Wenn Komplexes greifbar wird
YAAY: Ein Basler Start-up zeigt, wie sich Daten und Informationen eingängig visualisieren lassen.

Kommen Ihnen diese Situationen bekannt vor? Eine ausufernde Projektpräsentation, bei der die PowerPoint-Folien kein Ende nehmen wollen? Die Übersicht ging schon längst verloren, dafür ist die Vorfreude auf den anschliessenden Apéro umso grösser?
Dicke Geschäftsberichte, in denen sich beladene Grafiken und riesige Tabellen abwechseln, während die Motivation langsam dahinschwindet? Heute stehen mehr Daten und Informationen zur Verfügung als je zuvor. In Forschung, IT, Verwaltung, in Privatunternehmen, kurz: überall. Diese Informationen und Daten zugänglich zu machen, ist allerdings nicht ganz einfach. Müssen Grafiken zuerst mühsam entziffert, Tabellen und Dateien durchforstet werden, kostet dies Zeit und Nerven. Eine Herausforderung für die Kommunikation. Aus diesen Überlegungen heraus entstand die Designagentur YAAY. Das Team bestehend aus Spezialisten in den Disziplinen Grafikdesign, Produktdesign, Informatik, Ökonomie und Soziologie hat sich darauf spezialisiert, komplexe Sachverhalte zu visualisieren.
YAAY macht Informationen und Daten sichtbar, die irgendwo stecken: in Excel-Sheets, in Arbeitsprozessen, Konzepten oder Studien. Beispielsweise sorgt das Start-up dafür, dass Studienergebnisse nicht ungenutzt verschwinden. «Forschungsergebnisse werden oft zu wenig beachtet, weil sie nicht richtig präsentiert wurden», erklärt Informationsarchitekt Darjan Hil. Bei YAAY werden die Studienresultate denn auch nicht in Kurzzusammenfassungen oder PowerPoint-Präsentationen aufbereitet. «PowerPoint-Präsentationen sind für den Moment gemacht, danach werden sie weggeworfen », so Hil. YAAY will etwas erarbeiten, das länger Bestand hat, und dadurch für Nachhaltigkeit im Umgang mit Informationen sorgen. Als der Möbelhersteller Vitra eine Studie zu den Gestaltungsfaktoren am Arbeitsplatz in Auftrag gegeben hatte, hat YAAY deren Ergebnisse analysiert, verdichtet und illustriert. Wie verschiedene Faktoren – etwa Pflanzen oder die Lichtverhältnisse – die Produktivität und die Kreativität der Mitarbeiter beeinflussen, hat YAAY in Büroszenen nachgezeichnet. Einfach, konkret und in einer Form, die beim Betrachter Neugier weckt. Für Burckhardt + Partner hat YAAY die Jahresabschlusspräsentation konzipiert und realisiert.
Früher hatte das Architekturbüro die Reports jeweils mit einer klassischen Folienpräsentation vorgestellt. Nun sollte etwas her, das über die Veranstaltung hinaus eingesetzt werden kann. In Workshops arbeitete YAAY gemeinsam mit den Architekten heraus, in welcher Form die umgesetzten Architekturprojekte aufgezeigt werden sollen. Entstanden ist ein mehrere Meter langes Poster. Zuoberst sind – in Form einer Skyline – alle Bauprojekte massstabgetreu aufgereiht, darunter Informationen zur Dimension, zur Bauzeit und zur Investitionssumme aufgelistet. Mit nur einem Blick wird das Arbeitsspektrum der Architekten sichtbar, auf einem einzigen Blatt lassen sich die Bauwerke direkt vergleichen. Zusätzlicher Gewinn: Das Projekt landete nach der Feier nicht im Papierkorb, sondern wurde im Sitzungszimmer aufgehängt als eine neue dynamische Möglichkeit, Kundengespräche zu führen. «Durch dieses Poster wurde auch die interne Kommunikation und das Bewusstsein der eigenen Mitarbeiter selbst gestärkt», so Hil. Die Firmenpräsentationsmappe hatte damit ausgedient.
