Altes Rezept für junge Leser
Programmpresse Mit TV und Kino pur will Tele mehr junge Leser gewinnen. Deutsche Blätter habens vorgemacht – und sind schon viel weiter.
Programmpresse Mit TV und Kino pur will Tele mehr junge Leser gewinnen. Deutsche Blätter habens vorgemacht – und sind schon viel weiter.Ein eigentliches Medienmagazin wollte Tele mit dem letzten Relaunch im Herbst 2002 werden. Um in der jungen Zielgruppe attraktiv zu bleiben, rückte Chefredaktor Klaus Kriesel Internet, Elektronik, Musik und DVD ins Scheinwerferlicht.Zwei Jahre später dreht Herausgeber Ringier das Rad zurück. Nachdem Kriesel die Zeitschrift bereits im Frühling verlassen hat, positioniert sich Tele ab 15. Oktober als «Das Schweizer TV- und Kino-Magazin». Alles soll sich um Film und Fernsehen drehen – mit klarem Schweizer Bezug. Dadurch werden in der Redaktion 8,1 Stellen überflüssig, der Umfang wird leicht angepasst. Die Leser sollen davon aber wenig merken, so Alexander Theobald, Ringiers Zeitschriftenleiter: Verzichtet werde auf Inhalte, die man in einer Programmzeitschrift nicht erwarte.
Für Theobald bedeutet der Relaunch nicht, dass das bisherige Konzept gescheitert ist. Er spricht von einer Weiterentwicklung, die bestehende Stärken ausbaut. Dennoch ist klar: Als «Medienmagazin» konnte Tele den Auflagenschwund nicht stoppen. Für 2002 wies die Wemf einen Rückgang um 4,3 Prozent aus. 2003 sank die Auflage nochmals um 6,4 Prozent auf 200500 Exemplare.
«International verlieren alle TV-Zeitschriften an Auflage», wiegelt Theobald ab. Die Ausnahme ist ausgerechnet Erzrivale TR7 aus dem Haus Jean Frey. Es legte 2002 um 0,6 Prozent und 2003 um 2,1 Prozent zu. Dieses Wachstum gegen den Trend verdanke TR7 hauptsächlich seinen Vertriebskooperationen mit diversen Zeitungen, glaubt Theobald.
Deutschland machts vor
Ob man den Relaunch nun als Kehrtwende sieht oder als Evolution: Auch die künftige Ausrichtung zielt klar auf das junge Publikum. Das zeigt ein Blick auf den Markt der Programmzeitschriften in Deutschland. TV Spielfilm und TV Movie tragen Ringiers neues Konzept bereits im Titel. Laut dem deutschen Fachmagazin Horizont besitzen diese beiden Blätter die jüngste Leserschaft im dichten Wald der so genannten «Programmies». Durchschnittsalter: rund 39 Jahre.
Eine Überalterung der Tele-Leserschaft bestreitet Theobald. Tele habe ein recht junges Publikum. Tatsächlich zeigt die Mach Basic, dass 66,5 Prozent der 711000 Tele-Leser zwischen 14 und 49 Jahre alt sind. Das Schweizer Publikum von TV Spielfilm liegt aber zu 88,5 Prozent in dieser Zielgruppe. Drei Viertel sind gar unter 39 Jahre alt.
Und TV Spielfilm wird in der Schweiz immerhin von 313000 Personen gelesen. Neben dem Magazin aus der Verlagsgruppe Milchstrasse ist auch Bauers TV Movie hier zu Lande erhältlich, zusammen mit einem Dutzend weiterer deutscher Titel, deren Schweizer Leserschaft nicht erhoben wird. Diesen Inspill abzuwehren und das heimische Publikum zurückzuerobern, ist die Herausforderung, der sich Tele mit dem neuen Konzept stellt.
Ringier habe den deutschen Programmie-Markt studiert und dabei einige Erkenntnisse gewonnen, bestätigt Theobald. Als Beispiele nennt er Preissensitivität, Erscheinungsintervall und die Qualität der Listings, die bei den deutschen Titeln vorbildlich sei. Welche Lehren der Verlag daraus für Tele zieht, lässt sich der Zeitschriftenleiter dagegen nicht entlocken.
Der Lernprozess verläuft mit schweizerischer Langsamkeit. Immerhin wurde TV Spielfilm bereits 1990 lanciert. Mittlerweile sind im deutschen Markt andere Entwicklungen aktuell. Mit TV Sünde (Erotik) und TV Spass (Serien) erscheinen Programmies, die sich an spezielle Zuschauersegmente richten. Mit TV Piccolino und TV 4×7 hält das Pocketformat in diesem Segment Einzug. Zum wichtigsten neuen Schlachtfeld wird aber das digitale Fernsehen. Es vervielfacht die Zahl der empfangbaren Kanäle und damit auch das Bedürfnis nach Programmübersicht. Sechs Millionen deutsche Haushalte besitzen zurzeit digitale Anschlüsse. Bis 2010 sollen es 35 Millionen sein. Nachdem der Abosender Premiere sein eigenes TV-Magazin im Juni eingestellt hat, streiten sich die Verlagsriesen Springer und Bauer mit den Neulancierungen TV Digital und TV World um die heimatlos gewordene Leserschaft. Andere Verleger bieten Supplements zu ihren Programmies an.
