Schweiz und Premium?
Das Fragezeichen hinter dieser Verbindung kann man getrost streichen. Wahrscheinlich erzeugt es aber mehr Spannung, wenn man einen so offensichtlichen Zusammenhang in Frage stellt.
Das ist zumindest meine Hoffnung an die Leser. Also warum ist das Thema Premium hier interessant? Das liegt nicht etwa daran, dass wir auf dem Flughafen Zürich schon mit einem echten Premium- Preis für den Espresso begrüsst werden, sondern daran, dass die Schweiz ein ganz besonderes Verhältnis zum anspruchsvollen Film hat. Das unterscheidet sie gravierend von den meisten Nachbarstaaten in Europa, in denen längst weniger Kinobesucher auf so anspruchsvolle Filme setzen wie hier. This Brunner – eine legendäre Figur in der Szene der eidgenössischen Filmkunst und der entsprechenden Arthouse-Kinos – hat mir das einmal mit der kulturellen Vielfalt der Schweiz erklärt und begründet. Er sieht in der durch vier Sprach- und Kulturregionen geprägten Schweiz die erforderliche Sensibilisierung für die Filmthemen abseits des Mainstream. Dies dürfte auch eine gute Erklärung dafür sein, warum in der Schweiz so viele Filme in der Originalfassung – also nicht synchronisiert –gesehen werden. Beides ist ein kultureller Wert, um den man die Schweizer – aus Sicht des Nachbarn – nur beneiden kann. Dabei ist der Erfolg des Arthouse-Films gleichzeitig auch seine Bedrohung. Es gelangen im heutigen digitalen Zeitalter sehr viel mehr Filme ins Kino als in den zurückliegenden Jahren, da die technische (und Kosten-) Barriere des 35-mm-Films gefallen ist. Die Produktionskosten und vor allem die Kosten der Vervielfältigung sind heute dramatisch geringer. Das bedeutet nicht immer, dass die Qualität aller Filmstoffe wirklich Premium ist. Auf der anderen Seite investieren verstärkt auch Kinobetreiber in Studio-Kinos, die die anspruchsvollen Kunden vermehrt anlocken sollen. Ich bin überzeugt, dass sich dieses wichtige Segment durch ein breiteres und grösseres Angebot positiv entwickeln wird.
Menschen mit Anspruch
Diese Filme und Kinos erreichen Menschen, die heute über andere Medienkanäle nur sehr schwer und schon gar nicht mit Bewegtbild erreicht werden können. Menschen, die einen besonderen Anspruch an ihre Freizeitgestaltung, an ihr kulturelles Umfeld, an ihren Medienkonsum richten. Da werden einige ausgewählte Print-Titel hinein kommen, TV nur zu besonderen Themen und Anlässen, Online dient mehr der Information als der Unterhaltung. Das ist eine harte Nuss für die Markenkommunikation. Die Liste der Premium-Marken, die hier gerne landen wollen, ist lang. Das ist unser Ziel, hier eine funktionierende Kommunikationskette über die Premium-Kinos und -Filme aufzubauen. Wir setzen dabei insbesondere auf die starke emotionale Bindung, die diese anspruchsvollen Menschen an das Kino und an den Film haben. Das ist ein äusserst bewusster Medienkonsum, der hier stattfindet, der sorgfältig geplant ist und in dem der Inhalt – heute würde man das vielleicht Content nennen – eine besondere, zentrale Rolle spielt. Da gibt es so gut wie kein «Nebenbei», keine Ablenkung und auch keinen Second Screen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich das Arthouse-Publikum während des Films via Twitter oder Facebook der Zugehörigkeit zu digitalen Sozialsystemen versichert, es erlebt diesen sozialen Zusammenhang ja gerade live.
Aus allen uns zur Verfügung stehenden Wirkungsstudien wissen wir, dass der Grad der inhaltlichen und vor allem emotionalen Einbezogenheit im Medienkonsum entscheidend ist für Durchsetzung und Wirkung der Inhalte – auch der Werbung. Das ist Premium!
Wir müssen auch zugeben, dass der Anspruch dieses Publikums sich auch an die Inhalte vor dem Film richtet. Banalität, Plumpheit, Gimmicks stehen dort auf verlorenem Terrain. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass mit Produktionsbudgets à la Hollywood dagegen gehalten werden muss. Es bedeutet sehr wohl, dass man sich als Marke intensiv mit der Sichtweise dieser in der Schweiz sehr grossen und bedeutsamen Zielgruppe auseinandersetzen muss. Kreativität, Witz und Ideen sind aber keine Frage des Budgets. Damit sollte niemand kommen, Gegenbeispiele sind leicht anzuführen, besser noch zu zeigen. Auch beim Festival of Creativity in Cannes, dem Olymp der Werbung, gewinnen Ideen und nicht Budgets.
Das wäre eine grosse Hoffnung, dass wir in diesem besonderen Segment des Kinos nicht nur besondere Menschen und besondere Filme zusammen bringen, sondern auch mit Kampagnen berühren und erreichen, die ebenfalls Premium in kreativer Hinsicht sind. Und das ganz ohne Fragezeichen.
Florian Weischer, Geschäftsführer WerbeWeischer
