Fög-Jahrbuch: Medienqualität sinkt weiter
Die Schweizer Medien berichten immer weniger über relevante Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Reduziert hat sich auch die Leistung, Ereignisse einzuordnen. Zu diesem Schluss kommt das Jahrbuch 2014 «Qualität der Medien Schweiz».
Insgesamt erodierte die Qualität der Schweizer Medien letztes Jahr weiter, lautet – nicht zum ersten Mal – der Hauptbefund des Jahrbuchs, dessen fünfte Ausgabe am Montag vorgestellt wurde. An Qualität eingebüsst haben fast alle Medientypen, von den SRG-Sendern über die Abonnementszeitungen und Privatfernsehen bis hin zu den Onlineportalen. Die Wurzel des Übels: Niedrige Qualität wird belohnt. «Das ist verheerend», sagte Soziologieprofessor Kurt Imhof, der das Jahrbuch ins Leben gerufen hat, vor den Medien in Bern. Auf dem Spiel stehe die informierte Demokratie, mahnte er.
«Ausgeprägte Gratiskultur»
Wer Qualität produziert, gehört laut der Studie bezüglich Werbeeinnahmen zu den Verlierern. «Die Mittel für den Qualitätsjournalismus brechen weg», sagte Co-Studienautor Mark Eisenegger. Fast jeder dritte Franken, der für Werbung in den 45 grössten Schweizer Zeitungen ausgegeben wird, kommt laut dem Jahrbuch inzwischen den vier Gratiszeitungen zugute. Die Medienbudgets der Konsumenten wachsen laut den Studienautoren zwar, die Ausgaben für rein journalistische Produkte dagegen sinken. Diese «ausgeprägte Gratiskultur» zeige sich auch darin, dass die Schweiz bei der Einführung von Paywalls weit zurückliege. Kommt hinzu: Unterhaltung, Gratis-Angebote und Infotainment bringen nicht nur Werbegelder, sondern auch Publikum. Medientitel, die in der Studie als «qualitätsniedrig» eingestuft werden, erreichten 2013 bereits 66 Prozent der Bevölkerung. 2010 waren es erst 38 Prozent gewesen.
Trend zu «Breaking News»
Bei den Abonnementszeitungen zeige sich der finanzielle Aderlass darin, dass sowohl der Umfang der Blätter als auch der Anteil der Eigenleistungen schrumpfe, heisst es in der Studie. Stattdessen setzten Medien immer stärker auf sogenannte Soft- statt auf Hardnews. Sport- und Human-Interest-Geschichten verdrängten sachliche Berichte von politischer oder wirtschaftlicher Relevanz. Zu dieser Entwicklung tragen gemäss der Studie die sozialen Netzwerke wie Twitter bei, da über diese vor allem Soft News geteilt würden. Unter dem Druck der Sparrunden in Medienhäusern leidet auch die Einordnungsleistung. Statt die Welt zu erklären, gebe es einen Trend hin zu «Breaking News», sagte Eisenegger.
Ruf nach Medienförderung
Angesichts der Ergebnisse des Jahrbuchs ist für Imhof klar: «Der Journalismus muss gefördert werden.» Prioritär ist aus seiner Sicht, die Redaktionen zu stärken, und zwar vorab in den Kantonen. Dem Vorschlag von Avenir Suisse, die SRG zum gebührenfinanzierten Gratislieferanten zu machen, erteilte Imhof eine Absage, da dadurch die redaktionellen Strukturen nicht gestärkt würden. Journalismus aber brauche Redaktionen – und nicht Newsrooms, diese «Werkhallen, Verrichtungsboxen», sagte Imhof. Peter Studer, Medienrechtler und ehemaliger Präsident des Schweizerischen Presserates, rief die Verleger dazu auf, bezüglich der direkten Medienförderung ihre «Scheuklappen» abzulegen, bevor die Qualitätspresse ganz verschwinde.
Verband: Qualität ist gut
Erneut kritisch zum Jahrbuch äusserte sich der Verband Schweizer Medien. Die Qualität der Schweizer Medien sei gut, hielt Direktorin Verena Vonarburg auf Anfrage der sda fest. «Klagen, wie sie die Verfasser alljährlich vortragen, werden durch Wiederholung nicht wahrer.» Den Bürger stehe heute ein vielfältiges und attraktives Medienangebot zur Verfügung, von dem frühere Generationen nicht einmal geträumt hätten.
Die Gewerkschaft Syndicom und der Journalistenverband Impressum teilen hingegen die Einschätzung der Forscher. Die sinkende Qualität sehen sie als Folge der schlechter werdenden Arbeitsbedingungen der Journalisten, wie sie auf Anfrage sagten.
Trotz aller negativen Ergebnisse der Studie gibt es laut Imhof auch eine gute Nachricht: Die Debatte um die Qualität sei etwa dank des Beitrags von Avenir Suisse gewachsen. «Vor fünf Jahren waren wir einsam und wurden verhauen, heute werden wir auch verhauen, aber wir sind weniger einsam.»
Das Jahrbuch 2014 Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera wurde vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich verfasst. Finanziert hat die Studie die Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft und die Universität Zürich. (SDA)

Die sechs Hauptbefunde des Jahrbuchs in der Kurzübersicht:
Einnahmen: Unterhaltung schlägt Informationsjournalismus
Es ist zu konstatieren, dass die Werbeeinnahmen bevorzugt den Unterhaltungsangeboten auf Kosten des Informationsjournalismus zufallen und dass auch die Kaufbereitschaft des Publikums für Unterhaltungsangebote grösser ist. Die Gratiskultur hat das Preisbewusstsein für Journalismus weitgehend aufgelöst. Die Medienbudgets der Konsumenten wachsen zwar, die Ausgaben für Informationsjournalismus sinken aber weiter.
