«Content gratis abgezogen»: Pia Guggenbühl über KI-Anbieter und die Zukunft der Verlage
In der neuen Folge des ComSumCast spricht Pia Guggenbühl, Direktorin des Verlegerverbands Schweizer Medien, mit Reto Lipp über KI-Anbieter, die journalistische Inhalte ungefragt nutzen, über den Etappenerfolg der Motion Gössi und über die düstere Prognose von Ringier CEO Marc Walder. Ihr Fazit: Die Lage ist ernst, aber dass nur drei Medienmarken überleben, sei «unrealistisch».
Seit anderthalb Jahren führt Pia Guggenbühl den Verlegerverband Schweizer Medien. Sie vertritt Ringier, TX Group, CH Media und die NZZ, dazu rund 60 kleine Verlage. Die Ausgangslage kennt sie genau: 2010 betrug der Print-Werbemarkt in der Schweiz noch 3 Milliarden Franken, heute sind es 650 Millionen. Ein Minus von 78 Prozent.
«Ungefragt, unbezahlt»
Das drängendste Thema der Folge ist die künstliche Intelligenz. KI-Anbieter wie Google oder OpenAI saugen journalistische Inhalte ab und geben sie als eigene Antworten aus, «ungefragt, unbezahlt», wie Guggenbühl sagt. Die Klicks auf die Seiten der Verlage bleiben aus. Was bei der klassischen Suche mit der Zero-Click-Rate begann, verschärft sich mit den KI-Antworten massiv.
Guggenbühl zitiert den Verleger der New York Times, den sie am Kongress des Weltverlegerverbands in Marseille erlebt hat: Wenn KI-Anbieter Chips brauchen, kaufen sie diese ein. Ingenieure erhalten gute Löhne, für Strom wird bezahlt. Nur der Inhalt wird gratis abgezogen. Ringier-CEO Marc Walder nennt das «den grössten Diebstahl aller Zeiten» – zu Recht, sagt Guggenbühl.
Etappenerfolg mit der Motion Gössi
Andere Länder gehen den Weg der Gerichte, die New York Times führt in den USA millionenteure Klagen. Die Schweiz setzt auf Regulierung mit Augenmass. Das Parlament hat eine Motion von Ständerätin Petra Gössi angenommen, die den Schutz des geistigen Eigentums auch gegenüber KI-Anbietern verlangt – diese geht jetzt in die Umsetzung. Der Widerstand war beträchtlich: Kommissionsmitglieder berichteten Guggenbühl, sie hätten noch nie ein so intensives Lobbying erlebt.
Der Verband kämpft dabei nicht allein. In der KI-Allianz Kreativwirtschaft stehen Musik, Literatur und Film an der Seite der Verlage. International läuft der Austausch mit der European News Publishers Association und dem Weltverlegerverband WAN-IFRA. Guggenbühl verweist zudem auf Deutschland, wo Google für rufschädigende KI-Antwirten zur Verantwortung gezogen wurde. Und sie begrüsst, dass die SRG ihre Inhalte für KI-Anbieter sperren will.
Walders Prognose: «unrealistisch»
Marc Walder, CEO von Ringier, hatte kürzlich prognostiziert, in der digitalen Welt würden nur 20 Minuten, Blick und NZZ ökonomisch überleben. Pia Guggenbühl hat Verständnis für die Prognose von Walder, aber widerspricht: Die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie und ihrem Föderalismus brauche Medienvielfalt, gerade die rund 60 kleinen Verlage im Verband – und der Verband werde sich dafür einsetzen, dass die Prognose nicht eintrete.
Denn gerade die VOX-Nachwahlbefragungen zeigen regelmässig, dass sich Stimmbürgerinnen und Stimmbürger vor Abstimmungen nach wie vor allem über das Abstimmungsbüchlein und gedruckte Publikationen als erste Quellen informieren. Dass es in zehn Jahren nur noch drei wichtige private Medientitel gibt, hält sie für «unrealistisch».
Potenzial im Werbemarkt
Im Gespräch geht es ausserdem um die Werbemarktkampagne «Glaubwürdigkeit wirkt besser», entwickelt mit Jung von Matt, um die 46 Prozent Newsdeprivierten in der Schweiz, um Medienkompetenz an Schulen und um Guggenbühls politisches Doppelleben als Gemeinderätin und Finanzvorsteherin von Küsnacht.
Der ComSumCast wird vom Zürcher Presseverein und der Zürcher PR-Gesellschaft finanziert – aufgenommen und produziert bei Castalavista von Christoph Soltmannowski. Die Folge ist auf Apple Podcasts und als Videocast auf YouTube und Spotify verfügbar.
