Photo 14 und die «Föteli»

Die «photo», die grösste Werkschau der Schweiz, zeigte neben altbewährten Fotografen vielversprechende Newcomer. Die Aussteller gingen das Wagnis ein, kalendertaugliche Motive mit Avantgarde zu konfrontieren, und zeigten sich dabei spielerisch und frei von jeglicher Bewertung. Die Werbewoche sprach mit Andreas Wilhelm, einem der drei Kuratoren der «photo14».

Unbenannt-1_16

WW: Andreas Wilhelm, wie fühlen Sie sich jetzt als Kurator, wo die «photo» wieder zu Ende ist?
Andreas Wilhelm: Dieses Mal bin ich ganz entspannt, weil ich das «photoForum» abgegeben habe und mich nur um die Kuratierung kümmern musste. Ausserdem haben wir aus dem letzten Jahr gelernt und den Ausstellern engere Rahmenbedingungen gegeben, wie sie ihren Ausstellungskubus gestalten können. Erst im August fange ich dann wieder an, Portfolio-Reviews zu organisieren.
 
Sie haben beschlossen, neben Ihrer Agentur «13 Photo» mit einer Gruppe einen Zusammenschluss freier Bildredakteure zu gründen. Warum?
Im Moment sehe ich die Tendenz, dass immer weniger Manpower immer mehr leisten muss. Bildredakteure werden gesucht ohne Ende – aber nicht fest angestellte. Es gibt zu wenig Mentoren für Bildredakteure. Da wird einfach einer hingesetzt, der soll mal Bilder suchen. That’s it. Ein Land, in dem «Föte- li» das Wort für Bilder ist, kann kein Land sein, das fotografisch nachhaltig ist. Gleichzeitig liebe ich die Schweizer Fotografie: dieses Unprätentiöse, Exakte, die Ideen hinter den Fotos!
 
2005 hat es die erste «photo» gegeben. Können Sie sich daran erinnern?
Da waren 50 bis 60 Aussteller hier in der Halle – das war eine Katastrophe! Ich bin damals gar nicht hingegangen … Aber die Leute von Blofeld, die die «photo » organisieren, haben von Anfang an daran geglaubt, obwohl sie gar nicht genau wussten, wohin das Ganze eigentlich gehen soll. 2009 haben sie mich dann angefragt, um die «photo» weiterzuentwickeln. Die Hallen standen im Januar immer leer und so konnten wir sie die ersten Jahre relativ günstig mieten – das ist natürlich nicht mehr so.
 
Ihr habt mittlerweile auch internationale Grössen für Vorträge und Ausstellungen gewinnen können. An der Vernissage lässt man sich gerne blicken. Setzt ihr verstärkt auf den «Promi-Faktor»?
Ja, wir setzen schon auch auf die Stars. Die guten Kontakte zu James Nachtwey, Jürgen Teller, Bruce Gilden und anderen Fotografen aus dieser Liga machten sich hier für uns bezahlt.
 
Gibt es verschiedene Bereiche, nach denen ihr sortiert?
Wir wollen jede Kategorisierung vermeiden. Hier liegt Modefotografie neben Architektur, Amateurfoto neben Profifoto. Jeder, der hier durchgeht, soll selbst für sich entscheiden, was ihn interessiert. Gerade gestern habe ich wieder mit einem Fotografen diskutiert, weil er die Qualität der Ausstellung infrage gestellt hat. Mitmachen will er trotzdem nicht. Ich finde, sie sollen sich ruhig der Herausforderung stellen und ihre Arbeiten neben die der Amateure legen und schauen, ob sie bestehen. Ehrlich, wo hat man schon die Chance, seine Arbeit 20 000 Leuten zu präsentieren?
 
Als ich mir die Websites der ausgestellten Fotografen durchgesehen habe, hatte ich zum Teil den Eindruck, ihr habt auch richtiggehend Kalenderfotografen dabei.
Wir müssen 125 Fotografen ausstellen, da kommen wir nicht drum herum. Wir nehmen das beste von dem, was da ist. Ich freue mich über die jungen, neuen, frischen, die auch hier sind. Leider sind nicht sehr viele Editorials eingereicht worden, sondern vielmehr diese kleinen Bildwelten, die die Fotografen mehr oder weniger für sich machen können. Kommerziell kommen sie damit nirgends hin. Vier oder fünf Fotografen sind hier ausgestellt, die würde ich sofort buchen, wenn ich ein Magazin machen würde.
 
Mögen Sie mir ein Beispiel geben?
Sandro Bäbler hat vor vier Jahren das erste Mal an der «photo» ausgestellt. Er hat danach einen riesen Sprung gemacht. Er hat verstanden, was die «photo» für ihn bedeuten kann. Mit einem Kollegen hat er jetzt auch noch den Film gemacht, der hier ausgestellt ist. Das hat Zukunft. Dann Maros Kostas, ein ganz junger «BaZ»-Fotograf. Die Bilder stimmen alle: die Tonalität, die Momente, das Spiel von Schärfe und Unschärfe. Die hinterlassen einen Eindruck. Oder dann ist da Lorenz Walter mit seiner aufwendigen Arbeit. Wahnsinn, was da dahintersteckt – so viel Zeit und Energie, bis das alles sitzt! Erst 23 und dann haut der so eine Inszenierung hin!
 
Ein paar Fotografen sind mit Motiven aus Afrika oder anderen exotischen Ländern vertreten. Ist hier das Sujet schon die «halbe Miete»?
Darüber diskutiere ich auch oft. Ich sag dann immer: bring mir mal eine Serie aus der Schweiz, die so aussieht wie die, dann bist du top! In Afrika, Indien oder Asien sieht alles anders aus, da ist das Setting schon vorhanden. Es gibt einen Unterschied zwischen Folklore und Reportage.
 
Manche Bilder sind hart an der Grenze zum Kitsch. Wie stehen Sie dazu?
Es ist nichts verboten, wenn etwas gut gemacht ist. Ich will nichts in eine Form pressen. Vieles ist langweilig, wenn es nur schön ist. Für manche Arbeiten, die hier gezeigt werden, ist in der Schweiz nicht das geeignete Magazin vorhanden. Früher wären solche Bildserien in der Vogue über 15 Seiten inszeniert worden. Es gibt keinen Platz mehr für Wahnsinn.

Interview: Doris Oberneder

Artikel im PDF-Format (Bilder)

More articles on the topic