Wie Affen auf Kamelhöckern

Aufgefallen Die Macdonaldisierung der Medien schreitet voran, ist aber kein Grund für staatliche Intervention. Denn mit den Konglomeraten wachsen auch die Marktnischen.

Kolumne Die Macdonaldisierung der Medien schreitet voran, ist aber kein Grund für staatliche Intervention. Denn mit den Konglomeraten wachsen auch die Marktnischen.Haim Saban hat genug Geld gemacht; jedenfalls will er ProSieben Sat 1, eines der beiden grossen deutschen TV-Konglomerate, wieder verkaufen. Deutschland spekuliert, ob der Axel Springer Verlag den Sprung ins Fernsehgeschäft wagt. Es würde viel Geld kosten und wäre nicht leicht, die Mehrheit zu bewahren. Vor allem aber würde es die deutsche Medienlandschaft massiv verändern.Der prononciert liberal-konservative Pressekonzern könnte aus den Unterhaltungssendern zwar nicht einfach politische Agitationsprogramme zimmern. Aber er hätte einen Nachrichtenkanal (N24), er könnte auf ProSieben oder Sat 1 Politmagazine senden und Kampagnen der Bildzeitung auch übers Fernsehen lancieren. Der Gesetzgeber hätte dagegen kein Mittel in der Hand; denn «Cross Media Ownership Rules», wie sie in den USA existieren, sind in Deutschland derzeit undenkbar.
Ob Springer-Chef Mathias Döpfner diesen grossen Schritt wirklich wagt, weiss niemand. Denn er würde damit nicht nur Springers Macht gewaltig vergrössern, sondern zugleich auch seinen künftigen finanziellen Spielraum gewaltig einengen. Einige Konkurrenten reiben sich entsprechend schon die Hände. Ausgeschlossen ist der Deal dennoch nicht.
In Sachen medialer Machtkonzentration ist die Schweiz noch eine Insel der Seligen. Auch hier gibt es zwar spürbare Konsolidierungen bei der Regionalpresse. Im Fernsehen aber hat die SRG eine ungefährdete Übermacht. Dazu kommt, dass in den verschiedenen Landesteilen unterschiedliche Unternehmen das Sagen haben. Natürlich wird die Schweiz von deutschen, französischen und italienischen Sendern beeinflusst. Die Politik aber wird in der Schweiz gemacht. Und im Zeitungsbereich können die Stimmbürgerinnen und -bürger ausweichen: Wenn ihnen der Blick nicht mehr gefällt, nehmen sie den Tages-Anzeiger und umgekehrt. Das sind vergleichsweise glückliche Verhältnisse.
Denn man muss sich die grossen Tendenzen klar machen: Die Zeitungsauflagen werden sinken, weil die junge Generation sich häufiger über digitale Medien informiert als die ältere. Und Gratisanzeiger à la 20 Minuten werden weltweit zur ernsthaften Konkurrenz. So gut einzelne dieser Blätter gemacht sind, mit klassischem Journalismus haben sie nichts zu tun.
Wo öffentlich-rechtliche Sender noch mehr oder minder Monopolcharakter haben, können sie sich Kulturprogramme wie DRS 2 für Minderheiten leisten. Aber auch nur dort. Das Fernsehen wiederum gerät zur hoch konsolidierten Entertainment-Economy, wo es einzig auf Quoten ankommt. Bleiben die neuen Möglichkeiten des Internet, das den Informationsfluss radikal individualisiert. Die wirklich gesellschaftsrelevanten Themen jedoch werden durch dieses subversive Medium nur selten korrigiert. Was also tun?
Es hat keinen Zweck, in die 70er-Jahre zurückzufallen, wo die Rezepte «enteignet Springer», öffentlich-rechtliche Zeitungen oder Cross Media Ownership Rules hiessen. Der Kapitalismus ist erfinderischer als die Parlamente. Konfrontativ kann man ihn nicht erlegen. Demokratien müssen aber dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger über das, was ist, ordentlich informiert werden. Das wiederum heisst, dass auch Medienpolitiker immer listiger werden müssen. In Deutschland gibt es zum Beispiel die Regelung, dass grosse Fernsehketten Konterbande transportieren müssen. Im Jargon heisst das «Senderechte für unabhängige Dritte». Das Kamel muss einen kleinen Affen auf seinem Höcker dulden. Das Nilpferd muss Vögel dulden, die ihm den Rachen sauber halten. Nicht Hysterie ist jetzt angesagt, wohl aber Fantasie. Sonst werden wir, die Leser, Hörer und Seher abgespeist und macdonaldisiert.
> Peter Glotz ist Publizist und emeritierter Medienprofessor der Universität St. Gallen.

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