«Kino ist Champions League»

Zwischen Werbeclip und Kinoleinwand, zwischen Mutter und Hauptdarstellerin, zwischen Verlust und Lebensfreude: Der Filmregisseur und Drehbuchautor Simon Verhoeven spricht über das Erzählen in Zeiten permanenter Ablenkung – und darüber, warum Authentizität heute radikaler ist als jeder Effekt. Ein Gespräch über Humor, Verantwortung, Familie und die Sehnsucht nach echter Tiefe.

m&k Glauben Sie, dass sich die Art, wie wir heute Geschichten erzählen, radikal verändert hat – oder erzäh- len wir im Kern noch immer dieselben menschlichen Geschichten wie eh und je?

Simon Verhoeven Ich glaube, wir suchen im Kern immer noch nach denselben Geschichten. Nach denselben menschlichen Erfahrungen, denselben Gefühlen, denselben Konflikten. Das hat sich nicht geändert. Aber wir werden anders konditioniert. Das ist schon so. Meine Kinder zum Beispiel haben eine völlig andere Erwartung an Zeitmanagement in Geschichten. Wie schnell etwas beginnen muss. Wie schnell etwas greifen muss. Das Kino bietet heute fast schon eine ungewöhnliche Situation: dass man sich bewusst auf etwas Längeres einlässt. Wir sind es gewohnt, dass alles sehr schnell erzählt wird. In der Werbung – die ich ja lange gemacht habe – gibt es diese Disziplin des extrem schnellen Storytellings. Und ich finde das auch eine Kunstform. Ich bin da gar nicht dagegen. Aber ich hoffe – und ich beobachte das auch – dass es gerade bei jungen Leuten eine Sehnsucht nach längerer, tieferer Erzäh- lung gibt. Auch bei 15- bis 20-Jährigen. Selbst wenn sie es nicht aktiv suchen: Wenn sie es erleben, lassen sie sich oft sehr intensiv darauf ein. Die Sehnsucht hat sich wahrschein- lich überhaupt nicht verändert. Aber das Ablenkungspotenzial ist heute enorm. Ein Dauerfeuer aus Social Media, Werbung, Shorts, Entertainment – auf einer Fast-Food-Ebene. Und genau deshalb ist es umso belohnender, wenn man sich wirk- lich einlässt.

Sie kommen aus einer Theater- und Filmfamilie. Ihre Mutter ist die Schauspielerin Senta Berger, Ihr Vater der Regisseur Michael Verhoeven. War Geschichtenerzählen für Sie immer selbstverständlich?

Selbstverständlich wichtig. Aber ich glaube, da bin ich gar nicht so anders als viele Kinder. Ich bin mit Gutenachtgeschichten aufgewachsen. Meine Mutter hat mir vorgelesen oder erzählt – und oft habe ich vorher gesagt, was alles vorkommen muss: eine Prinzessin, ein Ritter, ein Vulkan. Mein kleiner Sohn macht das heute genauso. Er gibt mir ein Wunschkonzert, und ich muss improvisieren. Sonntags sind wir ins Kino gegangen – während andere vielleicht in die Kirche gingen. Mein Vater und ich sassen im Kino, und da- nach habe ich die Filme zu Hause nachgespielt, Bühnenbilder gebaut, den Grosseltern vorgespielt. Ich wurde sehr ermutigt, mich auszuleben. Das war kein Hobby, das war ein selbstverständlicher, wichtiger Teil des Alltags. Mein Vater und ich haben viel gezeichnet – auch das ist Story- telling. Ich wollte Comics zeichnen, schon mit sechs. Der entscheidende Unterschied ist vielleicht die Ermutigung. Dass Eltern sagen: Das ist wich- tig, was du da machst.

Wie findet man seine eigene Handschrift – gerade mit dieser Herkunft?

Man kann seine Stimme nicht künstlich erfinden. Man entdeckt sie. Ich bin mit ganz anderen Einflüssen aufgewachsen als meine Eltern – amerikanisches Achtzigerjahre-Kino, Serien, Kinderfilme. Meine Eltern haben mir wie- derum Filme von Billy Wilder gezeigt. Und manchmal staune ich, wie nah mein Humor doch an dem meines Vaters ist. Aber mein Vater war ein sehr politischer Filmemacher, geprägt von der deutschen Nachkriegszeit. Ich bin unbefangener aufgewachsen, hatte nicht dieses Trauma zu verarbeiten. Ich dachte auf der Filmhochschule immer, ich sei ein Arthouse-Regisseur. Und dann haben die Leute bei meinen Dialogen gelacht – viel mehr, als ich erwartet hatte. Da habe ich gemerkt: Ah, das ist vielleicht meine Stimme. Diese Balance zwischen Humor und Emotion – zwischen Komödie und Drama – diese Tonalität beherrschen zu lernen, hat bei mir jahrelang gedauert. Heute fühle ich mich sicherer damit. Aber es war ein langer Weg. Und er ist noch nicht zu Ende.

