Risse in der Statik?

Kommentar Bezahlangebote von TV-Sendern werden die gute, alte Fernsehwerbung nicht verdrängen, ist Christian Gartmann überzeugt.

Gastkommentar Bezahlangebote von TV-Sendern werden die gute, alte Fernsehwerbung nicht verdrängen, ist Christian Gartmann überzeugt.Wieder einmal droht uns also ein Riss in
den herkömmlichen Ertragsmodellen der TV-Networks … Das klingt
beinahe so, wie wenn die Fernsehanbieter von heute ihre
Geschäftsmodelle schon vorgestern in Beton gegossen hätten und nichts
mehr daran verändern könnten. Die Realität ist eine andere: Moderne
Medienkonzerne verändern sich mit der Technik und den daraus
entstehenden Businessmodellen.  On-Demand-Angebote sind nur eines
davon. Erster Treiber für die neue Vielfalt im Medienangebot sind
Verfügbarkeit und Zusammenwachsen von Übertragungskapazitäten und
Geräten, auf denen Medien konsumiert werden. Bald wird ein User kaum
mehr unterscheiden, ob ein Film, eine TV-Show, ein Computerspiel, eine
E-Mail oder ein Blog über Satellit, TV-Kabel, Telefonleitung, UMTS oder
WLAN zu ihm gekommen ist. Er wird sich dafür nicht interessieren. Was
zählt, sind der Inhalt und der Preis.
Es wird immer User geben, die sich etwas gratis ansehen, auch wenn
«gratis» in der Realität eben eigentlich«werbefinanziert» heisst. Ein
Teil der Kundschaft wird auch Bezahldienste nutzen, sei es im Abo
(«subscription») oder pro Abruf («per view»). Parallel zur
technologischen Entwicklung verschieben sich so Geldströme in
veränderte oder neue Wertschöpfungsketten. Fernsehkonzerne stehen
dieser Entwicklung nicht etwa im Weg; sie gehören zu deren
Katalysatoren. Telekommunikationskonzerne sichern sich bei ihnen die
Inhalte, welche die neuen Verbreitungskanäle zum Leben erwecken.
Die ProSieben-Sat-1-Gruppe etwa, in der Schweiz wie in Deutschland
grösster nichtstaatlicher TV-Anbieter, bietet in Kooperation mit
deutschen Telekommunikationsanbietern nicht weniger als zehn Mobile
Channels und eine umfassende Palette an Breitband-Inhalten im Internet
an; einen Teil davon gegen Gebühr. So kann, wer die neueste Folge der
Erfolgs-Telenovela «Verliebt in Berlin» von Sat 1 früher als alle
anderen sehen will, das auf seinem Handy tun.
In der Schweiz ist das Angebot noch nicht so breit, aber auch unser
kleiner Markt wird erschlossen werden. So wird uns in wenigen Jahren
über herkömmliche und neue Verbreitungswege eine breite Palette von
«free-» und «pay»-Angeboten zur Verfügung stehen. Und die gute, alte
Fernsehwerbung als unser wichtigstes Businessmodell?
Kaum jemand, der sich vorurteilsfrei mit freiem Fernsehen beschäftigt,
behauptet ernsthaft, dass Free-TV mit der dazugehörigen TV-Werbung in
10 Jahren nicht mehr wesentlich sein wird. Sicher, die Werbung wird
sich weiter entwickeln und über technologische Grenzen von heute
hinauswachsen. Gefordert sind dabei alle Beteiligten: Politik,
Werbekunden, Mediaagenturen, Kreative und Medienhäuser. Wer es heute
nicht schafft,
sich trotz Margendruck inhaltlich und organisatorisch auf die neuen
Entwicklungen einzustellen, wird vom Markt gefegt werden. Eier legende
Wollmilchsäue werden aber auch auf der digitalen Weide von morgen
genauso selten grasen wie auf der analogen von heute. Auch in zehn
Jahren werden gute Ideen noch genauso gefragt sein wie solides
Handwerk.

Christian Gartmann ist Geschäftsführer für die Schweiz der ProSieben- Sat-1-Gruppe.

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