Vom Himmel hoch

Kolumne CNN machte den Anfang. Al-Jazeera ist inzwischen auch in Englisch zu sehen, und die Franzosen legen mit France 24 nach: Ein Blick auf die Schlacht der Nachrichtenbilder am Fernsehschirm.

Kolumne CNN machte den Anfang. Al-Jazeera ist inzwischen auch in Englisch zu sehen, und die Franzosen legen mit France 24 nach: Ein Blick auf die Schlacht der Nachrichtenbilder am Fernsehschirm.Hier herrscht Bürgerkrieg», sagt der Reporter. Er meldet sich live aus Bagdad und scheint sich fast ein bisschen zu freuen: «Nur die Amerikaner wollen das nicht wahrhaben.» Für Frankreich jedenfalls ist es ein Tag des Triumphes: Nach langem Hin und Her geht endlich France 24 auf Sendung – der französische Newssender für die Welt, die späte Antwort der Grande Nation auf CNN. Besser hätte der Start nicht programmiert werden können. Am Tag zuvor – wirklich ein göttlicher Zufall – wurde in den USA der Baker-Bericht veröffentlicht, der die Bush-Regierung kritisierte. Chirac hatte mit seiner Politik des Widerstands gegen den Einmarsch im Irak Recht bekommen – und die Franzosen nun auch die Möglichkeit, dies mitzuteilen. Rund um die Uhr und rund um die Welt. Auf Französisch – und auf Englisch.Auf den Champs-Elysées feierte man ein grosses Fest. Der kanadische Ex-Premier Jean Chrétien wurde eingeflogen. Er unterstrich die Bedeutung von France 24 für die Frankophonie. Javier Solana vertrat die europäische Diplomatie. Chirac strahlte, als er den Startschuss gab: «Unparteiisch» werde Frankreichs Stimme in der Welt sein, erklärte er.
Seit dem ersten Golfkrieg 1991, als die Welt CNN entdeckte und die Amerikaner damit über das Monopol der Bilder und der Informationen verfügten, wünschte sich Paris einen eigenen Nachrichtensender. Bei jedem internationalen Konflikt wurde das Projekt neu lanciert. Völlig unverstanden und allein gelassen fühlte sich Chirac, als er 1995 auf Mururoa versuchsweise ein paar Atombomben zündete und zum Buhmann der Erde wurde. Mit dem Feldzug gegen den Krieg im Irak machte er sich wieder beliebt – ausser in den USA, wo sich Franzosenfeindlichkeit manifestierte. «French CNN» wurde lanciert. 170 zum Teil sehr junge Journalisten gehören zur Redaktion, eher bescheidene 80 Millionen Euro beträgt das Budget 2007.
Man kann France 24 problemlos im Internet sehen. Das Angebot ist keineswegs schlecht. Viel Blau – es ist die Nationalfarbe – attraktive Nachrichtensprecherinnen, Kultur und Lifestyle. Börse und Politik. Auch Sport. Aus Brüssel und Beirut melden sich eigene exklusive Berichterstatter. Aus Gaza und aus Moskau werden Reporter der staatlichen Nachrichtenagentur AFP zugeschaltet. Aus Jerusalem kommt der Korrespondent von France 2 ins Bild. Das journalistische Aufgebot ist durchaus beeindruckend.
Zwei Monate, und schon behaupten die Verantwortlichen, es sei France 24 gelungen, einen «anderen und neuen» Blick auf die internationale Aktualität zu werfen. Das ist von Europa aus schwierig zu beurteilen. Aber es lohnt sich, von hier aus einmal ein paar Blicke auf al-Jazeera zu werfen, den arabischen Sender, der durch seine Videos von Bin Laden berühmt wurde und kürzlich mit einem englischsprachigen Programm in die Schlacht der Bilder im Krieg der Kulturen zog. Al-Jazeera ist so professionell wie CNN. Systematisch werden auch israelische oder US-Statements eingeholt. Und nüchtern die Fakten aufgearbeitet. Verblüffend ist zum Beispiel, dass al-Jazeera wirklich ein anderes Bild von Afrika verbreitet, als wir dies auch von unseren nationalen Programmen serviert bekommen. Es ist nicht nur auf die Bäuche hungernder Kinder, Aids und Kindersoldaten beschränkt. Juristen, Banker, Diplomaten, Politiker, Intellektuelle kommen zu Wort – es gibt eine afrikanische Öffentlichkeit, von der wir als TV-Allerweltskonsumenten sonst nie erfahren.
Gleichwohl bleibt al-Jazeera so arabisch wie CNN amerikanisch ist. Auch auf den zweiten Blick sind es keine Propagandasender – die würde heute keiner mehr freiwillig einschalten. Für BBC World und die Deutsche Welle gilt das noch sehr viel mehr. Dennoch erzeugt erst ihre Vielfalt eine Form von Pluralismus. Jetzt wollen auch die Japaner einen globalen Newssender. Existiert in der Globalisierung nur, wer seine Bilder aus dem All rund um den Erdball verbreitet? Sicher nicht, und vielleicht macht das Internet Newssender sowieso obsolet.
Gleichwohl sollte sich auch die Schweiz die Frage ihrer internationalen Präsenz etwas ernsthafter stellen. Es wäre fatal, wenn Swissinfo weiter abgebaut würde. Der Infokanal des Deutschschweizer Fernsehens ist auf Satellit frei empfangbar, taugt aber kaum zur «Stimme der Schweiz». Generell sind die Westschweizer über die frankophone Kooperation, etwa bei TV 5, eher besser präsent. Auf France 24 allerdings haben wir die Schweiz bisher nur erlebt, als es um Johnny Hallydays Steuerexil in Gstaad ging. Sonst kommt sie nur im Wetterbericht und bei den Börsenkursen regelmässig vor.
 
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf
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