Journalismus: Reichweite verdrängt Qualität
Auch innerhalb des Informationsjournalismus setzt sich der Trend zur Unterhaltung fort. Die Werbung bevorzugt diejenigen Angebote in Print, TV und Online, die mit kurzen Softnews Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen und dadurch hohe Reichweiten erzielen. Diese Entwicklung wird durch den wachsenden mobilen Konsum und durch die Human-Interest-Bedürfnisse in den Social Networks verstärkt: «Virale News» sind zum überwiegenden Teil Softnews.
«Unten» muss Qualität nicht gepflegt werden, «oben» kann sie nicht
Die Mittel für vielfältigen, professionellen Informationsjournalismus brechen weg. Durch diese Dynamik sinkt die Qualität des Informationsjournalismus insgesamt. Bei den qualitätsniedrigen Angeboten braucht sie wegen der grossen Nachfrage nicht gepflegt zu werden, also sinkt sie weiter; bei den Angeboten mit Qualitätsanspruch sinken unter dem Druck der Sparrunden, der Klickratenorientierung und dem Aktualitätsdruck online vorab die Einordnungsleistungen, dann die thematische Relevanz. Qualität wird ökonomisch nicht belohnt – im Gegenteil: Die Gratiskultur hebelt den grundlegendsten Regulationsmechanismus der Ökonomie über relative Preise aus.
Ungebrochene Konzentration und Diversifikation
Die schwierige Ertragslage für einen vielfältigen und professionellen Informationsjournalismus führt über Skaleneffekte zu einem ausserordentlichen Konzentrationsprozess und zu einem ebensolchen Schwund der Angebotsvielfalt. Dabei ist die Anbietervielfalt im Onlinebereich noch stärker eingeschränkt als im bereits massiv geschrumpften Pressebereich. Die Ertragseinbussen im Informationsjournalismus schlagen aber nur bedingt auf die Einnahmen der grossen Verlage durch. Diese entwickeln sich über Diversifikation und Verwertungsketten zu Mischkonzernen, in denen die Publizistik zu einem Geschäft unter anderen wird und neben ertragreicheren Geschäften wie den Onlinerubriken ebenfalls Renditen abzuwerfen hat. Unter den grossen drei Verlagshäusern im schweizerischen Presse- und Onlinemarkt setzt einzig der kleinste Akteur, die NZZ-Mediengruppe, auf eine Markenstrategie, die der publizistischen Qualität eine prioritäre strategische Bedeutung beimisst. Gepflegt wird die Marke allerdings vorab über Marketing.
Erosion der journalistischen Berufskultur
Um die Renditen im Informationsmarkt aufrechtzuerhalten, erfolgt neben unaufhörlichen Sparrunden eine eigentliche Industrialisierung und eine Marketingsteuerung des Journalismus. Die Produktionsprozesse werden durch Content-Management-Systeme (CMS) gesteuert, in denen die Journalisten in grossen Newsrooms und zunehmend für alle Kanäle und immer mehr Medientitel gleichförmige Inhalte produzieren. Dies gibt die weitere Entwicklungsdynamik in den grossen Häusern vor: Skaleneffekte lassen sich durch Nutzung dieser Newsrooms für immer mehr Angebote erzielen, Redaktionen verlieren mitsamt ihren Ressortspezialisierungen und Kulturen an Bedeutung zugunsten der neuen Werkhallen des Allroundjournalismus. Oberhalb dieser Werkhallen werden immer stärker Titelmacher zusammen mit dem Marketing die News auf die hauseigenen Medientitel abfüllen. Daneben wird eine kleine privilegierte Garde von «Edelfedern» beschäftigt, die für die Reputation der Medientitel sorgen müssen. Innerhalb der Berufskultur, deren Standards, Institutionen und Selbstverständnisse an sich als dämpfende Elemente gegen diese Dynamik wirken sollten, regt sich zwar etwas mehr, insgesamt aber immer noch wenig Widerstand und Reflexion. Die Branche nimmt sich dadurch selbst kaum als Branche mit zentralen Funktionen in der Gesellschaft wahr und lässt die Erosion ihrer Standards weitgehend widerstandslos zu. Das schwächt das schweizerische Medienwesen auch in politischer Hinsicht.
Vielfaltsverluste und Veränderung der Themen- und Akteursresonanz sowie des Agenda Buildings
Weil die Entwicklungsdynamik durch die Profession selbst kaum gebremst wird, dafür aber durch Ertragseinbussen und Reichweitenoptimierung getrieben ist, verändern sich das Agenda Building und die Themen- und Akteursresonanzen in den sprachregionalen Medienarenen. Themen, die früher zur Nische des Boulevardjournalismus gehörten, werden auch von Medientiteln mit Qualitätsanspruch aufgenommen und entfalten sich zu kurzfristigen «Medienhypes», die die ganze Medienarena beherrschen. Mit diesem Schwund der Distinktion qualitätshoher Titel gegenüber den Themen des Boulevards verbindet sich eine Angleichung der Titelagenden. In politischer Hinsicht gehorcht auch die Resonanz von politischen Akteuren und Themen zunehmend dem Diktat reichweitenorientierter Nachrichtenwerte und spiegelt nicht mehr das «langsame Bohren dicker Bretter», wie einst Max Weber die Aufgabe des politischen Personals beschrieben hat. Entsprechend erhalten diejenigen Akteure und Themen am meisten Resonanz, die am stärksten provozieren und moralisch- emotional aufgeladen werden können. Ein Mediensystem unter Reichweitendiktat präsentiert uns eine andere Welt und eine andere Schweiz, nämlich eine vereinseitigte und polarisierte.
Detaillierte Erläuterung der Hauptbefunde (PDF)
Teaserbild Kurt Imhof: Keystone