Digitale Programmexplosion
Auch in der Schweiz nimmt der Digital-TV-Zug Fahrt auf. Neben Teleclub und Cablecom plant die Swisscom den Einstieg. Bei Ringier wird offenbar erst einmal abgewartet. Eine eigene Zeitschrift für digitale Programme zu lancieren, wäre für Alexander Theobald «eine grosse Kiste». Fraglich sei immer, ob solche Projekte beim geringen Leserpotenzial der Schweiz wirtschaftlich arbeiten könnten. Als «charmante Idee» bezeichnet Theobald den Vorschlag, das digitale Programm von Teleclub – an dem Ringier beteiligt ist – in Tele aufzunehmen.
Einen ersten Schritt in Sachen Digital-TV hat TR7 gemacht. In knapper Form präsentiert es die Angebote der Pay-per-view-Filmkanäle von Cablecom. Den Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland betont aber auch TR7-Chefredaktor René Hildbrand: TV-Zeitschriften hätten im deutschen Anzeigenmarkt einen höheren Stellenwert, «die deutschen Werbekunden haben begriffen, wie gut diese Titel funktionieren. Da blicke ich manchmal neidisch über die Grenze.»
TV vier stärkt Ringiers MarktanteilGleichzeitig mit dem Relaunch von Tele hat Ringier den Kauf von TV vier bekannt gegeben. TV vier beschränkt sich inhaltlich auf Programmlisten und Rätsel. Der Monatstitel wird ohne eigene Redaktion von externen Zulieferern konfektioniert. Lanciert wurde TV vier Anfang 2001 von der Vierwaldstätter Verlags GmbH. Zuerst mit angeblich 300000 Exemplaren breit gestreut, wurde die Auflage nach einem Jahr auf 80000 zurückgefahren. Laut Ringier werden zur Zeit 60000 Exemplare gedruckt. TV vier enthält nahezu keine Inserateseiten. Dennoch arbeitet es laut Ringier-Zeitschriftenleiter Alexander Theobald profitabel.
«TV vier hat sich klar auf die Auflagen der etablierten TV-Zeitschriften ausgewirkt», begründet Theobald die Übernahme. Mit der Zeitschrift baut Ringier seinen Anteil am Lesermarkt im Programm-Segment weiter aus. Tele und das Tamedia-Joint-Venture TV täglich deckten bereits 50 Prozent ab. «Wie sich die Übernahme von TV vier genau auswirkt, wissen wir, wenn die Zahlen von Mach und Auflagenbeglaubigung vorliegen», erklärt Theobald. An beiden solle TV vier so bald wie möglich teilnehmen. Die Anmeldung in diesem Jahr sei allerdings nicht mehr möglich gewesen. (sm)
Die Tele wird neu: Deutsche Blätter standen Pate beim Konzept.
Stefano Monachesi
Für Theobald bedeutet der Relaunch nicht, dass das bisherige Konzept gescheitert ist. Er spricht von einer Weiterentwicklung, die bestehende Stärken ausbaut. Dennoch ist klar: Als «Medienmagazin» konnte Tele den Auflagenschwund nicht stoppen. Für 2002 wies die Wemf einen Rückgang um 4,3 Prozent aus. 2003 sank die Auflage nochmals um 6,4 Prozent auf 200500 Exemplare.
«International verlieren alle TV-Zeitschriften an Auflage», wiegelt Theobald ab. Die Ausnahme ist ausgerechnet Erzrivale TR7 aus dem Haus Jean Frey. Es legte 2002 um 0,6 Prozent und 2003 um 2,1 Prozent zu. Dieses Wachstum gegen den Trend verdanke TR7 hauptsächlich seinen Vertriebskooperationen mit diversen Zeitungen, glaubt Theobald.
Deutschland machts vor
Ob man den Relaunch nun als Kehrtwende sieht oder als Evolution: Auch die künftige Ausrichtung zielt klar auf das junge Publikum. Das zeigt ein Blick auf den Markt der Programmzeitschriften in Deutschland. TV Spielfilm und TV Movie tragen Ringiers neues Konzept bereits im Titel. Laut dem deutschen Fachmagazin Horizont besitzen diese beiden Blätter die jüngste Leserschaft im dichten Wald der so genannten «Programmies». Durchschnittsalter: rund 39 Jahre.
Eine Überalterung der Tele-Leserschaft bestreitet Theobald. Tele habe ein recht junges Publikum. Tatsächlich zeigt die Mach Basic, dass 66,5 Prozent der 711000 Tele-Leser zwischen 14 und 49 Jahre alt sind. Das Schweizer Publikum von TV Spielfilm liegt aber zu 88,5 Prozent in dieser Zielgruppe. Drei Viertel sind gar unter 39 Jahre alt.
