Vertreibung ins Paradies

Kolumne Demnächst wagt der Spiegel den Sprung in die Schweiz. Und folgt damit all jenen Deutschen, die vorher schon «rübergemacht haben» nach «Zureich» und Umland – auch der Fränkli wegen. Zeit für eine biografische Marktanalyse.

Kolumne Demnächst wagt der Spiegel den Sprung in die Schweiz. Und folgt damit all jenen Deutschen, die vorher schon «rübergemacht haben» nach «Zureich» und Umland – auch der Fränkli wegen. Zeit für eine biografische Marktanalyse.Montag war für mich immer schon Spiegeltag. Aufgewachsen in einem Thurgauer Grenzkaff, hatten die Ausflüge in die Konstanzer Altstadt mit ihrem Gassengewirr und den vergleichsweise mondänen Studentenkneipen zwangsläufig Event-Charakter. So auch wenns Anfang Woche an der väterlichen Hand zum rituellen Zeitungskauf nach «Kreuzlingen Nord» ging (Schweizer Lesart des Konstanzer Autokennzeichens KN). Diesseits des Schlagbaums war das Nachrichtenmagazin aus dem fernen Hamburg in den frühen 70er Jahren nämlich erst dienstags zu haben.Das publizistische «Sturmgeschütz der Demokratie» gehörte zum Inventar der elterlichen Wohnung und brachte meinem alten Herrn Woche für Woche ein Stück freiwillig eingetauschter Heimat auf den Wohnzimmertisch. Eingetauscht gegen eine materielle Sicherheit und politische Stabilität, die es so nur auf der Insel der Seligen gab und gibt. Als Land mit Konkordanz und ohne Opposition lebt die Schweiz von Risikovermeidung und Rücksichtnahme, auch im Journalismus. Die resultierende Langeweile war, neben besagter Vaterlandsverbundenheit, wohl der zweite Grund, weswegen es zu Hause nur deutsche Presse gab.
Sieht man einmal von Köppels redaktioneller Leibgarde ab, sind Stürmer und Dränger mit investigativem Biss in helvetischen Schreibstuben bis heute eine unbekannte Spezies geblieben. Das bestätigte auch Karl Dietrich Seikel, als ich ihn vor rund drei Jahren im Spiegel-Hochhaus interviewte. Und der damalige Spiegel-Verlagschef (und Tamedia-VR!) hatte immerhin den direkten Vergleich, schliesslich fädelte er dazumal gerade den nach aktuellem Stand vorletzten Facts-Relaunch ein. Deutsche und Schweizer Politik lassen sich aus historischen Gründen kaum vergleichen, weswegen Ähnliches auch für Art und Inhalt der Berichterstattung gelte, so Seikel treffend.
Dieser Mentalitätsunterschied könnte sich nun als matchentscheidend herausstellen im Kampf um den hiesigen Magazinmarkt. Denn welches Alleinstellungsmerkmal hat das orange Weltblatt, wenn nicht seinen Enthüllungsmythos? Nahe liegt vielmehr die Vermutung, dass die für den CH-Split zuständige Auslandsredaktion blind in jene Arroganzfalle tappt, die hier zu Lande instinktiv allem gestellt wird, was aus dem grossen Nordkanton kommt. Umso schwieriger wird der journalistische Tatbeweis zu erbringen sein, dass es bei dieser als «vorerst einmalig» deklarierten Aktion um mehr geht als ein paar zusätzliche Werbefränkli und/oder das Weichkochen von Facts. Kurzum, dass man auch in der vielleicht ältesten, sicher jedoch windstillsten Demokratie der Welt Sturmgeschütze auffährt.
Denn nicht nur im Verlag, auch in der Redaktion wurde die Schweiz bislang – wenn überhaupt – allenfalls als wirtschaftliches Randphänomen wahrgenommen. In den letzten zwölf Monaten etwa befand man einzig «Sawiris Wunder von Andermatt», «Blatter Superstar» und den «Kundenverlust deutscher Casinos» an die neue Schweizer Konkurrenz für berichtenswert. Und aufs Cover des Nachrichtenmagazins schaffte es die Schweiz noch nie. Selbst als vor zehn  Jahren der letzte Frontalangriff aufs Bankgeheimnis gefahren wurde, titelte der Spiegel «Die Liechtenstein-Connection».
Mein Vater (und mit ihm die wachsende Gemeinde der Heimwehdeutschen) freut sich jedenfalls auf die unerhoffte Regionalbeilage seines Leibblatts. Viele der vor bald 50 Jahren in die Schweiz emigrierten Kriegskinder gebrauchten dafür das Bild von der «Vertreibung ins Paradies». Den meisten von ihnen, gewiss aber ihren Nachkommen ist dieser paradoxe Schritt gut bekommen. Mal sehen, ob das für das wohl deutscheste aller Magazine auch gilt.
Oliver Classen ist Mediensprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor arbeitete er als Medienjournalist.?

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