Protest 2.0
In letzter Zeit konnte man gut beobachten, wie sich Menschen via Social Media organisieren, um ihre Anliegen oder auch richtige Proteste öffentlich zu manifestieren. Das jüngste Beispiel kommt aus Bern. Innerhalb einer Woche haben sich über 16 000 Personen auf der Facebook Page «Ich boykottiere den Medienmarkt, dem die Berner Markthalle weichen musste» zusammengefunden.
Das prominenteste Beispiel dieser Art von Protest in diesem Jahr ist allerdings nicht aus der Schweiz, sondern aus der Türkei. In Istanbul auf dem Taksim-Platz startete einige Wochen zuvor ein ähnlicher digitaler Protest. Während es auch in diesem Fall um ein Shopping- Center ging, sind die Folgen der Proteste um einiges gewaltiger als in Bern. Sie sind sogar so tiefreichend, dass bei den Demonstrationen in Istanbul schnell Parallelen zum Arabischen Frühling gezogen wurden. Auf den ersten Blick scheint es so. Schaut man näher hin, gibt es zwischen den türkischen Protesten und den Aufständen in den nordafrikanischen Ländern von 2010 grosse Unterschiede. Gerade im Bezug auf den Einsatz von Social Media, der ja massgeblich zu beiden Bewegungen beigetragen habe, sind mindestens folgende drei zu nennen:
Erstens: Während in den nordafrikanischen Ländern die Internetpenetration zwischen 0 und 15 Prozent liegt, ist in der Türkei die Internetnutzung mehr als gängig. Die Türken gehen nämlich gut doppelt so viel über ihr Mobiltelefon ins Netz als der europäische Durchschnitt. Mittlerweile gibt es mehr als 40 Millionen 3G-Abonnenten (Stand 2012). Dass die Proteste gegen die Beseitigung des Gezi-Parks in Istanbul stark über Twitter organisiert wurden, ist demnach kein grosses Wunder. Und das bringt uns zum zweiten Unterschied. Der Arabische Frühling, so hiess es, sei dank Social Media in Bewegung gekommen. Vergleicht man aber den Ursprung der Tweets, sind frappante Unähnlichkeiten festzustellen. Die Tweets mit den Hashtags #occupygezi, #direngezipark und #geziparki kamen zu 90 Prozent aus der Türkei und davon wiederum die Hälfte aus Istanbul selbst. In der ägyptischen Revolution von 2010 waren nur knapp 30 Prozent der Tweets im arabischen Raum «geolocated», der Rest kam von der internationalen Community – zudem richteten sich die meisten der Tweets an angelsächsische Leserkreise, denn sie waren in Englisch geschrieben. Hieran knüpft dann auch der dritte Unterschied. Fast alle dieser inländischen Tweets waren in Türkisch geschrieben. Was klar darauf hindeutet, dass die türkischen Bürger Twitter benutzten, um untereinander zu kommunizieren, respektive sich zu organisieren. Der Einsatz von Social Media in den Protesten rund um Istanbul ist wirklich beachtlich. Unter anderem weil die inländischen Massenmedien wenig bis nichts darüber berichten wollten, haben die Protestierenden begonnen, einem Live-Ticker gleich, den Nicht-Anwesenden, auch mithilfe von Videos, mitzuteilen, was vor Ort geschieht. Sie haben sich sogar gegenseitig dazu ermutigt, den Fernseher auszuschalten und «Twitter zu lesen». Unter dem Hashtag #BgünTelevizyonlar?Kapat», was so viel heisst wie «turn off the TVs today», läuft unterdessen ein neuer Boykott an.
Liebe Firmen und Regierungen, merken Sie sich das: Der Mensch will, sei es als Kunde oder als Bürger, dass seine Anliegen ernst genommen werden. Und was passiert, wenn man das nicht tut? Wo tut er diese dann kund? Über die Kanäle, die ihm vertraut sind. Es ist ganz einfach, versperrt man ihm die klassischen Kanäle, weicht er aus und organisiert sich über andere Möglichkeiten. Und dazu gehört heute selbstverständlich auch Social Media. Ein Grund mehr, diese neue Plattformen ernst zu nehmen.
Von Manuel P. Nappo, Studienleiter CAS Social Media Management HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. www.fh-hwz.ch/smm