Wie ist es, mit der eigenen Mutter zu drehen – etwa bei ihrem aktuellen Film «Diese Lücke, ach diese entsetzliche Lücke»?

Erstaunlich unkompliziert. Am Set ist sie meine Hauptdarstellerin. Ich kann das trennen – fast schizophren. Diese Rollen helfen uns. Sie vertraut mir als Regisseur, sonst würde sie den Film nicht machen. Und wir hatten beide grosses Vertrauen in mein Drehbuch. Natürlich sagt man trotzdem «Mama» am Set – das sorgt für Schmunzeln. Aber dann wird es schnell selbstverständlich. Die Arbeit war wunderbar. So wunderbar, dass ich aufpassen musste, nicht zu schnell zu begeistert zu sein. Nüchtern zu bleiben. Timing in der Komödie entsteht ja nicht nur durch Schauspiel, sondern vor allem auch im Schnitt. Meine Aufgabe ist es also, diesen familiären, extrem lebendigen Raum zu schaffen – und gleichzeitig die totale Ordnung zu halten, für den späteren Schnitt. Wenn man mit grossen Schauspielerinnen wie meiner Mutter arbeitet, wird man von ihrem Können immer wieder überrascht. Man sieht zu, wie die Texte zum Leben erweckt werden, und denkt oft: Wow. Das ist noch viel besser, als ich es mir vorgestellt habe.

Hat der Verlust Ihres Vaters Ihre Art zu erzählen verändert?

Sicher. Nicht bewusst. Aber wenn man erlebt, wie der Vater im Sarg aus dem Haus getragen wird, wie die Mutter zurückbleibt – das verändert einen. Diese Momente, die Beerdigung, der Abschied … Das macht etwas mit einem. Es hat mich verletzlicher ge- macht. Offener. Alles ist eine Etage tiefer gerutscht. Man versteht die Fragilität des Lebens noch viel mehr. Und auch die Gleichzeitigkeit: Man verabschiedet seine Eltern – und spielt in derselben Woche mit den eigenen Kindern. Dieser Kreislauf wird sehr konkret.

Was möchten Sie Ihren Kindern über Ihre Arbeit erklären?

Mein grosser Sohn ist 15 und überlegt tatsächlich, ins Filmgeschäft zu gehen. Er denkt jetzt schon darüber, ob er einen anderen Namen verwenden soll als Verhoeven. (lacht) – das kenne ich von mir. Ich würde sie immer ermutigen. Trotz aller Unsicherheit der Zeiten glaube ich: Der Kern des Geschichtenerzählens bleibt. Und er wird nicht von einer Maschine übernommen werden – vielleicht unterstützt, aber nicht ersetzt. Das grössere Problem ist eher das Zeitmanagement. Ich erinnere mich, dass meine Eltern in den Ferien auch gearbeitet haben. Mein Vater sass am Schreibtisch, meine Mutter las Drehbücher. Da ist das Büro irgendwie immer dabei. Das ist eine Herausfor- derung für mich. Gleichzeitig gibt es auch unkonventionelle Freiheit. Wenn andere Eltern arbeiten, habe ich manchmal frei und möchte dann etwas unternehmen. Nur hat dann keiner Zeit für mich, alle sind gebunden in der Schule und im Job (lacht). Aber grundsätzlich versuche ich, im Urlaub wirklich präsent zu sein. Das ist wichtig.

Wie erreicht man heute Menschen – in einer Zeit von Dauer-Scrolling?

Man kann versuchen, der Lauteste zu sein. Aber ich glaube, genau die gehen unter. Es hat nichts mit Lautstärke zu tun. Es hat mit einer Idee zu tun. Mit einem Story-Hook. Und mit Tiefe. Wenn Menschen das Gefühl haben, sie sehen etwas Echtes, Authentisches, dann hebt sich das ab. Vieles wirkt heute austauschbar – KI-generiert. Umso wichtiger wird der menschliche Faktor. Authentizität.

Denken Sie beim Schreiben schon an Marketing?

Ja, ein bisschen. Ich denke oft zuerst ans Plakat. Oder an den Titel. Das hilft mir, ein vages Ziel vor Augen zu haben. Manchmal merkt man beim Schreiben: Das ist ein Teaser-Moment. Aber grundsätzlich beginnt ein ganz neuer Prozess beim Dreh und im Schnitt.

Ein Werbeclip dauert 30 bis 100 Sekunden versus zwei Stunden Kinofilm – Sprint gegen Marathon?

Es gibt erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Auch 30 Sekunden haben einen ersten Akt, einen Mittelteil, eine Zuspitzung. Die Struktur bleibt. Eine Maxime ist: So spät wie möglich rein, so früh wie möglich raus. Dem Publikum etwas zutrauen. Werbung erklärt oft zu viel. Ich plädiere immer dafür, die Story stär- ker zu halten als das Branding.

Was kann Kino, was Streaming nicht kann?

Kino ist Champions League. Die Konzentration. Die fast gottesdienst- ähnliche Stimmung. Fremde Menschen sitzen zusammen im Dunkeln – das ist archaisch. Fast wie früher am Lagerfeuer. Theater und Kino sind die Königsdisziplinen.

