Schwarze Schafe

Der Vatikan in der Falle zweier lesbischer Frauen: Warum das Interview mit dem Negationisten-Bischof auch ein bisschen ein Medienskandal ist. Gastkommentar von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.

Auf die Spur brachte uns die NZZ. Der Vatikan, berichtete ihr Korrespondent in Rom, mache zwei «kirchenfeindliche französische Journalistinnen» für den Wirbel um den Negationisten-Bischof verantwortlich. Genannt wurden Caroline Fourest und Fiammetta Venner. Sie hätten zusammen ein Komplott gegen den Papst inszeniert. Der Vatikan in der Falle zweier Frauen? Dank dem Internet und den Archiven lassen sich die Spuren relativ leicht rückwärts verfolgen.
Als der Skandal über die vier Integristen-Bischöfe, die der Papst wieder in den Schoss der Kirche aufgenommen hatte, seinem Höhepunkt entgegensteuerte, veröffentlichte Caroline Fourest in Le Monde einen Artikel mit dem Titel «Petrus und die schwarzen Schafe». Die Autorin berichtete von den Umtrieben der Traditionalisten, die regelmässig Messen für den faschistischen Schriftsteller Maurice Bardèche lesen. Die regelmässig nach Auschwitz pilgern, um ehrfürchtig eines Genozids zu gedenken – nicht der Shoah. Sondern des «Genozids der abgetriebenen Föten». In diesen Kreisen, wusste Caroline Fourest, sei Papst Benedikt sehr beliebt.
Caroline Fourest schreibt als Kolumnistin regelmässig über Religionsfragen für Le Monde. Sie ist im Rundfunk zu hören, Redaktorin bei einer Zeitschrift und auch in den Talkshows wegen ihrer Streitlust ein gern gesehener Gast. Zuletzt erschien ihr Buch über die Verbindungen des Vatikans zu den Ultra-nationalisten. Sie sind eines ihrer Spezialgebiete.
Auch mit Fiammetta Venner zusammen hat Caroline Fourest Bücher und Artikel veröffentlicht. Sie haben sich mit den Fundamentalisten aller Religionen – der jüdischen, der islamischen, der christlichen – angelegt. Auch wegen deren Homosexuellenfeindlichkeit. Fourest, noch nicht viel älter als dreissig Jahre, kämpft für die Rechte der Homosexuellen, präsidiert ihre Vereinigung und tritt im Fernsehen mit Fiammetta Venner unverkrampft als Paar auf.
Verschwörungstheorien – auch wenn sie aus dem Vatikan kommen – muss man misstrauen. Die Frage, ob Fourest und Venner tatsächlich einen Coup landen wollten, darf allerdings sehr wohl gestellt werden. Ein Skandal an sich wäre das nicht. Sie kennen den Negationisten-Sumpf ausgezeichnet. Und der Umweg über das schwedische Fernsehen erweist sich ebenfalls als äusserst geschickt. Vielleicht war der dubiose Bischof Williamson durchaus informiert. Und machte noch so gerne mit. Die beiden Französinnen haben das Interview, das im vergangenen November aufgezeichnet wurde, eingefädelt. Fiammetta Venner war Gast in der Sendung, in deren Rahmen es ausgestrahlt wurde.
«Wir haben den Kollegen einen Tipp gegeben», erklärt sie zu den Vorwürfen aus Rom. Und spricht von einem «schlechten Witz»: «Auch in die Nähe der Freimaurer hat man uns gerückt. Weil wir antiklerikal sind – aber es geht doch, schien mir, um Fundamentalisten. Weder wir noch das schwedische Fernsehen kennen den päpstlichen Kalender im
Voraus.»
War das Timing nur aus Zufall so perfekt? Dass Fourest und Venner über die bevorstehende Rehabilitation der ausgeschlossenen Bischöfe bestens informiert waren, zeigen ihre Publikationen in den Wochen zuvor. Das Williamson-Interview war ein toller Streich, eine glänzende Inszenierung. Und ist ein zynisches Lehrstück: So funktionieren Politik und Medien.
Nicht die Rolle von Caroline Fourest als Anstifterin und Vermittlerin ist skandalös. Aber ihr publizistischer Auftritt als Kommentatorin einer Inszenierung, bei der sie an zentraler Stelle beteiligt gewesen war, hinterlässt einen schalen Beigeschmack – denn der Leser erfährt davon nichts. Auch im Interview, das Le Monde mit Venner führte, kam dieser Aspekt nicht zur Sprache.
Diese Zusammenhänge sind der Glaubwürdigkeit der unerbittlich schreibenden, gnadenlos argumentierenden französischen Journalistinnen nicht förderlich. Aber noch weniger sind sie für den Vatikan und den Papst eine Entschuldigung. So tollpatschig sie in die Falle zweier Frauen getappt sind: Der Fall des Bischofs, der die Existenz der Gaskammern leugnet und dies als «freie Meinungsäusserung eines Nichthistorikers» bezeichnet, ist mehr als ein Kommunikationsproblem.

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