Ordnung herrscht!

Seit Anfang Jahr geht die Stadt Zürich schärfer gegen Wildplakatierer vor

Seit Anfang Jahr geht die Stadt Zürich schärfer gegen Wildplakatierer vorKaum eine Baustellenwand oder eine Hausmauer in Zürich, die nicht mit farbigen Kleinplakaten beklebt ist. Ob sie einige Tage oder nur eine Stunde hängen, Wildplakate prägen das urbane Bild. War früher unkontrollierter Wildwuchs die Regel, bieten seit den Siebzigerjahren Firmen ihre Dienste in der kontrollierten Kleinplakatierung an. Alive und Propaganda, die von sich behaupten, die grössten Anbieter in der Schweiz zu sein, sind zwei davon. Ihre Plakateure beklebten Mauern und Wände und kassierten hie und da eine «Parkbusse», wie Propaganda-Inhaber Sandro Galli die Polizeisanktionen bei unerlaubter Plakatierung nennt. Dieser «Tarif» dürfte in nächster Zeit massiv angehoben werden. Denn die stärkere Präsenz des immer beliebteren Mediums ist der Zürcher Stadtverwaltung schon länger ein Dorn im Auge. Enorme Kosten bei der Beseitigung (eine Million Franken pro Jahr) sowie der verstärkte Druck privater Grundeigentümer und Ladenbesitzer, zwangen die Stadt zum Handeln, wie Bernhard Liechti vom Amt für Städtebau erklärt. Seit 1. Januar werden Plakateure nicht mehr im Ordnungsbussenverfahren bestraft, sondern vor dem Polizeirichteramt verzeigt. Zudem wird das Bussgeld massiv angehoben. Plakatieren ist nur auf offiziell bewilligten Stellen oder Plakatsäulen der Stadt erlaubt. Absprachen zwischen Wildplakatierer und Privaten für den Aussenbereich sind nichtig.
Von der Regelung betroffen sind nicht nur die Anbieter der Wildplakatierung. Auch Kleinveranstalter kultureller Anlässe haben das Nachsehen: Die Restriktionen führten zu einer massiven Reduktion von Klebstellen. Im Bereich Kultur bietet die Stadt allerdings als Gegenleistung rund 120 spezielle Kultursäulen an, zudem seien die Gelder für einen weiteren Ausbau bereits gesprochen, meint Liechti: «Wir wollen Kulturwerbung fördern.»
Bereits 1999 kündigten die Behörden eine härtere Gangart im Umgang mit Wildplakaten an. Seither hat sich Steff Gruber, Inhaber von Alive, mit sechs Akquisiteuren um den Aufbau von Plakat.com – einem bewilligten Stellennetz für Kleinplakate – bemüht. Gruber bewirtschaftet heute rund 1000 Plakatstellen, die sich aus 800 Indoor- und 70 Outdoor-Stellen sowie neu 120 Abfall-Containern zusammensetzt. Bis Ende 2003 sollen es 2000 sein.
Konkurrentin Propaganda bietet ihren Kunden ebenfalls gut 1000 Kleinplakatstellen an, dabei ist der Anteil der behördlich genehmigten Stellen aber verschwindend klein. Doch auch an der Rötelstrasse, dem Sitz von Propaganda, bemüht man sich um einen stetigen Ausbau eines solchen Netzes, schliesslich wolle man Konflikte vermeiden, versichert Galli. Die neue Regelung hat bereits erste Opfer gefordert: Ende Jahr musste Propaganda 25 ihrer insgesamt 75 Mitarbeiter entlassen. «Wir sind zwar in der ganzen Schweiz tätig, aber Zürich ist der grösste Markt», erklärt Galli. Für das laufende Jahr rechnet er zudem mit «starken Umsatzeinbussen» im Raum Zürich.
Propaganda und Alive stellen sich auch Zusammenarbeit vor
Bei Alive freut man sich derweil über neue Kundschaft, wie Gruber verrät. Eine Zahl nennt er keine, es handle sich aber unter anderen um grosse Kulturveranstalter, die bisher auf Wildplakate verzichtet hätten. Trotz dieser Tendenz im Kundenbereich, rechnet Gruber nicht damit, dass die behördlichen Sanktionen rasch einen Einfluss auf seine Bilanz haben werden: Die Akquisition der Plakat.com-Stellen hat Alive bis heute ungefähr 1,2 Millionen Franken gekostet. Für den zusätzlichen Ausbau rechnet Gruber mit «mehreren Hunderttausenden von Franken».
Wenn die Stadt ihre Bestrebungen wie geplant rigoros umsetzt, müsste auch Propaganda in Zürich ihre Strategie ändern. Gegenüber einer möglichen Zusammenarbeit – wie sie bereits für die Bewirtschaftung der Kultursäulen besteht – zeigen sich Galli und Gruber offen. Eine gemeinsa-
me Infrastrukturnutzung können sich beide «sehr gut» vorstellen. Konkrete Projekte gäbe es aber noch keine. Simone Keller

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