wurde Werbung im Wert von 50 Millionen Franken ignoriert, Tendenz steigend. Erreichen die TV-Sender die gegenüber den Werbeauftraggebern vereinbarten Leistungsgarantien nicht, müssen die Spots so lange ausgestrahlt werden, bis die garantierte Anzahl Zuschauer erreicht ist.
Besserer Tarif oder Spulverbot
Wie die Schweiz am Sonntag in ihrer aktuellen Ausgabe schreibt, drohen der Archiv-Funktion nun drastische Einschnitte. Die rechtliche Grundlage für die Funktion ist geregelt im «gemeinsamen Tarif 12» (GT 12) der Verwertungsgesellschaft Suisseimage – und die läuft Ende Jahr aus. Die Verhandlungen für die Neugestaltung der Verträge laufen derzeit und die Privaten sind nicht gewillt, weiterzufahren wie bis anhin. Die Schweiz ist laut 3+-Chef Dominik Kaiser nämlich momentan das einzige Land der Welt, in dem alle Sender im Archiv verfügbar sind. Er fordert: Entweder müssen die Netzbetreiber mit den Sendern Verträge abschliessen und die Rechte zu international üblichen Marktpreisen einkaufen – oder das Überspulen der Werbung soll im neuen Tarif verboten werden. Sonst sieht Kaiser die Existenz der Privatsender bedroht.
Auch Pro7 Sat 1 und die RTL-Gruppe wollen sich bei den Verhandlungen für die Interessen der Werbekunden einsetzen. Und auch die SRG schliesst sich der Forderung nach gerechteren Verträgen an: Ziel sei nicht ein Verbot von Catchup-TV, sondern fairere Tarife, die Einnahmeausfälle besser kompensierten, sagt SRG-Sprecher Simon Denoth zur Schweiz am Sonntag.
Beim aktuellen Tarif-Modell bezahlen Swisscom & Co. pro Monat und Nutzer 1.50 Franken für die Nutzung des 7-Tage-Archivs an die Sender. Viel zu wenig um die Werbeausfälle zu kompensieren, findet auch Roger Elsener, Geschäftsführer TV von AZ Medien. Auch er fordert: Tarif erhöhen oder Vorspulen verhindern. Ansonsten werde man juristisch klären, ob es sich bei der Funktion um Privatkopien handle. Hintergrund: Bei der heutigen Rechtsauslegung des gemeinsamen Tarifs wird davon ausgegangen, dass das TV-Archiv beim Nutzer gespeichert ist – wie Privataufnahmen auf einem Recorder. Genau genommen liegen die Aufnahmen aber auf den Servern der Netzbetreiber. Würde die Archiv-Funktion nicht mehr als Privat-Kopie gelten, müssten die Netzbetreiber mit jedem Sender einen eigenen Vertrag abschliessen. (hae)
