Sags nicht, sags nicht!

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Wilhelm über Wörter, die weh tun.

Unser Gehirn nimmts gerne wörtlich, aber auf seine Weise: Wenn Sie «Bali» hören, denken Sie an Ihren letzten Baliurlaub und die Glückshormone drängen Ihnen die Mundwinkel nach oben – es sei denn, Sie haben am weissen Traumstrand einen Ehestreit vom Zaun gebrochen und/oder sind mit Vollkaracho in einen Seeigel getreten. Dann funkt Ihr Hirn «damminochmal» oder «aua @#!~!£*ø?ÿ&}{@%#», während andere «herrlich» denken. Bestimmte Wörter können als verbale Reize unser Glücks- und Schmerzgedächtnis aktivieren. Das haben Psychologen der Universität Jena mit einer Studie belegt. So spüren zum Beispiel die meisten Menschen, die das Wort «Spritze» hören, den Schmerz schon, bevor der Arzt zusticht.
Was Glück oder Schmerz und Abscheu erzeugt, ist sehr individuell: Derzeit gibt es zum Beispiel jede Menge Umweltschützer, Präsidenten und Ingenieure, die beim Stichwort «BP» vor Schmerzen zusammenzucken. Bei Shell hingegen sprudeln die Glückshormone. Auch weniger tagesaktuelle Begriffe verursachen je nach Person Freudensprünge oder ausgeprägtes Leid: «Jena» (Jönö) zum Beispiel, «Bundesregierung», «High Heels», «Bikini», «Schwiegermama», «Familienbesuch» oder «Weisheitszahn». Bei Letzterem plant der Kieferchirurg bereits seinen nächsten Baliurlaub (besonders, wenn er entzündet ist, der Zahn), Nicht-Zahnärzte spüren ein Ziehen in der Wange, hören den aufheulenden Bohrer und das widerliche Knacken der Nadel, die langsam ins Zahnfleisch eindringt …
Ist Ihnen auch schon ganz schlecht?

Wenn Arbeit weh tut
Auch «Arbeit» ist so ein Begriff, der unterschiedlichste Gefühle hervorruft: Der eine braucht nur über sie zu reden, um bereits seine Endorphine in Schwung zu bringen (kommt häufig vor, meist Anzugträger), der zweite hasst seinen Job leidenschaftlich und bemüht sich durch Nichtstun, etwaige Schmerzen zu vermeiden (die Regel). Der Dritte erledigt seine Arbeit einfach (selten). Sprechen Sie zu diesen dreien von «Ferien», tun die ersten beiden gleichgültig – während der Erste nicht weiss, wie er die arbeitsfreie Zeit überleben soll, und schon einmal im Hotel anruft, ob die auch WLAN haben, und der Zweite zu verbergen versucht, dass er mit all seinem Nichtstun nur auf diese Zeit im Jahr hin«gearbeitet» hat. Der Dritte freut sich öffentlich auf den verdienten Urlaub – und bezieht dafür vom Chef (der ersten Kategorie) eine Ladung böser Blicke. «Kann doch nicht sein, dass man sich auf so etwas freut!»
Vor Leggings weglaufen
Wenn Sie lernen möchten, Menschen besser einzuschätzen, müssen Sie herausfinden, wie deren Stammhirn funkt. Ein kurzer Test: Was empfinden Sie bei «Leggings»? Wie fühlen Sie bei «Herrenbadehose»? Und was regt sich bei Ihnen, wenn Sie «Achtelfinale» hören? Schon gut, schon gut. Ich wollte Sie nicht verletzen.
Die Jenaer Forscher können auch begründen, warum das wortgesteuerte Schmerzempfinden biologisch sinnvoll ist: Schmerzhafte Erfahrungen sind potenzielle Bedrohungen für Leib und Leben. Sie werden in unserem Gedächtnis gespeichert, damit wir ähnlichen Gefahren aus dem Weg gehen. Also laufen Sie weg, wenn Sie «Leggings» hören (oder welche sehen). Beim Thema «Herrenbadehose» kaufen Sie bitte die richtige (keine Schwimmshorts! keinen String!). Und wenn der Chef etwas von Ihnen will, sagen Sie das Wort, das ihn für Stunden lahmlegt: «Ferien»!

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