Orakeldämmerung
Kommentar Die Trendforschung boomt ungebrochen, doch wesentliche Veränderungen der Wirtschaft kommen meist durch die Hintertür.
Kommentar Die Trendforschung boomt ungebrochen, doch wesentliche Veränderungen der Wirtschaft kommen meist durch die Hintertür.Überraschend hat Reto Wüthrich seinen Rückzug aus dem Trendbusiness erklärt. In den letzten Jahren hat der rührige Zukunftsforscher aus Bern rund 200 Trendbriefe versandt. Ungewohnt selbstironisch verkündet er in seinem letzten Pepper-Mail, es gäbe schlicht keine Trends mehr: «Wir befinden uns in einer Epoche der vollständigen Auflösung von Modeströmungen in unzählige kleine, kaum mehr fassbare Moden.» Er habe seine Schuldigkeit getan und wolle sich nun «handfesten Projekten» zuwenden, wie beispielsweise der Neupositionierung des Lokalsenders Radio Extra Bern. Zum Abschluss fordert das Hauptstadt-Orakel seine Leserschaft auf, sich künftig vom Bauchgefühl leiten zu lassen: «Unternehmen Sie etwas Schönes. Und etwas Richtiges.» Also ganz nach dem Motto, jeder sein eigener Trendforscher.Diese Kapitulation ist umso bemerkenswerter, als die Nachfrage in Sachen Zukunftsberatung ungebrochen scheint: Unlängst ist in Hamburg der gut besuchte 8. Deutsche Trendtag zu Ende gegangen. Und um dem «steigenden Firmeninteresse an Zukunftsforschung» aus erster Hand nachzukommen, bietet Matthias Horx neuerdings gar einen Telefonservice an. Bei dem Direktberatung unter dem Namen «Zukunft live» handle es sich um «reale Menschen», die jederzeit Red und Antwort stehen.
Ungebrochen scheint demnach das Bedürfnis nach Offenbarung und die Lust an der Spekulation über die Welt von morgen. Die Wirtschaftskrise tut dem
keinen Abbruch, im Gegenteil. Wenn Manager und Politiker nicht mehr weiter wissen, fragen sie Experten um Rat. Angesichts von deren Dauerfehleinschätzungen der Wirtschafts- und Medienentwicklung müssten diese eigentlich längst ein gröberes Glaubwürdigkeitsproblem haben: Wenn die Welt sich hartnäckig weigert, sich der Theorie zu fügen, dann könnte das ja auch an der Theorie liegen.
Doch Selbstkritik ist nicht die Stärke dieser Branche, die unablässig die Zukunft aus dem Geiste des Gegenwärtigen beschwört. Ihre Vorhersagen über Börsengeschehen, Rohölpreise, Wachstumsraten oder politische Abstimmungen und Wahlen mögen mathematisch noch so gut untermauert sein, grundsätzlich lassen sie sich nicht von Kaffeesatzlesen oder dem Blick in die Kristallkugel unterscheiden. Ebenso wenig kann die Evolution unserer Welt vorausgesagt werden.
Selbst wenn die Prognostiker alle Einflussgrössen möglicher Faktoren bedenken, wird sich die Entwicklung der Medien – geschweige denn unserer Gesellschaft – nicht berechnen lassen. So werden bei all diesen modernen Orakeln Blinde von Blinden nach dem Weg in die Zukunft befragt. Doch einschneidende Veränderungen kommen meist durch die Hintertür, unkalkulierbar und zufällig. Sonst hätte die Implosion der New Economy wohl kaum so viele Wirtschaftsführer kalt erwischt.
Samuel Helbling, Chefredaktor
Ungebrochen scheint demnach das Bedürfnis nach Offenbarung und die Lust an der Spekulation über die Welt von morgen. Die Wirtschaftskrise tut dem
keinen Abbruch, im Gegenteil. Wenn Manager und Politiker nicht mehr weiter wissen, fragen sie Experten um Rat. Angesichts von deren Dauerfehleinschätzungen der Wirtschafts- und Medienentwicklung müssten diese eigentlich längst ein gröberes Glaubwürdigkeitsproblem haben: Wenn die Welt sich hartnäckig weigert, sich der Theorie zu fügen, dann könnte das ja auch an der Theorie liegen.
Doch Selbstkritik ist nicht die Stärke dieser Branche, die unablässig die Zukunft aus dem Geiste des Gegenwärtigen beschwört. Ihre Vorhersagen über Börsengeschehen, Rohölpreise, Wachstumsraten oder politische Abstimmungen und Wahlen mögen mathematisch noch so gut untermauert sein, grundsätzlich lassen sie sich nicht von Kaffeesatzlesen oder dem Blick in die Kristallkugel unterscheiden. Ebenso wenig kann die Evolution unserer Welt vorausgesagt werden.
Selbst wenn die Prognostiker alle Einflussgrössen möglicher Faktoren bedenken, wird sich die Entwicklung der Medien – geschweige denn unserer Gesellschaft – nicht berechnen lassen. So werden bei all diesen modernen Orakeln Blinde von Blinden nach dem Weg in die Zukunft befragt. Doch einschneidende Veränderungen kommen meist durch die Hintertür, unkalkulierbar und zufällig. Sonst hätte die Implosion der New Economy wohl kaum so viele Wirtschaftsführer kalt erwischt.
Samuel Helbling, Chefredaktor