Und TV Spielfilm wird in der Schweiz immerhin von 313000 Personen gelesen. Neben dem Magazin aus der Verlagsgruppe Milchstrasse ist auch Bauers TV Movie hier zu Lande erhältlich, zusammen mit einem Dutzend weiterer deutscher Titel, deren Schweizer Leserschaft nicht erhoben wird. Diesen Inspill abzuwehren und das heimische Publikum zurückzuerobern, ist die Herausforderung, der sich Tele mit dem neuen Konzept stellt.
Ringier habe den deutschen Programmie-Markt studiert und dabei einige Erkenntnisse gewonnen, bestätigt Theobald. Als Beispiele nennt er Preissensitivität, Erscheinungsintervall und die Qualität der Listings, die bei den deutschen Titeln vorbildlich sei. Welche Lehren der Verlag daraus für Tele zieht, lässt sich der Zeitschriftenleiter dagegen nicht entlocken.
Der Lernprozess verläuft mit schweizerischer Langsamkeit. Immerhin wurde TV Spielfilm bereits 1990 lanciert. Mittlerweile sind im deutschen Markt andere Entwicklungen aktuell. Mit TV Sünde (Erotik) und TV Spass (Serien) erscheinen Programmies, die sich an spezielle Zuschauersegmente richten. Mit TV Piccolino und TV 4×7 hält das Pocketformat in diesem Segment Einzug. Zum wichtigsten neuen Schlachtfeld wird aber das digitale Fernsehen. Es vervielfacht die Zahl der empfangbaren Kanäle und damit auch das Bedürfnis nach Programmübersicht. Sechs Millionen deutsche Haushalte besitzen zurzeit digitale Anschlüsse. Bis 2010 sollen es 35 Millionen sein. Nachdem der Abosender Premiere sein eigenes TV-Magazin im Juni eingestellt hat, streiten sich die Verlagsriesen Springer und Bauer mit den Neulancierungen TV Digital und TV World um die heimatlos gewordene Leserschaft. Andere Verleger bieten Supplements zu ihren Programmies an.
Digitale Programmexplosion
Auch in der Schweiz nimmt der Digital-TV-Zug Fahrt auf. Neben Teleclub und Cablecom plant die Swisscom den Einstieg. Bei Ringier wird offenbar erst einmal abgewartet. Eine eigene Zeitschrift für digitale Programme zu lancieren, wäre für Alexander Theobald «eine grosse Kiste». Fraglich sei immer, ob solche Projekte beim geringen Leserpotenzial der Schweiz wirtschaftlich arbeiten könnten. Als «charmante Idee» bezeichnet Theobald den Vorschlag, das digitale Programm von Teleclub – an dem Ringier beteiligt ist – in Tele aufzunehmen.
Einen ersten Schritt in Sachen Digital-TV hat TR7 gemacht. In knapper Form präsentiert es die Angebote der Pay-per-view-Filmkanäle von Cablecom. Den Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland betont aber auch TR7-Chefredaktor René Hildbrand: TV-Zeitschriften hätten im deutschen Anzeigenmarkt einen höheren Stellenwert, «die deutschen Werbekunden haben begriffen, wie gut diese Titel funktionieren. Da blicke ich manchmal neidisch über die Grenze.»
TV vier stärkt Ringiers MarktanteilGleichzeitig mit dem Relaunch von Tele hat Ringier den Kauf von TV vier bekannt gegeben. TV vier beschränkt sich inhaltlich auf Programmlisten und Rätsel. Der Monatstitel wird ohne eigene Redaktion von externen Zulieferern konfektioniert. Lanciert wurde TV vier Anfang 2001 von der Vierwaldstätter Verlags GmbH. Zuerst mit angeblich 300000 Exemplaren breit gestreut, wurde die Auflage nach einem Jahr auf 80000 zurückgefahren. Laut Ringier werden zur Zeit 60000 Exemplare gedruckt. TV vier enthält nahezu keine Inserateseiten. Dennoch arbeitet es laut Ringier-Zeitschriftenleiter Alexander Theobald profitabel.
«TV vier hat sich klar auf die Auflagen der etablierten TV-Zeitschriften ausgewirkt», begründet Theobald die Übernahme. Mit der Zeitschrift baut Ringier seinen Anteil am Lesermarkt im Programm-Segment weiter aus. Tele und das Tamedia-Joint-Venture TV täglich deckten bereits 50 Prozent ab. «Wie sich die Übernahme von TV vier genau auswirkt, wissen wir, wenn die Zahlen von Mach und Auflagenbeglaubigung vorliegen», erklärt Theobald. An beiden solle TV vier so bald wie möglich teilnehmen. Die Anmeldung in diesem Jahr sei allerdings nicht mehr möglich gewesen. (sm)
Die Tele wird neu: Deutsche Blätter standen Pate beim Konzept.
Stefano Monachesi
