Wer beobachtet die Beobachter? KMU brauchen mehr kritische Aufmerksamkeit

Ob Kommunikationspresse oder Medienmonitoring-Anbieter: Die Eigentumsverhältnisse einiger Branchendienste werfen Fragen auf. Ein Aufruf zu mehr öffentlicher Wachsamkeit. Von Oliver Classen, Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern und ehemaliger Medienredaktor.

Wie jede Form der Selbstbeobachtung hat auch die journalistische ihre blinden Flecken. Nur: Die toten Winkel der Schweizer Medienbranche wachsen proportional zu deren Konsolidierung, denn ohne wachsame Konkurrenz keine wirksame Kritik. Wenn etwa der eigene Verleger interviewt, ein grosser Anzeigenkunde geschont oder die Fehlleistung der Konkurrenz kommentiert wird, stösst der Medienjournalismus in Sachen Objektivität an natürliche Grenzen. Betriebsblindheit ist also auch für den Kommunikationssektor konstitutiv. Diese hinlänglich bekannte Systemschwäche medialer Selbstaufklärung erklärt und entschuldigt aber keineswegs, dass problematische Eigentumsverhältnisse bei anderen Branchenbeobachtern entweder vorsätzlich ignoriert oder stillschweigend akzeptiert werden.

Die Übernahme des Mutterhauses von Persönlich durch die Publigroupe etwa wurde 2008 lediglich von der «Zeitschrift für Werbung und Medien» selbst vermeldet. Und zwar so diskret, dass es fast schon ein wenig verschämt wirkte. Komischerweise war dieser dubiose Deal weder den grossen Zeitungen, die mehrheitlich nach wie vor mit der in Schieflage geratenen Inseratenvermittlerin kooperieren, noch der direkten Konkurrenz eine Schlagzeile wert. Auch als sich die Herausgeber der Werbewoche, bei der ich bis 2005 meine Brötchen verdient habe, rund zwei Jahre später (Disclaimer!), unter die schützenden Fittiche von Südostschweiz-Chef und Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument begaben, blieben die sich aufdrängenden Fragen nach Interessenskonflikten und Glaubwürdigkeitsverlust aus.

Selbst der sonst gern und gut skandalisierende Schweizer Journalist schlachtete den Unabhängigkeitsverlust seiner Hauptmitbewerber nicht aus. Einzig der Kleinreport thematisierte die eigentümlichen Eigentumsverhältnisse – ohne freilich die eigenen offenzulegen – und widerlegte so das aufkommende Gerücht vom wechselseitigen Stillhalteabkommen. Die gespenstische Ruhe im Auge des Sturms kann eigentlich nur zwei Gründe haben: Entweder ist sie Ausdruck mangelnder Relevanz und Bissigkeit der beiden führenden Branchendienste, sodass die neuen Besitzer gar nicht interessieren. Oder die meinungsbildende Presse will es sich mit der grössten Schweizer «Media Sales Agency » und dem einflussreichen Verlegerpräsidenten nicht verderben. Beide Vermutungen wären eine Analyse wert. In noch grössere Erklärungsnot gerät, wer die fehlenden Fragen um das seit Jahresfrist herrschende Monopol im kleinen, aber feinen Schweizer Markt der Ausschnittsdienste bemerkt hat.

Durch die Fusion mit dem aufstrebenden Innerschweizer Familienunternehmen ZMS hat der Zürcher Platzhirsch Argus trotz nomineller Weiterführung der jetzigen Tochter faktisch hier nun die Alleinherrschaft. Clipping-Kunden wie ich (Disclaimer!) beobachten diese Zweifirmenstrategie ohne Preisdifferenzierung mit wachsender Skepsis. Für die Wirtschaftspresse sind solche Entwicklungen aber offenbar nur relevant, wenn die Wettbewerbskommission ins Spiel kommt – also erst ab Umsatzvolumen von 100 Millionen Franken.

Ein «Journalismusjournalismus» (Titel eines grandiosen Buchs zum Meta-Thema), der seinen Selbstbeobachtungsauftrag ernst nimmt, muss jedoch die gesamte Medienwirtschaft im Auge haben, sich also auch um die vermeintlich kleinen Fische kümmern. Schwimmen diese unter dem Radar jener grossen Verlagshäuser, die sich überhaupt noch Medienjournalismus leisten, wären sie sicher ein gefundenes Fressen für Blogger und Online-Mediazines. Denn Beobachter ohne Beobachtung werden auf die Dauer wie Könige ohne Kontrolleure – selbstgefällig und gefährlich.

 

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