Sämi und die Hunde
Der Rücktritt von Samuel Schmid, das Herz von Hans-Rudolf Merz: Der Begriff des Rudeljournalismus, geprägt von einem Soziologen, hält auch in der Schweiz Einzug. Sind wir eine Meute, die ihre Opfer jagt? Schaffen wir ein eisiges Klima wie im Kalten Krieg? Gastkommentar von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf und Buchautor.
Hunde nannte sie der Präsident, «des chiens». Journalisten sind Hunde, hatte sich einst Mitterrand empört. Er formulierte seine Journalistenschelte an der Abdankung nach dem Suizid seines Premierministers Pierre Bérégovoy. Jetzt hält der Begriff des Rudeljournalismus, geprägt von einem Soziologen, auch in der Schweiz Einzug. Sind wir eine Meute, die ihre Opfer jagt? Schaffen wir ein eisiges Klima wie im Kalten Krieg? «Nur einmal schrieben die Medien in der Schweiz so einhellig in dieselbe Richtung» wie über Samuel Schmid, hat dessen Kollege Hans-Rudolf Merz gesagt und sich auf den Soziologen gestützt: «Beim Ungarn-Aufstand 1956.»
Alle haben Samuel Schmids Tränen gesehen – und die Fernsehzuschauer auch das Nasenbluten. Vornehm legten die Fotografen die Kameras zur Seite. «Die Bluttropfen waren politisch nicht relevant», erklärte der Keystone-Reporter in einer Zeitung, und durch ihre Abbildung wäre der scheidende Minister «visuell diskreditiert worden». Man kann das so sehen. Der Blick hat den Rücktritt mit Blut und Tränen auch im Print bildlich dokumentiert. Man kann das als geschmacklos empfinden.
Sehr viel schockierender fand ich den Umgang der Medien mit Merz, als er auf der Bahre ins Spital gebracht wurde und das Fernsehen vom Dach aus filmte. Warum hat Merz nicht in eigener Sache protestiert, als systematisch das Arztgeheimnis und seine persönliche Würde verletzt wurden? Kompensierte er jetzt mit seinem unsäglichen Vergleich mit der Berichterstattung über den Ungarn-Aufstand? Man darf vielleicht daran erinnern, was damals hierzulande mit Zeitgenossen geschah, die sich der offiziellen öffentlichen Meinung nicht beugten. Und sich zum Beispiel zum Kommunismus bekannten.
Ich habe keinen einzigen wirklich schlimmen und primitiven Artikel über Samuel Schmid gelesen, der eine Sache für den Presserat wäre. Gegen den Willen der SVP war Schmid in den Bundesrat gewählt worden. Er musste wissen, was ihn bei den Freunden erwartete. Als Gegenfigur zu Blocher stand er mehr als andere im Scheinwerferlicht. Und er wurde auch öfter zur Lichtgestalt verklärt. Nach dem Putsch des Parlaments gegen Blocher – über den ich mich freute – war vorauszusehen, dass auch Schmid in der eidgenössischen Kollektivinszenierung eine neue Rolle zugeteilt würde. In verschiedenen Fällen hat er zudem in den vergangenen Monaten Fehler begangen. Die Geschichte bekam eine Dynamik, die auf einen Rücktritt hinauslief. Aber Medienberater eines Ministers müssten in der Lage sein, diese Mechanismen zu durchschauen. Und eine solche Situation zu entschärfen.
Mehr als das Nasenbluten im Blick haben mich die Tränen schockiert. Hatte es sie auch nach dem Unfall in der Kander gegeben? Ein Verteidigungsminister darf vor den Medien nicht kapitulieren und sollte den eigenen Rücktritt ohne Weinerlichkeit verkünden.
Aber vielleicht waren Sämi Schmids Tränen ja auch nur solche der Vorfreude und die Medien gar nicht schuld an seinem Rücktritt. Das suggerierte Peter Rothenbühler in seiner Kolumne im welschen Boulevardblatt Le Matin.
Schmids Labrador und sein Deutscher Schäfer waren vor geraumer Zeit gestorben. Bei den Spaziergängen mit ihnen sei er glücklich gewesen. Sie waren der Ausgleich zu seinem Stress. Doch solange er im Amt blieb, durfte sich der Verteidigungsminister keine neuen Hunde zulegen. So hatte es «Vreni» bestimmt, seine Frau, und «Sämi» selber treuherzig dem Journalisten erzählt.
