The Proof Of The Pudding Is The Eating
Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor, wundert sich über den Widerspruch zwischen Wirklichkeit und medialer Wahrnehmung und kritisiert die Elfenbeinturm-Perspektive der Macher.
Nicht erst seit dem Abstimmungsresultat über die Minarettverbotsinitiative fällt mir der schreiende Widerspruch zwischen Lebenswirklichkeit und medialer Wahrnehmung, zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung auf. Zu viele Macher in Politik, Kommunikation und Medien scheinen sich zu weit von der Basis entfernt zu haben, für die zu arbeiten sie vorgeben.
Manchmal denke ich, es täte vielen schwarz gewandeten Opinion Leaders gut, in Münchenbuchsee oder in Sirnach zu leben statt in den schicken Lofts im Kreis 5. Sie würden dann ihren Schlummerbecher im «Bären» oder im «Frohsinn» zu sich nehmen und nicht in einer abgefahrenen Bar mit weissen Wänden und Fotokunst von Annelis Strba drauf. Es hinge dann zwar etwas von Rolf Knie an der Wand oder im Härtefall der gute alte General Guisan – aber unsere schwarz gewandeten Freunde wären näher bei den Alltagssorgen und den Lebensprioritäten der Kundschaft, die am Ende ihre Löhne und Honorare bezahlt.
Was haben sie – um ein beliebiges Beispiel zu nennen – in allen Zeitungen und auf allen Kanälen nur für ein Geschrei gemacht um «Pepperminta», den Film von Pipilotti Rist, die durch eine geheimnisvolle Übereinkunft des Kunsthandels und der mit ihm verbundenen Kunstkritik zur bedeutendsten aller lebenden Schweizer Kunstschaffenden ernannt worden ist. Raunende Bewunderung für das kuriose Filmwerk war sozusagen Pflichtstoff, und wer zu rufen wagte: «Die Kaiserin ist ja nackt …» wurde behandelt wie der Rufer in Andersens Märchen: eben wie ein kleines Kind. Pipilotti hat man nun einmal gut und bedeutend zu finden, sonst ist man hoffnungslos out.
Aber die Qualität des Puddings erweist sich beim Essen. Wie also hat das Publikum an der Kasse abgestimmt? «Pepperminta» verzeichnete im Jahre 2009 ganze 14 272 Kino-Eintritte – etwa gleich viele, wie der Entlebucher Anzeiger Leser pro Nummer hat. Alle Schweizer Filme zusammen – und fast jeder, der neu erscheint, wird ja von den Medien als Top-Ereignis gehandelt – haben im ablaufenden Jahr gerade mal 3,2 Prozent der in der Schweiz verkauften Kino-Eintritte erreicht. Es ist nicht zu erwarten, dass diese «Marktleistung» die Bescheidenheit der einheimischen Filmemacher befördern wird. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keine andere Sorte Kulturschaffender hier zu Lande zu toppen vermag, strecken die Filmer bei jedem Projekt die hohlen Hände nach staatlicher Kulturförderung aus. Unterdessen geht ein Buchverlag nach dem anderen über den Jordan, ohne dass dem Departement des Innern oder einem dieser vielen rührigen kommunalen und kantonalen Kulturverwalter etwas Gescheites zu deren Förderung eingefallen wäre.
Auch in der umgekehrten Richtung läuft der Kommunikationsfluss zwischen oben und unten immer wieder auf – dummerweise gerade dann, wenn die Kommunikationsziele erreicht werden, d. h. wenn eine Botschaft es wider Erwarten schafft, die dicke Lehmschicht des Desinteresses zu durchdringen und die Leute wirklich zu berühren. Wie war das denn mit dieser Teaser-Kampagne des Bundesamts für Sozialversicherung («Behinderte liegen uns nur auf der Tasche …»)? Die Betroffenen und die Betroffenheitsverwalter schrieen auf – wunderbar, das war ja der Beweis dafür, dass die Kampagne gewirkt, d. h. die Menschen für einen Moment stutzig gemacht, ja in Aufruhr versetzt hat. Was kann man von guter Werbung mehr erwarten? Und was tut der neue Bundesrat Didier Burkhalter am Anfang seiner Amtszeit? Er knickt vor den Lobbyisten ein und verbietet eilfertig die Fortsetzung der Kampagne – «wegen grossen Erfolgs abgebrochen», sozusagen. Die Nachricht lautet unverschlüsselt: Bundesamtliche Kampagnen sind so lange geduldet, als sie nicht wirklich wirken. Sobald sie den Nerv treffen, werden sie verboten.
Es herrscht hier die gleiche Heuchelei wie im Fall «Pepperminta». In Wirklichkeit will man sein Angebot, seine Botschaft gar nicht dem rauen Klima des Marktes aussetzen; man will es lieber seinesgleichen recht machen: Aktivität vorschützen, nichts übertreiben, nicht anecken – und wenn der Nerv getroffen wird, sofort zurückzucken, sich entschuldigen, verbieten und abbrechen. Die Intellektuellen mit ihrem nachträglichen Protest gegen das Minarett-votum, die Kultur-Mafia im Fall «Pepperminta», die Lobbyisten und bundesamtlichen Deutungsverwalter im Fall der IV-Kampagne – sie alle sind des gleichen Delikts schuldig: Missachtung der Wirklichkeit und der von ihr ausgehenden Signale (welche nachweislich in Münchenbuchsee und in Sirnach früher und deutlicher zu erkennen sind als im Seefeld oder im Kreis 5).