Was möchten Sie mit Ihren Filmen beim Publikum auslösen?

Ich denke nicht zuerst daran, was ich auslösen will. Ich schreibe etwas, das in mir etwas auslöst. Sonst werden es Message-Filme. Ich möchte Geschichten erzählen, die mich wirklich involvieren. Und ich hoffe, dass das überspringt. Ich habe eine grosse Wertschätzung fürs Leben mitbekommen. Eine Liebe zum Leben. Meine Filme versuchen, das Leben zu feiern – ohne es zu verkitschen.

Ihre Filme sind oft sehr lustig. Wie inszeniert man Humor, ohne dass er platt wirkt?

Ich muss es selbst lustig finden. Manch- mal lache ich beim Schreiben. Aber ich streiche viel weg, wenn es bemüht wirkt. Gags um der Gags willen funktionieren für mich nicht. Humor entsteht aus der Geschichte. Aus den Figuren. Und ich überprüfe das bis zuletzt, am Set. Wenn etwas nicht funktioniert beim Drehen, so wird es auch nicht im Film funktionieren. Dafür muss man Antennen entwicken. Manchmal muss man auch nur kleine Nuancen ändern. Worte. Rhythmik.

Sie sind selbst ausgebildeter Schauspieler. Macht das einen Unterschied?

Schon, denke ich. Ich habe mich oft unwohl gefühlt vor der Kamera. Alleingelassen. Das hat mich geprägt. Ich versuche als Regisseur einen sicheren Raum zu schaffen. Vertrauen ist alles. Aber mit Struktur und ohne Chaos – klare Führung ist sehr wichtig. Die Schauspieler:innen müssen merken, der hat es im Griff, da darf ich Vertrau- en haben. Viele grosse Stars haben enorme Unsicherheiten. Gerade am Anfang. Meine Aufgabe ist es, vom ersten Tag eine ehrliche Verbindung herzustellen. «Let’s be real».

Und wenn der Film «geboren» ist, wie fühlt sich dieser Moment an?

Vor der Premiere bin ich nervös. Aber das Testscreening – das ist der Moment der Wahrheit. 500 Menschen, ich mitten drin, inkognito im Saal. Wenn es nicht funktioniert, merkst du es sofort. Und das ist gut so. Mein erster Film «100 Pro» war ein Flop. Ich war 28. Die Balance stimmte nicht. Der Film war nicht stimmig genug, obwohl er sehr spannende, originelle Sequenzen hatte. Sieben Jahre habe ich danach keinen Film gemacht. Das war hart. Aber lehrreich.

Wenn Sie es auf einen Satz bringen müssten: Wie muss man heute Geschichten erzählen?

Wahrhaftig. Mit Tiefe. Mit Vertrauen ins Publikum. Und mit Liebe zum Leben.

Und was wünschen Sie sich, dass Menschen fühlen, wenn sie den Kinosaal verlassen?

Dass sie sich ein wenig lebendiger fühlen als vorher. Ein wenig offe- ner. Verbundener mit sich und mit anderen. Und dass sie merken: Geschichten sind tiefer als jeder Scroll.

«Ich habe mich oft unwohl gefühlt vor der Kamera. Alleingelassen. Ich versuche als Regisseur einen sicheren Raum zu schaffen.»

«Ich beobachte, dass es gerade bei jungen Leuten eine Sehnsucht nach längerer, tieferer Erzählung gibt.»

Leben und Wirken

Simon Verhoeven stammt aus einer Theater- und Filmfamilie. Er ist der Sohn der Schauspielerin Senta Berger und des Regisseurs Michael Verhoeven, der Neffe der Schauspielerin Lis Verhoeven und der Enkel von Paul Verhoeven, ehemaliger Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters in Berlin und der Münchner Kammerspiele. Filme von Simon Verhoeven sind Männerherzen (20 109), willkommen bei den Hartmanns (2016), Nightlife (2020), Alter weisser Mann (2024) und aktuell Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2026)

«Die Konzentration. Die fast gottesdienstähnliche Stimmung. Fremde

Menschen sitzenzusammen im Dunkeln –

das ist archaisch.»

Bild: Komplizenfilm, vom Dreh der «Lücke»
Bild: Komplizenfilm, vom Dreh der «Lücke»
Simon Verhoeven bei den Dreharbeiten zu Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke mit Kameramann Jo Heim. Bilder: von Simon Verhoeven zVg
Simon Verhoeven bei den Dreharbeiten zu Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke mit Kameramann Jo Heim. Bilder: von Simon Verhoeven zVg
Simon Verhoeven bei den Dreharbeiten zu Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke mit Kameramann Jo Heim. Bilder: von Simon Verhoeven zVg
Simon Verhoeven bei den Dreharbeiten zu Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke mit Kameramann Jo Heim. Bilder: von Simon Verhoeven zVg
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.
Regieanweisungen von Simon mit seiner Mutter Senta Berger und Film-Ehemann Michael Wittenborn.

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