Mit ihren Visualisierungen unterstützt YAAY Unternehmen auch bei laufenden Projekten. Beispielsweise hat das Jungunternehmen eine Bebauungsstudie für die Umgebung des neuen Wiener Hauptbahnhofs begleitet. Ein Projekt, in das neben Burckhardt + Partner zwei weitere Architekturbüros involviert waren. YAAY hat ein sogenanntes visuelles Arbeitsinstrument konzipiert, das die Kooperation und Kommunikation zwischen den involvierten Projektparteien vereinfachen sollte, indem es für Überblick sorgt. Auf einem grossen Poster wurde die Umgebung um den Hauptbahnhof in Strukturen zerlegt und typologisiert. Die – unter anderem raumplanerischen – Anforderungen an das Grossprojekt, die sich die Architekten immer wieder vor Augen führen sollten, wurden stichwortartig aufgelistet. «Visualisierungen vereinfachen die Kommunikation und die Entscheidungsfindung», ist Hill überzeugt. Das hat er bereits während seines früheren Jobs im Projektmanagement der IBM und später bei der Credit Suisse erfahren. Als die Grossbank für die Softwareentwicklung mit einer externen Firma kooperierte, begann Hil die Anforderungen nicht nur schriftlich zu fixieren, sondern aufzuzeichnen. Für den studierten Wirtschaftsinformatiker der Auslöser, sich tiefer mit visueller Kommunikation auseinanderzusetzen. Er hängte ein Masterstudium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) Basel an. Dort lernte er die meisten seiner jetzigen Arbeitskollegen kennen.
Die Idee, YAAY zu gründen, basierte auf dem Wunsch, verschiedenste Disziplinen mit dem Können professioneller Designer interdisziplinär zu vereinen. Im alten SBB-Bahnhof St. Johann, in dem verschiedene Start-ups aus der Kreativwirtschaft untergebracht sind, hat sich das Team im Dachgeschoss ihre Büroplätze eingerichtet. Für das Projektmanagement zuständig ist Hil. Er schaut, dass die Organisation des «bunten Teams» funktioniert. Schliesslich vereinen sich bei YAAY nicht nur unterschiedliche Disziplinen, sondern auch verschiedene Kulturen. Illustratorin und Produktdesignerin Indre Grumbinaite kommt aus Litauen, Videografiker und Interaktionsdesigner Safak Korkut aus der Türkei Darjan Hils Wurzeln liegen in Südosteuropa, der Soziologe und Historiker Kurosch Hadinia hat einen iranisch-schweizerischen Familienhintergrund und nicht zuletzt sorgt die Grafikdesignerin Nicole Lachenmeier für die Schweizer Balance. Der gemeinsame Nenner ist bei YAAY denn in erster Linie nicht ein Fachgebiet oder eine Sprache, sondern die visuelle Kommunikation. Stellvertretend dafür steht der Agenturname. Hinter YAAY steckt keine verbale Bedeutung, sondern ein visuelles Konzept. Das Team hat mit den visuell ähnlichen Buchstaben A und Y gespielt und ein Logo kreiert (siehe Bild), das sich einprägt: «Hat man es einmal gesehen, bleibt es im Gedächtnis.» Mit einem visuellen Ansatz hat sich YAAY auch einem aktuellen gesellschaftlichen Thema genähert: der sozialen Ungleichheit. Für einen internationalen Wettbewerb für Informationsdesign («Out of Balance – Kritik der Gegenwart. Information Design nach Otto Neurath») haben sie Daten aus einer UBS-Studie visualisiert – und damit beim Wettbewerb der Architekturzeitschrift Arch+ gewonnen. Der Ansatz: Von der UBS erhielt YAAY sozioökonomische Daten aus verschiedenen Städten. Angaben zum Einkommen verschiedener Berufsgruppen, zu den Lebens- und Unterhaltskosten usw. Ihr Ziel: aus der Infomenge die gesellschaftliche Ungleichheit visuell greifbar machen.
Mit dem Bild der Einkommensschere hat YAAY die Lohndifferenzen je nach Berufsgruppen veranschaulicht (siehe rechte Seite). Je weiter die Schere geöffnet ist, desto grösser sind die Unterschiede in der jeweiligen Stadt. Je höher ein Job auf der Schere platziert, desto höher das Salär. Als Referenzpunkt wurde das Bruttoinlandprodukt auf der Schere verortet. Wer die «Scheren» miteinander vergleicht, kann darauf beispielsweise ablesen, dass ein Lehrer in Peking etwa gleich viel verdient wie ein Ingenieur. Arbeitet der Lehrer dagegen in Dubai, wird er schlechter entlöhnt als der Ingenieur, in Moskau ist er lohnmässig sogar einem Arbeiter gleichgestellt. Auf einem anderen Sujet werden die Löhne mit Punkten dargestellt und die Kaufkraft mit einzelnen Produkten und Dienstleistungen verdeutlicht.