Auf diese Art von Feigheit im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit steht als Höchststrafe die Nichtbeachtung. Eine Berufung dagegen gibt es nicht.
Manchmal denke ich, es täte vielen schwarz gewandeten Opinion Leaders gut, in Münchenbuchsee oder in Sirnach zu leben statt in den schicken Lofts im Kreis 5. Sie würden dann ihren Schlummerbecher im «Bären» oder im «Frohsinn» zu sich nehmen und nicht in einer abgefahrenen Bar mit weissen Wänden und Fotokunst von Annelis Strba drauf. Es hinge dann zwar etwas von Rolf Knie an der Wand oder im Härtefall der gute alte General Guisan – aber unsere schwarz gewandeten Freunde wären näher bei den Alltagssorgen und den Lebensprioritäten der Kundschaft, die am Ende ihre Löhne und Honorare bezahlt.
Was haben sie – um ein beliebiges Beispiel zu nennen – in allen Zeitungen und auf allen Kanälen nur für ein Geschrei gemacht um «Pepperminta», den Film von Pipilotti Rist, die durch eine geheimnisvolle Übereinkunft des Kunsthandels und der mit ihm verbundenen Kunstkritik zur bedeutendsten aller lebenden Schweizer Kunstschaffenden ernannt worden ist. Raunende Bewunderung für das kuriose Filmwerk war sozusagen Pflichtstoff, und wer zu rufen wagte: «Die Kaiserin ist ja nackt …» wurde behandelt wie der Rufer in Andersens Märchen: eben wie ein kleines Kind. Pipilotti hat man nun einmal gut und bedeutend zu finden, sonst ist man hoffnungslos out.
Aber die Qualität des Puddings erweist sich beim Essen. Wie also hat das Publikum an der Kasse abgestimmt? «Pepperminta» verzeichnete im Jahre 2009 ganze 14 272 Kino-Eintritte – etwa gleich viele, wie der Entlebucher Anzeiger Leser pro Nummer hat. Alle Schweizer Filme zusammen – und fast jeder, der neu erscheint, wird ja von den Medien als Top-Ereignis gehandelt – haben im ablaufenden Jahr gerade mal 3,2 Prozent der in der Schweiz verkauften Kino-Eintritte erreicht. Es ist nicht zu erwarten, dass diese «Marktleistung» die Bescheidenheit der einheimischen Filmemacher befördern wird. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keine andere Sorte Kulturschaffender hier zu Lande zu toppen vermag, strecken die Filmer bei jedem Projekt die hohlen Hände nach staatlicher Kulturförderung aus. Unterdessen geht ein Buchverlag nach dem anderen über den Jordan, ohne dass dem Departement des Innern oder einem dieser vielen rührigen kommunalen und kantonalen Kulturverwalter etwas Gescheites zu deren Förderung eingefallen wäre.
Auch in der umgekehrten Richtung läuft der Kommunikationsfluss zwischen oben und unten immer wieder auf – dummerweise gerade dann, wenn die Kommunikationsziele erreicht werden, d. h. wenn eine Botschaft es wider Erwarten schafft, die dicke Lehmschicht des Desinteresses zu durchdringen und die Leute wirklich zu berühren. Wie war das denn mit dieser Teaser-Kampagne des Bundesamts für Sozialversicherung («Behinderte liegen uns nur auf der Tasche …»)? Die Betroffenen und die Betroffenheitsverwalter schrieen auf – wunderbar, das war ja der Beweis dafür, dass die Kampagne gewirkt, d. h. die Menschen für einen Moment stutzig gemacht, ja in Aufruhr versetzt hat. Was kann man von guter Werbung mehr erwarten? Und was tut der neue Bundesrat Didier Burkhalter am Anfang seiner Amtszeit? Er knickt vor den Lobbyisten ein und verbietet eilfertig die Fortsetzung der Kampagne – «wegen grossen Erfolgs abgebrochen», sozusagen. Die Nachricht lautet unverschlüsselt: Bundesamtliche Kampagnen sind so lange geduldet, als sie nicht wirklich wirken. Sobald sie den Nerv treffen, werden sie verboten.
Es herrscht hier die gleiche Heuchelei wie im Fall «Pepperminta». In Wirklichkeit will man sein Angebot, seine Botschaft gar nicht dem rauen Klima des Marktes aussetzen; man will es lieber seinesgleichen recht machen: Aktivität vorschützen, nichts übertreiben, nicht anecken – und wenn der Nerv getroffen wird, sofort zurückzucken, sich entschuldigen, verbieten und abbrechen. Die Intellektuellen mit ihrem nachträglichen Protest gegen das Minarett-votum, die Kultur-Mafia im Fall «Pepperminta», die Lobbyisten und bundesamtlichen Deutungsverwalter im Fall der IV-Kampagne – sie alle sind des gleichen Delikts schuldig: Missachtung der Wirklichkeit und der von ihr ausgehenden Signale (welche nachweislich in Münchenbuchsee und in Sirnach früher und deutlicher zu erkennen sind als im Seefeld oder im Kreis 5).
Auf diese Art von Feigheit im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit steht als Höchststrafe die Nichtbeachtung. Eine Berufung dagegen gibt es nicht.
Dieser Artikel erschien in der Werbewoche-Printausgabe vom 17. Dezember 2009.
