«Wir Väter wollen präsenter sein»
Der Geschäftsführer des Verbands Swiss Marketing, Marco Ancora, hat nach einem emotional sehr ehrlichen Post auf LinkedIn überwältigende Resonanz erfahren. Im Interview erklärt er die Hintergründe.

m&k Marco Ancora, ein Post von Dir auf LinkedIn ging in den letzten Wochen viral. Du erzähltst von Deiner Tochter, die vergeblich darauf wartete, dass «Papa sich noch umzieht und dann zum Schwimmen kommt». Dabei war Papa leider in einer Arbeitssitzung und konnte nicht am Familien-Schwimm-Tag dabei sein. Du kommst in diesem Post verletzlich daher, öffnest Dich, lässt Deine Community teilhaben an dem Stretch zwischen Familie und Beruf. Abschliessend schreibst Du, die ständige Verfügbarkeit sei in Frage zu stellen, damit auch Väter Verlässlichkeit im Privatleben vorleben können. Was hat Dich veranlasst, diese Gedanken auf der Business-Plattform LinkedIn zu posten?
Marco Ancora Ich versuche immer transparent zu sein – auch bei persönlichen Themen. In diesem Fall ging es um einen sehr privaten Moment: Unsere Tochter ist an den Tagen, an denen meine Frau arbeitet, in der Kita. Die Wochenenden gehören ihr. An diesem Samstag stand jedoch eine Diplomfeier auf dem Programm, deren Termin ich schon lange kannte. Für mich war es ein beruflicher Pflichttermin, für sie war es ein Tag, an dem Papa da sein sollte. Als ich ging, weinte sie. Besonders getroffen hat mich, dass sie in der Badi Bekannten sagte, ich würde nur schnell die Badehose anziehen und gleich kommen – ein Satz, der mir im Versuch, sie zu beruhigen, herausgerutscht war. Ich belüge meine Tochter nicht bewusst, aber in diesem Moment ist es passiert. Ich wollte diesen Moment teilen, weil er ein Dilemma widerspiegelt, das viele kennen: Erfolg im Beruf und präsenter Vater sein – beides scheint oft kaum vereinbar zu sein. Genau da- rüber sollten wir sprechen.
Hattest Du mit so viel Feedback gerechnet? Und was war der Tenor der Kommentare?
Ehrlich gesagt: Nein. Die Resonanz war überwältigend – grösstenteils Zustimmung und Mitgefühl. Viele haben sich in der Geschichte wiedererkannt. Es gab auch kritische Stimmen: Mir wurde vorgeworfen, den Beitrag geschrieben zu haben, um Mitleid zu erregen oder mich zu profilieren. Solche Kritik nehme ich an und reflektiere sie. Aber der überwiegende Teil der Reaktionen hat gezeigt: Dieses Spannungsfeld ist ein echter Pain-Point für viele.
Was darf sich im Kontext Familie/Beruf verändern, damit sich das Gefüge verbessert?
Es braucht mehr Bewusstsein dafür, dass Zeit mit der Familie kein «nice to have» ist, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Arbeit-gebende sollten klare Rahmenbedingungen schaffen, um Eltern planbare Familienzeiten zu ermöglichen – und Eltern sollten diese be- wusst einfordern.
Du bist als Geschäftsführer beim Verband Swiss Marketing. im engen Austausch mit Euren regionalen Clubs, wie wird dieses Thema dort gespiegelt?
Wir diskutieren es auf verschiedenen Ebenen. In den Clubs ist die Balance zwischen Beruf, Familie und ehrenamtlicher Arbeit eine besondere Herausforderung, weil Clubarbeit bei uns auf freiwilliger Basis geschieht. Viele spüren, wie schwierig es ist, diese drei Bereiche unter einen Hut zu bringen.
Wo kann Swiss Marketing eine Lanze brechen?
Wir können die Diskussion fördern, Best Practices sichtbar machen und Unternehmen motivieren, familienfreundliche Strukturen zu schaffen. Als Verband haben wir eine Plattform, um das Thema mit Entscheider:innen aus Marketing und Sales in die Breite zu tragen.
Was wünschst Du Dir als Vater für die Zukunft der Arbeitswelt?
Family first – und trotzdem gezielt Karriere machen. Es gibt ein Zitat, das ich sehr treffend finde: «Die einzigen, die sich an deine Überstunden erinnern, sind deine Frau und vor allem deine Kinder.» Ich wünsche mir eine Ar- beitswelt, in der man den Wert der Familie wieder als gesellschaftliche Priorität anerkennt. Eltern sollten ihre Kinder beim Aufwachsen begleiten können – in einer gesunden Balance zwischen Beruf und Privatleben.
Welche Bedürfnisse spürst Du bei Männern in deinem Umfeld in Bezug auf Work-Life- Balance?
Viele meiner Freunde – egal in welcher Bran- che – suchen aktiv nach Wegen, um präsenter als Väter zu sein. Es geht nicht nur um weniger Arbeitsstunden, sondern um bewusste Entscheidungen: Muss dieser Termin wirklich ausserhalb der Arbeitszeit liegen? Braucht es diesen Business-Trip ins Ausland wirklich?
Ist die Schweiz aus deiner Sicht auf gutem Weg?
Es gibt Fortschritte, etwa bei flexibleren Arbeitsmodellen. Aber es bleiben grosse Baustellen: Kita-Kosten sind vielerorts immer noch eine massive Belastung, und die Realität, dass viele Familien nicht mehr mit einem Einkommen auskommen, ist ungelöst. Ich stelle be- wusst die Frage: Warum ist das so?
Was für ein Fazit ziehst Du aus der grossen Resonanz zu deinem Post?
Das Thema bewegt – und zwar viele. Der Post hat gezeigt, dass wir darüber sprechen müssen, wie wir als Gesellschaft Arbeit und Familie neu denken. Für mich war es eine Bestätigung, dass persönliche Geschichten auf einer Business-Plattform wie LinkedIn wertvolle Impulse geben können.
Seit 2025 ist Marco Ancora Geschäftsführer des Verbands Swiss Marketing. Swiss Marketing ist der Berufs- und Fachverband für Spezialist:innen aus den Bereichen Marketing und Verkauf. Hier bündelt sich das Fachwissen von rund 2000 Fach- und Führungskräften aus unterschiedlichen Branchen. Swiss Marketing organisiert ausserdem die Berufs- und höheren Fachprüfungen für Marketing und Verkauf. Swiss Marketing ist in der Schweiz landesweit vertreten und fest verankert: In rund 20 regionalen Clubs, den Keimzellen des Verbands, findet der Erfahrungs- und Wissenstransfer auf Führungs- und Fachebene statt. Swiss Marketing Clubs organisieren verschiedene regionale Veranstaltungen zu aktuellen Fragen rund um Marketing und Verkauf. Präsidiert wird Swiss Marketing seit 2025 von Chris Pozzoli.
«Es braucht mehr Bewusstsein, dass Zeit mit der Familie kein «nice to have» ist, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.»