Vielleicht hat Schmid seine neuen Hunde schon bekommen. Sie werden ihm auch helfen, die Entzugserscheinungen zu überwinden, die der Rücktritt aus dem brutalen Rampenlicht auslösen wird. Und vielleicht taucht eines Tages sogar ein neues Bild von der historischen Abschiedspressekonferenz – ein Communiqué hätte es auch getan – auf. Das Nasenbluten könnte sehr wohl zur emblematischen Szene einer Epoche werden: Der Zeit, in der sich die politische Auseinandersetzung in der Schweiz immer mehr in die Arena der Medien verlagerte und dem Boxen zu ähneln begann.
Alle haben Samuel Schmids Tränen gesehen – und die Fernsehzuschauer auch das Nasenbluten. Vornehm legten die Fotografen die Kameras zur Seite. «Die Bluttropfen waren politisch nicht relevant», erklärte der Keystone-Reporter in einer Zeitung, und durch ihre Abbildung wäre der scheidende Minister «visuell diskreditiert worden». Man kann das so sehen. Der Blick hat den Rücktritt mit Blut und Tränen auch im Print bildlich dokumentiert. Man kann das als geschmacklos empfinden.
Sehr viel schockierender fand ich den Umgang der Medien mit Merz, als er auf der Bahre ins Spital gebracht wurde und das Fernsehen vom Dach aus filmte. Warum hat Merz nicht in eigener Sache protestiert, als systematisch das Arztgeheimnis und seine persönliche Würde verletzt wurden? Kompensierte er jetzt mit seinem unsäglichen Vergleich mit der Berichterstattung über den Ungarn-Aufstand? Man darf vielleicht daran erinnern, was damals hierzulande mit Zeitgenossen geschah, die sich der offiziellen öffentlichen Meinung nicht beugten. Und sich zum Beispiel zum Kommunismus bekannten.
Ich habe keinen einzigen wirklich schlimmen und primitiven Artikel über Samuel Schmid gelesen, der eine Sache für den Presserat wäre. Gegen den Willen der SVP war Schmid in den Bundesrat gewählt worden. Er musste wissen, was ihn bei den Freunden erwartete. Als Gegenfigur zu Blocher stand er mehr als andere im Scheinwerferlicht. Und er wurde auch öfter zur Lichtgestalt verklärt. Nach dem Putsch des Parlaments gegen Blocher – über den ich mich freute – war vorauszusehen, dass auch Schmid in der eidgenössischen Kollektivinszenierung eine neue Rolle zugeteilt würde. In verschiedenen Fällen hat er zudem in den vergangenen Monaten Fehler begangen. Die Geschichte bekam eine Dynamik, die auf einen Rücktritt hinauslief. Aber Medienberater eines Ministers müssten in der Lage sein, diese Mechanismen zu durchschauen. Und eine solche Situation zu entschärfen.
Mehr als das Nasenbluten im Blick haben mich die Tränen schockiert. Hatte es sie auch nach dem Unfall in der Kander gegeben? Ein Verteidigungsminister darf vor den Medien nicht kapitulieren und sollte den eigenen Rücktritt ohne Weinerlichkeit verkünden.
Aber vielleicht waren Sämi Schmids Tränen ja auch nur solche der Vorfreude und die Medien gar nicht schuld an seinem Rücktritt. Das suggerierte Peter Rothenbühler in seiner Kolumne im welschen Boulevardblatt Le Matin.
Schmids Labrador und sein Deutscher Schäfer waren vor geraumer Zeit gestorben. Bei den Spaziergängen mit ihnen sei er glücklich gewesen. Sie waren der Ausgleich zu seinem Stress. Doch solange er im Amt blieb, durfte sich der Verteidigungsminister keine neuen Hunde zulegen. So hatte es «Vreni» bestimmt, seine Frau, und «Sämi» selber treuherzig dem Journalisten erzählt.
Vielleicht hat Schmid seine neuen Hunde schon bekommen. Sie werden ihm auch helfen, die Entzugserscheinungen zu überwinden, die der Rücktritt aus dem brutalen Rampenlicht auslösen wird. Und vielleicht taucht eines Tages sogar ein neues Bild von der historischen Abschiedspressekonferenz – ein Communiqué hätte es auch getan – auf. Das Nasenbluten könnte sehr wohl zur emblematischen Szene einer Epoche werden: Der Zeit, in der sich die politische Auseinandersetzung in der Schweiz immer mehr in die Arena der Medien verlagerte und dem Boxen zu ähneln begann.