Schliesslich wurde ein Konzept für eine Ausstellung entworfen, in der die Besucher die Ungleichheit am eigenen Leib erfahren. Beim Eintritt gelangen die Besucher an ein Glücksrad. Dieses weist ihnen eine Herkunft und einen Beruf zu – Finanzanalyst in Berlin oder Arbeiter in Mumbai? Mit der neuen Identität machen sich die Besucher an den Parcours. An einem Stand können sie die Kaufkraft beim Büchsenschiessen nachvollziehen. Je nach Beruf und Land stehen mehr oder weniger Bälle zur Verfügung, um die Büchsenpyramiden – die je nach Produkt grösser oder kleiner sind – abzuräumen. Der Finanzanalyst hat zig Bälle, der Arbeiter muss mit seinen wenigen Bällen schon treffsicher sein, will er ein iPhone erspielen. Weiter geht’s an eine Kletterwand. Hier stehen die Besucher je nach Beruf vor einer einfacheren oder schwierigeren Kletterroute. Ästhetik ist bei YAAY zentral – doch niemals willkürlich. Hinter dem, was YAAY aufs Papier bringt, steckt ein Konzept. Dies zeigt beispielsweise die diesjährige Kampagne für das Basler Clubfestival BScene, für das YAAY einen Trailer sowie diverse Drucksachen gestaltet hat. Auf den ersten Blick lässt das Kampagnensujet mit Dreiecken in verschiedenen Formen, Farben und Positionen nicht erahnen, dass es eine tiefere Bedeutung hat. Wer sich genauer mit den Dreiecken beschäftigt, entdeckt, worum es beim Festival geht: um die unzähligen Möglichkeiten, wie ein Festivalabend zusammengestellt werden kann.
Der Hintergrund: Beim Clubfestival treten an zwei Abenden in diversen Clubs verschiedene Basler Bands auf. Nach jedem Konzert können die Besucher das Lokal wechseln und ans nächste Konzert pilgern. Verschiedene Clubs, verschiedene Bands, zu verschiedenen Zeiten: Insgesamt haben die Besucher ganze 2916 Alternativen, ihren Festivalabend zu gestalten. Diese Kombinationsmöglichkeiten hat YAAY als Gestaltungselement verwendet. Die Farbe der Dreiecke steht für den Tag, der Winkel für die Auftrittszeit, eine Länge für die Grösse der Bühne, die andere für die Anzahl Musiker. «Wir wollten nicht die Bands vorstellen, sondern den Kern des Festivals auf den Punkt bringen», so Grafikerin Nicole Lachenmeier.
Festivalbesucher, die die Kombinatorik kalt lässt, lesen das Programm wie jeden anderen Flyer. Die übrigen haben ein Mittel in der Hand, um sich mit dem Festival spielerisch auseinanderzusetzen. Die durch die Festivaldaten entstandenen Dreiecke wurden für jede Anwendung neu kombiniert, mal streng nach Programmablauf für den Flyer, mal viel freier für das grosse Festivalplakat. Visualisierungen sind, wie die Beispiele zeigen, vielseitig einsetzbar. Zur Erarbeitung eines neuen Konzepts, für eine Unternehmenspräsentation oder einen Geschäftsbericht, als Begleitung eines Workshops, um grosse Datenmengen zu veranschaulichen oder Studienergebnisse aufzubereiten. Eines bleibt bei allen Projekten gleich: Wer YAAY beauftragt, kauft zwar Design ein, erhält aber viel mehr als das. Durch die Sicht der verschiedenen Disziplinen bietet YAAY ein Angebot, das weit über Visualisierungen hinausgeht. «Wir hinterfragen Prozesse, stellen Fragen und zeigen Lücken auf», so Hil. YAAY zwingt Auftraggeber dazu, ihre Prozesse und Abläufe zu überdenken, sich am Ende eines Projektes nochmals auf die wesentlichen Punkte zu besinnen. «Manchmal sehen die Leute den Wald vor lauter Bäumen nicht.» Die Sicht von aussen hilft, den Überblick zurückzuerlangen. «Wir verkaufen Informationen und Daten auf eine neue Weise», so Hadinia. «Wir machen etwas Ästhetisches aus ihnen.»
Isabel Imper



