Wenn Redaktionen kopieren statt kreieren

Medienstudie Eine Analyse zeigt: Journalistische Originalität wird immer mehr zum Ausnahmefall.

Medienstudie Eine Analyse zeigt: Journalistische Originalität wird immer mehr zum Ausnahmefall.Für die Literaturwissenschaft ist «Intertextualität» ein zentraler Arbeitsbegriff. Wie viel Flaubert etwa steckt in Thomas Mann? Allgemeiner: Welche (Lese-)Spuren eines Werks lassen sich in einem anderen rekonstruieren? Auf publizistische Texte hingegen möchte man ihn lieber nicht anwenden, denn er würde gehörig am Lack der Eigenständigkeit von Journalisten kratzen.Genau dies aber hat eine Forschergruppe um Harald Burger, Professor für Linguistik an der Universität Zürich, in der Studie «Medientexte zwischen Autor und Publikum» getan. Fazit: News-Journalisten schreiben einander hemmungslos ab. «Der Autorenanteil eines Medientextes ist minim, Intertextualität dagegen Programm.» Das so geschaffene Realitätsbild werde ein für den Rezipienten unentwirrbares Konstrukt, das Informationsquellen nicht offen lege, sondern systematisch verschleiere.
Untersucht wurden die Berichterstattung und Wertung in Tages- und Wochenzeitungen sowie in den öffentlich-rechtlichen wie privaten Radio- und Fernsehprogrammen zu den Themen Gentechnologie und Sozialversicherungen. Verglichen wurden dabei sinnvollerweise nicht nur Artikel und Sendungen, sondern auch deren alltägliche Entstehung.
Diese sieht zumeist so aus, dass die Agenturen mit der Berichterstattung beginnen. Wie die Sprachwissenschaftler bemerken, «informieren schon Agenturen nur scheinbar neutral», obwohl sie diesen Anspruch erheben. In ihren Texten befänden sich bereits Wertungen des so genannten Prätexts, also des an der Pressekonferenz abgegebenen Wortlautes. Als nächste in der News-Verwertungskette versuchen die elektronischen Medien zwar, ihre Berichterstattung mittels Experten- oder Betroffeneninterview zu differenzieren. Die ursprüngliche Wertung bleibt jedoch erhalten, denn «während der Arbeit gleichen Journalisten ihre Beiträge laufend mit denjenigen anderer Medien ab».
Aber nicht nur die brandaktuelle Aufbereitung von Aktualität kreiert tendenziell einen Einheitsbrei, auch die Printmedien am Folgetag liefern nur minimale Differenzierungen. Vor allem überregionale Zeitungen beziehen in Kommentaren zwar Stellung, doch für die hierzu nötige Eigenrecherche ist häufig keine Zeit. Ihre Texte basieren also wiederum auf (Agent)urtext – womit sich der Kreis schliesst.
In nüchternem Stil betreibt und belegt diese Analyse die Demontage der Journalisten als Autoren. Diese erscheinen vielmehr als «Textkompositeure» – und die Massenmedien werden als Institutionen gezeichnet, die von einer gut geölten PR-Maschinerie auf Trab gehalten werden. Um so erschreckender das unerschütterliche Vertrauen der Rezipienten. Eine parallel durchgeführte, nicht repräsentative Befragung zeigt nämlich, dass das Publikum den Einfluss der Agenturen als niedrig und den Anteil an Eigenrecherche als hoch einschätzt.
Der für alle – auch kommerzielle – Medienschaffenden brisante Befund, dass sich Redaktionen zunehmend in Kopieranstalten verwandeln, bedeutet für deren publizistische Produkte einen schleichenden Verlust an Glaubwürdigkeit und Einzigartigkeit. Die Erosion dieser beiden Säulen wird nicht nur das Publikum, sondern auch die werbetreibende Wirtschaft irgendwann zur Kenntnis nehmen und entsprechend quittieren.
> Medientexte zwischen Autor und Publikum. Intertextualität in Presse, Radio und Fernsehen von Martin Luginbühl, Thomas Baumberger, Kathrine Schwab und Harald Burger. Seismo-Verlag, Zürich 2002. 248 Seiten, Fr. 42.–.

Mari Serrano

More articles on the topic