Strassenmädchen und Sittenwächter in Helvetistan
Beim Umgang mit autokratischen Regimes zeigen sich die Wesenskerne von Werbung und Journalismus. Von Oliver Classen, Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern ehemaliger Medienredaktor.
Die aktuellen Liebesdienste respektive Peitschenhiebe für und gegen Aserbeidschans Staatskonzern Socar illustrieren die Widersprüche zwischen Käuflichkeit und Kritik. Wenn der turkmenische Diktator, wie jüngst geschehen, der versammelten Bundeshaus-Journaille faktisch einen Maulkorb verpasst, geht ein «Zensur»-Aufschrei der Empörung durch den Schweizer Blätterwald. Und wenn einer seiner bundesrätlichen Gastgeber – in diesem Fall unser Wirtschaftsminister – vor Amtsantritt noch bedenkenlos mit diesem Regime geschäftet hat, erntet er dafür nun harsche Kritik. Für eine funktionierende und widerstandsfähige Demokratie sind dies beides nicht nur legitime, sondern absolut notwendige journalistische Reflexe.
Wenn der Staatskonzern Socar aus dem nicht weniger autokratischen Aserbeidschan in der Schweiz 170 Esso-Tankstellen übernimmt, kommt selbst die hiesige Wirtschaftspresse nicht umhin, der prekären dortigen Menschenrechtslage wenigstens einen Nebensatz zu widmen. Ungeachtet dieses von Amnesty International im letzten Jahresbericht detailliert dokumentierten Missstands bastelt die Agentur Jung von Matt (JvM) in unheiliger Allianz mit der PR-Agentur Farner, die auch vor der Bespitzelung von NGOs nicht zurückschreckt, nun mit allen «tricks of the trade» an der millionenschweren Imagekorrektur des Öl- und Gasgiganten vom Kaspischen Meer.
Im Gegensatz zum unsichtbaren Schweizer Socar-Lobbyisten Farner hat sich der für die nationale Markeneinführung verantwortliche Werber öffentlich geäussert zu seinem «A-Klasse»-Mandat. Vielleicht musste er (auf journalistischen Druck) ja reden, wahrscheinlich aber wollte er (wie die meisten seiner Zunft) es sogar. Denn auch Thomas Deigendesch, Geschäftsführer von JvM/ brand identity, dürfte stolz sein auf Kommunikationshandwerk und jenes Rampenlicht geniessen, in dem sich sonst sein Boss oder seine Kunden sonnen dürfen. Was er im Persönlich-Interview zum Besten gab, zeugt allerdings von einer politischen Indifferenz und erschreckenden Ahnungslosigkeit, die symptomatisch ist für «die Kunst, auf den Kopf zu zielen und die Brieftasche zu treffen». (Vance Packard)
Auf die simple Frage nach der Identität seines Kunden etwa behauptete der Spezialist für Identitäts(um)bildungen allen Ernstes, Socar sei «nicht Aserbeidschan, (…) es ist ein eigenständiges internationales Unternehmen». Richtig ist: Socar wurde 1992 per Dekret des damaligen Staatspräsidenten Hejdar Alijew gegründet und zwei Jahre später schon von seinem Sohn Ilham geleitet, der die 10-Millionen-Einwohner-Republik seit 2003 mit harter Hand regiert. Der Alijew-Clan führt den neuen Montreux-Hauptsponsor und Migros- Geschäftspartner mit Strohmännern und Schachtelstrukturen wie einen transnationalen Familienbetrieb.
An die Konsumierenden gerichtet meinte Deigendesch zudem, «ich boykottiere doch auch nicht McDonald’s, wenn ich die Haltung der US-Regierung nicht gut finde». Zur Erinnerung: Bezüglich Pressefreiheit rangiert Aserbeidschan im Reporter- ohne-Grenzen-Ranking 2011 noch hinter Afghanistan auf Platz 152 von 180, und im Korruptionsindex von Transparency International sieht es ganz ähnlich aus. All dies und noch mehr haben die Schweizer Medien in den letzten Wochen sauber recherchiert und rapportiert, aber Markenmanager scheinen keine Zeitung zu lesen. Was immer man also von der globalen Frittenbude und der Administration Obama weiss oder hält: Dieser hahnebüchene Vergleich wäre eigentlich ein Fall für die Lauterkeitskommission oder, besser noch, den Presserat.
Überhaupt darf man gespannt sein, (ob) was passiert, wenn die drei Flammen nicht mehr nur auf Megaplakaten und an Zapfsäulen, sondern bald auch auf doppelseitigen Inseraten prangen. Wie wird der damit vorprogrammierte «clash of cultures» zwischen kommunikativer Käuflichkeit und journalistischer Kritik ausgehen? Wir bleiben dran.
